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Olympia-Aus rettet Bahnhofs-Läden

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München - Die ersten Kündigungen waren schon ausgesprochen: Acht Läden hätten den Hauptbahnhof bald räumen sollen, um Platz für den Bau des zweiten S-Bahn-Tunnels zu machen. Doch weil der sich verzögert, setzt die Bahn die Kündigungen aus. Viele Händler sind darüber überglücklich.

Detlef Hilmer kann es noch gar nicht glauben. „Wenn Sie eine Frau in meinem Alter wären, würde ich Sie jetzt küssen“, sagt er zu dem Reporter unserer Zeitung, von dem er die Nachricht erfährt: Hilmers Laden für antike Postkarten im Hauptbahnhof darf bis auf Weiteres bleiben. Eigentlich hat ihm die Bahn den Mietvertrag gekündigt, Anfang 2012 hätte er schließen müssen. Doch davon ist die Bahn nun wieder abgerückt. „So viel Steine gibt es gar nicht, wie mir jetzt vom Herzen fallen.“

Seit 28 Jahren besteht Hilmers Traditionsgeschäft an der Frontseite des Hauptbahnhofs - unter Sammlern ist er eine international bekannte Institution. Hunderttausende von Postkarten aus alten Zeiten führt er - fein säuberlich geordnet stapeln sie sich bis an die Decke. Aus praktisch jedem Land, aber auch aus jedem Münchner Stadtteil hat er eine große Auswahl an Motiven - hier sieht man München, wie es früher einmal war. Der ganze Laden, die hohen alten Regale, erzählt er, wurden exakt auf die Größe der Postkarten-Schachteln zugeschnitten. „Wenn ich hier herausgemusst hätte - ich hätte nicht gewusst, was ich machen soll.“

Doch beinahe wäre es 2012 soweit gewesen. Die Bahn als Vermieter hatte Hilmer mitgeteilt, er müsse den Bahnhof verlassen - er und sieben weitere Läden im Gebäude. Die Bahn stand damals noch unter erheblichem Zeitdruck: Bis zu möglichen Olympischen Spielen 2018 hätte die zweite S-Bahn-Stammstrecke gebaut werden sollen. Dafür wäre die Empfangshalle abgerissen und durch einen Neubau ersetzt worden. „Wir mussten einigen Läden vorsorglich kündigen - um das Baufeld freizumachen“, so ein Bahn-Sprecher. Im Frühjahr 2012 hätten die Arbeiten beginnen sollen - 29 Läden wären betroffen gewesen. Für die meisten fänden sich aber woanders im Gebäude Ersatzflächen, hieß es seinerzeit. Vorrang hätten Geschäfte, die Reisebedarf bieten. Doch für acht Betriebe gebe es leider keine Ersatzflächen, darunter neben Hilmer auch der Drogeriemarkt Müller, das Münzgeschäft „City Mint“, das Schuhgeschäft „Görtz“, der Modeladen „Top Trend“, zwei Handygeschäfte und das „Institut freies Lernen“.

Doch nun kommt alles anders: Olympia 2018 wird nicht in München stattfinden. Das bedeutet: Die Planer des S-Bahn-Tunnels können nicht mit einem Sonderbudget rechnen. Ob und wann der Tunnel und der neue Hauptbahnhof gebaut werden, ist nun völlig unklar - es könnte noch einige Jahre dauern. Und so hat das IOC in Durban auch über die nähere Zukunft Hilmers und der anderen Bahnhofshändler entschieden. Denn wie die Bahn nun mitteilte, werden die Kündigungen auf unbestimmte Zeit ausgesetzt, die Geschäfte dürfen vorerst bleiben.

Auch Winod Parkash atmet auf. Er führt einen der betroffenen Handy-Läden. „Der Laden ist meine Existenz“, sagt der 32-Jährige. „Davon muss ich meine Familie ernähren.“ Postkarten-Händler Hilmer betont: Privat hätte es ihn gefreut, wenn München Olympia bekommen hätte. „Aber wegen meinem Geschäft bin ich erleichtert.“ Eines ist ihm aber klar: Vermutlich hat er nur einen Aufschub erhalten. Die Pläne für Tunnel und Bahnhofsneubau werden irgendwann wieder aktuell werden - Bahn und Freistaat haben sie keineswegs ad acta gelegt. In jedem Fall aber habe er Zeit gewonnen, sagt Hilmer. „Jetzt sehe ich für mein Leben wieder eine positive Perspektive.“

Johannes Patzig

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