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Lehrer soll Waldorfschüler sexuell missbraucht haben

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München - Es war eine Nachricht, die an der Rudolf-Steiner-Schule in Schwabing alles verändert hat: Ein Lehrer soll fünf Waldorfschüler sexuell missbraucht haben. Nun steht der Prozess gegen den 57-Jährigen kurz bevor.

Der Mann, der eine ganze Schule in die Krise stürzte, genoss als Lehrer einen exzellenten Ruf. Gisela Meining-Schopf, Lehrerin an der Rudolf-Steiner-Schule in Schwabing, erinnert sich gut, was Eltern über ihren ehemaligen Kollegen sagten: „Dieser Lehrer kennt unser Kind fast besser als wir.“ Über 25 Jahre lang war Rudolf F. (57, Name geändert) an der Münchner Waldorfschule tätig. „Er galt als begabter Pädagoge mit einem unglaublichen Einfühlungsvermögen“, sagt Meining-Schopf. „Wir mussten lernen, dass dies womöglich Tarnung war.“ Denn Rudolf F. soll seine Position auf schlimmste Weise ausgenutzt haben.

Die Staatsanwaltschaft Augsburg wirft ihm 22 Fälle des schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern vor. In seiner Wohnung in

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Sie wollen nun präventiv gegen Missbrauch vorgehen: Gisela Meining-Schopf, Jakob Marti und Klaus Weise (v. li.) vor der Rudolf-Steiner-Schule in Schwabing. © Kurzendörfer

Landsberg und während einer Klassenfahrt soll er sich an fünf Schülern im Alter von zehn und elf Jahren vergangen haben. Laut Anklage passierten die Taten in zwei Zeiträumen: von Mai 1998 bis Juni 1999 und von Mai 2011 bis zu den Sommerferien 2012. Dann flog Rudolf F. auf – und ließ verstörte Schüler, Eltern und Kollegen zurück. „Letztlich geben Eltern ihr Kind in die Waldorfschule, weil es besonders behütet sein soll“, sagt Meining-Schopf. „Die Fallhöhe bei einem Vertrauensverlust ist unglaublich hoch.“ Schülervater Klaus Weise bestätigt das: „Mein Sohn geht auf die Waldorfschule, und das hat für mich immer impliziert: Dort kann so etwas nicht sein. Im Nachhinein komme ich mir naiv vor.“

Es waren die Opfer selbst, die den Pädagogen meldeten. Rudolf F. wurde erst suspendiert, dann wurde ihm fristlos gekündigt, er sitzt in U-Haft. Am kommenden Montag soll in Augsburg der Prozess gegen ihn beginnen, noch ist unklar, ob der 57-Jährige die Taten einräumen, leugnen oder zu den Vorwürfen schweigen wird.

Fest steht: Seit die Missbrauchsvorwürfe am 24. Juli 2012 bekannt wurden, ist die Schule nicht mehr dieselbe. „Am Tag darauf wurde ein Krisenteam gebildet“, sagt Jakob Marti, Schülervater und Vorstandsmitglied. „Man befürchtete natürlich schlimmste Reaktionen von Seiten der Eltern.“ Die Kommunikation habe aber gut funktioniert, Kurzschlussreaktionen – etwa panische Abmeldungen von Schülern – habe es nicht gegeben.

Innerhalb von zehn Tagen waren das Kultusministerium, das Kinderschutzzentrum und „Kibs“, eine Beratungsstelle für männliche Opfer sexueller Gewalt, involviert. Noch im Juli begannen Gespräche mit den Kindern, die Opfer werden bis heute psychologisch betreut. „Wir haben die betroffene Klasse halbiert, um genügend Aufmerksamkeit für die einzelnen Kinder zu sichern“, sagt Meining-Schopf. Psychologen sprachen auch mit den Lehrern, im März begann „Kibs“ dann mit der Supervision des Kollegiums. In sieben Sitzungen wurden die Missbrauchsvorwürfe aufgearbeitet. „Das war ein schmerzhafter Prozess“, sagt Meining-Schopf. „Letztlich hat man Schuldgefühle und fragt sich: Wieso ist mir nichts aufgefallen? Am liebsten würde man die Rückwärts-Taste drücken.“

Erschwerend kommt hinzu: Schon zwei Mal hatte es diffuse Hinweise auf einen möglichen Missbrauch durch Rudolf F. gegeben – in den Jahren 1989/90 und 1999/2000. „Diese Hinweise waren an den falschen Stellen innerhalb der Schule platziert, ihnen wurde nicht geglaubt“, sagt Meining-Schopf. „Das müssen wir ändern, es muss eine Mitteilungspflicht an die Verantwortlichen geben, sobald so etwas aufkommt.“ Diese Dokumentationspflicht soll Teil eines Präventionskonzepts werden, das in diesem Schuljahr erarbeitet wird. „Wichtig für eine gesunde Präventionskultur ist das Gleichgewicht zwischen Vertrauen und Misstrauen“, sagt Vorstandsmitglied Marti. „Das müssen wir finden.“

akg

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