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Lädt zum Tango am Königsplatz: Levent Göksu tanzt innig mit einer schönen Frau vor den Säulen der Antikensammlung.

Tanz-Szene in München

Tango am Königsplatz: Leidenschaft in lauer Sommernacht

Jeden Abend lädt Levent Göksu bei schönem Wetter am Königsplatz auf eine Milonga ein. Die Münchner folgen der Einladung gerne. In der Landeshauptstadt gibt es sogar eine richtige Tango-Szene. Eine Geschichte über Leidenschaft, Melancholie und die bayerische Seele.

München - Da sitzen sie wieder. Mit ihren schönen Kleidern und hohen Hacken. Trinken Wein, ratschen. Und warten – auf ihren nächsten Tanzpartner. Warm geht die Sonne unter am Königsplatz. Zwischen den Säulen der Antikensammlung tanzen Paare, eng umschlungen. Mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Zu Akkordeon. Geige. Klavier. Die Szene wirkt irgendwie, als wäre sie aus der Zeit gefallen. Als spiele sie in den 20er-Jahren in Buenos Aires. Und nicht im München der Gegenwart. Und genau diese Reise, weg von Zeit und Raum, suchen die Tänzer. Seit etwa drei Jahren kommen sie an den Königsplatz. Levent Göksu (40) lädt sie dazu ein. Von Mai bis Oktober. Immer dann, wenn die Sonne scheint. Meistens legt ein Dj auf. Keine Charts, sondern dramatische Tango-Musik.

Man könnte Göksu als bunten Vogel bezeichnen. Man sieht ihn mit extravagantem Hut, goldener Jacke und bunten Bändern im Haar. Oder mit gegelten Haaren und dünnem Schnauzer. Göksu lernte Einzelhandelskaufmann, dann Physiotherapeut, Osteopathie und Shiatsu-Therapie. Das macht er immer noch. Am Abend ist er aber Tänzer. Er gibt Tango-Unterricht. Im Sommer meistens am Königsplatz. Die Teilnehmer zahlen auf Freiwilligen-Basis. „Ich habe als Kind schon auf türkischen Hochzeiten getanzt“, sagt er. Würde er sagen, er kommt aus Buenos Aires, würde man’s ihm glauben. Optisch zumindest. Denn statt südamerikanischem Akzent hat Göksu einen niederbairischen Dialekt. „Ursprünglich kum i aus Rottal Inn“, sagt er und grinst. Der Dialekt ist aber Nebensache, Hauptsache ist, dass er Tango spricht.

So wie die Münchnerin Daniela Raisig. Sie spricht Tango mittlerweile fließend. Sie tanzt ihn auch schon einige Jahre. Beim Tango kommuniziert man mit dem Gefühl, sagt sie. „Du musst dich dabei ganz schön outen, musst dich auf den Partner einlassen.“ Einerseits, weil man sich beim Tanzen sehr nah kommt. Die Umarmung ist intim. Die Oberkörper berühren sich. Die Wangen liegen aneinander. Andererseits, weil die Rollenverteilung klar definiert ist. Der Mann führt, die Frau lässt sich führen, muss ihrem Partner vertrauen. „Viele Frauen können das nicht“, sagt Raisig. „Sie wollen die Kontrolle nicht aufgeben.“ Es gibt aber auch Frauen, die es genießen, dass sie die Zügel mal loslassen können.

Die 42-jährige Künstlerin und Designerin kommt bei schönem Wetter regelmäßig an den Königsplatz. Manchmal geht sie auch in die Nachtkantine, in den Schlachthof oder fährt an den Tegernsee oder nach Murnau. Je nachdem, wo gerade eine Milonga – also eine Tango-Veranstaltung – stattfindet. Meistens begegnet sie einer Handvoll, die auch am Königsplatz tanzt. Manche tingeln von einer Milonga zur nächsten. Fahren sogar durch ganz Europa, um zu tanzen. Es ist wie eine Sucht. Dabei ist Tango kein neuer Hype. „Die Szene in München gibt es seit etwa 20 Jahren“, sagt Raisig. Die Münchner Tango-Szene hat sich bereits einen Namen gemacht. Selbst das Literatur-Urgestein Martin Walser hat in seinem Roman „Ein sterbender Mann“ über sie geschrieben. „Sie ist die größte nach Berlin“, sagt Raisig. Seit etwa fünf Jahren kommen wieder mehr Tänzer dazu. Viele finden zufällig zum Tango, so wie Raisig. Jahrelang hat sie Salsa getanzt. „Dann habe ich was Neues gesucht.“ Fasziniert habe sie damals die melancholische Musik, sagt sie.

„Viele Männer sind vom Tanzkurs für den Abschlussball traumatisiert“

Das hört Oliver Fleidl häufiger. Der Münchner ist Chef der Tanzschule am Deutschen Theater. Die Tangokurse laufen super. Das Tolle daran? Einerseits sind die Regeln beim Tango ganz klar, andererseits könne man wunderbar improvisieren. Muss man manchmal auch. Beziehungsweise Frau. Denn Männer sind beim Tango häufig Mangelware. Meistens herrscht bei den Milongas weiblicher Überschuss. „Tanzen ist für viele Männer problembelastet“, sagt Fleidl. Viele sind vom Kurs für den Abschlussball traumatisiert. „Die trugen damals Zahnspange, hatten Pickel und die Partnerin war einen Kopf größer.“ Bei manchen Männern sitzen diese Erinnerungen tief.

Dass sie aufgefordert werden, überlassen die Frauen nicht dem Zufall. „Du musst schon aus der Menge herausstechen“, sagt Raisig. Zum Beispiel mit einem roten Kleid. Ein typisches Tangokleid ist eng anliegend und wird nach unten hin weiter. Hinten ist es länger geschnitten als vorne. „Du brauchst die Bewegungsfreiheit“, sagt Raisig. Obligatorisch sind die hohen Schuhe. Ohne Hacken geht gar nichts. Man bewegt sich darin automatisch femininer, sagt die Künstlerin. Beim Tanzen muss sie jedoch überzeugen. „Da bist du nicht nur eine schöne Frau, sondern auch eine Tänzerin.“ Dabei hat man es als weiblicher Part ohnehin etwas leichter als die Männer. Die brauchen nämlich gut zwei Jahre, bis sie eine Frau führen können.

Nach Bayern passt der Tango besonders gut, findet er. Auch hier gehen die Uhren rückwärts, ähnlich wie in Buenos Aires. Außerdem sei der Bayer an sich sehr musikalisch. Schon alleine, weil viele beim Trachtenverein waren. Tango ist Leidenschaft und Melancholie. „Beides hat der Bayer auch in sich“, sagt Göksu. Er muss es wissen. Er hat sich den Tango genau angeschaut. In ganz Europa. Sogar in Argentinien war er. „Jetzt bleib i aber da“, sagt er. „Ich will, dass die Leut’ zu uns kommen.“ In die bayerische Hauptstadt des Tango. Nach München, zum Königsplatz.

Magdalena Kratzer

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