Wie eine Gebirgskette sieht Sebastian Iblers Projekt aus – in Wirklichkeit hat der Student damit aber ein Musikstück visualisiert.

Tüftler, Bastler, Verrückte

München - Im „FabLab“ in Neuhausen lassen blutige Anfänger und versierte Profis aus einfachen Materialien die tollsten Dinge entstehen.

Laser, 3D-Drucker, CNC-Fräse – im „FabLab“ an der Elvirastraße in Neuhausen stehen allerlei Hightech-Geräte bereit, die auch Laien benutzen können. Das offene Labor ist ein gemeinnütziger Verein, der sich im Juni 2010 gründete. „FabLab“ steht für „fabrication laboraty“, ein Fabrikationslabor. Das erste FabLab wurde 2002 am Massachusetts Institute of Technology gestartet.

Rund 60 Mitglieder hat das Münchner FabLab im Moment – damit platzt die kleine Werkstatt schon aus allen Nähten. Deshalb ist der Verein bereits auf der Suche nach größeren Räumen. Für das Konzept ist das FabLab heuer von der Initiative „Land der Ideen“ der Bundesregierung ausgezeichnet worden – dafür, dass es einen Ort für Kreative bietet. Wir trafen mehrere der Münchner Tüftler und ließen uns ihre Projekte vorstellen.

Mario Klingemanns „Like-Button“

Normalerweise ist der „Gefällt mir“-Button von Facebook ein paar Pixel groß, man klickt darauf tagein, tagaus, ohne besondere Gefühlsregung. Der „Gefällt mir“-Button von Mario Klingemann (42) ist über zehn Zentimeter lang, er ist massiv, ihn zu drücken eine wahre Freude. Deshalb drücken ihn die meisten Besucher im FabLab nicht nur einmal, sondern gleich fünf- oder zehnmal.

Klingemann beschreibt sich selbst als Mischung aus Künstler und Programmierer. Hauptberuflich schreibt er Software für Start-up-Unternehmen in den USA. Neben der Arbeit sitzt er im Erdgeschoss über dem FabLab, das bei ihm zur Untermiete eingezogen ist. Und oft kommen ihm Ideen, manchmal verrückt, immer kreativ. So wie der „Gefällt mir“-Button.

„Das sollte ein Kunstwerk werden, das anderen gleich zeigt, wie viele es mögen“, erklärt Klingemann. Momentan sind das 2168 Personen. Rund 500 drückten den Knopf während eines Kunstfestivals, für das Klingemann die Box im vergangenen Oktober gebastelt hatte. Seitdem hängt sie neben der Treppe, die hinab ins FabLab führt, und jeder Besucher drückt begeistert.

Für Klingemanns Verhältnisse ist die Box noch ein relativ simples Produkt. In seiner Werkstatt steht außerdem eine Schreibmaschine, die Bilder „malt“, indem sie Buchstaben übereinander druckt. Eine andere Apparatur spritzt kleine Farbtupfer auf ein Blatt Papier und ist für Menschen gedacht, die kein Talent zum Malen haben. „Funktioniert aber noch nicht so gut“, räumt Klingemann ein.

In der „Gefällt mir“-Box arbeiten ein Chip aus Italien und das Display einer alten Kasse vom Flohmarkt. Innerhalb von zwei Wochen war die Box fertig. Aber sie hat auch ihre technischen Grenzen. „Der Chip kann nur bis zu einer bestimmten Zahl speichern“, sagt Klingemann. Bei knapp 4,3 Milliarden „Gefällt mir“-Drückern ist Schluss. Aber das dürfte für das FabLab vorerst auch reichen.

Kresimir Dulics „Quadrocopter“

Selbst etwas bauen, das abhebt und fliegt – ein Traum für Männer. Das war auch der Traum von Kresimir Dulic (37). Seit einem Jahr kommt er regelmäßig ins FabLab. Zuerst bastelte er kleine Wappen, als Geschenke. Für seinen „Quadrocopter“, ein senkrecht startendes Fluggerät mit vier Propellern, hat er am Laser zunächst einen Flugkörper zurechtgeschnitten. Hinzu kamen einige Computerchips und ein Teil aus einer Wii-Fernbedienung, damit der Quadrocopter Neigung und Beschleunigung messen kann.

Besonderes Schmankerl: Bald soll Dulics Fluggerät auch Bewegtbild übertragen können. Dafür hat der 37-Jährige eine ehemalige Sachertorten-Holzkiste umgebaut und einen Monitor integriert. Hier soll dann das Bild gezeigt werden, das eine kleine Kamera an der Unterseite des Quadrocopters überträgt. „Das ist eigentlich alles gar nicht so kompliziert“, sagt Dulic.

Vor seinem aktuellen Quadrocopter gab es schon fünf andere Modelle. Die meisten haben einige von Dulics abenteuerlichen Flugmanövern nicht überlebt. „Einen Quadrocopter habe ich nachts im Feld verloren“, gibt er zu. Damit könnte bald Schluss ein: Dulic will einen GPS-Chip zur Ortung in das Fluggerät einbauen.

Das Basteln ist für ihn kein neues Hobby. „Mein Spitzname in der Schule war MacGyver“, sagt Dulic und lacht. Beim Militär habe er einmal aus einer Colaflasche und einem Schlauch eine Dusche gebastelt. Die war zwar technisch nicht so fortschrittlich wie sein Quadrocopter, aber immerhin: Seine Kameraden und er konnten duschen.

Sebastian Iblers Musikvisualisierung

Auf den ersten Blick sieht das Projekt von Sebastian Ibler (27) eher aus wie die Nachbildung einer Gebirgskette als wie die Visualisierung eines Musikstücks. Aber das Konzept überzeugt: Stück für Stück hat der Kommunikationsdesign-Student abgebildet, wie präsent einzelne Instrumenten- und Gesangsgruppen in dem Lied „Old Flame“ der kanadischen Indie-Gruppe „Arcade Fire“ sind. Aus knapp 250 einzelnen Scheiben besteht das Modell, das der 27-Jährige zu einem Kunstwerk zusammengeleimt hat.

Das Projekt war eine Aufgabe für die Uni, das Lied eine Idee der Dozentin. „Ich hätte auch einfach irgendwelche Farben an die Wand klatschen können“, sagt Ibler. Aber das sei nicht so sein Ding. Deshalb hat der Student das Lied durchanalysiert und sich Notizen gemacht. Ein Studienkollege machte ihn auf das FabLab aufmerksam – vorher hatte Ibler gar nicht darüber nachgedacht, das Projekt als 3D-Modell zu realisieren. „Da habe ich auch meine Leidenschaft fürs Basteln wiederentdeckt“, sagt Ibler. Handwerken habe er in der Schule abgewählt, weil er immer ewig schleifen musste, bis der Lehrer zufrieden war. Heute ginge das mit dem Laser alles viel einfacher.

Sein Musikprojekt hat er an der Uni zwar schon vor einem halben Jahr abgegeben, aber privat beschäftigt es ihn noch immer. Er plant, eine durchsichtige Variante aus Plexiglas herzustellen – vielleicht sogar von innen heraus beleuchtet, als Lampe für die Wohnung. Ein Teil davon existiert schon als Prototyp. Und vielleicht bastelt er auch noch Visualisierungen von anderen Musikstücken. „Old Flame“ hat er schon lange totgehört. Aber es hat sich gelohnt: Die Uni-Dozentin gab ihm eine 1,0.

Schönes von Mona Knorr und Sandra Pehl

Als Frauen sind Mona Knorr (29) und Sandra Pehl (38) im FabLab eindeutig in der Unterzahl. Und manchmal lächeln die Männer auch, wenn die beiden ihre Holzbroschen oder kleine Stofftiere lasern. „Die meisten schneiden da Sachen zu, in die dann irgendwelche Technik reinkommt“, sagt Knorr. „Unsere Sachen können gar nichts. Die sehen einfach schön aus.“

Die Frauen haben sich bei einem Seminar für Unternehmensgründer kennengelernt, schon vorher lasen sie im Internet das Blog der jeweils anderen. Blogs über Do-it-Yourself-Projekte. Knorr bastelt Broschen, Pehl Hüllen für Handys. Nebenberuflich verkaufen beide ihre Produkte übers Internet oder auf Märkten.

Alles fing mit einer von Pehls Handyhüllen an, für die plötzlich keine Knöpfe mehr da waren. Pehl hatte die Plastikknöpfe in Form von Vögeln von einem Hersteller gekauft, der irgendwann pleite ging. Schließlich fand sie zum FabLab und konnte hier ihre eigenen Knöpfe herstellen. Kurz darauf wurden beide Frauen Mitglieder im FabLab.

Allmählich wollen sie sich auch an die anderen Geräte in der Werkstatt trauen. „Der 3D-Drucker wäre auch interessant“, sagt Pehl. Knorr will Löten lernen und dann den Kindergruppen dabei helfen. Bald soll es im FabLab auch eine Stickmaschine geben. „Überraschenderweise haben auch Männer da großes Interesse“, sagt Pehl. Es geht ja auch mal ohne digitale Technik.

Nachwuchs-Tüftler Emil, Lukas und Simon

Wenn Emil (10) über sein Auto spricht, versteht man als Technik-Laie schnell kein Wort mehr. „Das hier ist der neue Servomotor, da war vorher die Spulenlenkung“, erklärt der Bub und zeigt auf bunte Drähte in seinem umgebauten ferngesteuerten Auto. Seit knapp drei Monaten arbeitet er an dem Projekt, etwa alle zwei Wochen, zusammen mit Lukas (11) und Simon (10), in der FabLab-Kindergruppe.

Emil wollte unbedingt etwas bauen, das fährt. Und nicht nur irgendwie: Ans Auto soll vorne ein Sensor montiert werden, der Wände erkennt und dem Auto sagt, dass es einen anderen Weg finden muss. Und ein GPS-Chip soll ins Fahrzeug. „Später will ich Physiker werden“, sagt Emil. Die kalte Fusion fasziniere ihn besonders.

Lukas und Simon arbeiten währenddessen an einem Projekt mit animierten Figuren. An einem Plattenspieler wollen sie auf dem Rand des Plattentellers 16 Figuren in verschiedenen Bewegungsstadien montieren. Wenn es im Raum dunkel ist und der laufende Plattenteller nur von einem Blinklicht beleuchtet wird, sieht es so aus, als würde sich die Figur bewegen – ähnlich wie im Daumenkino.

Zurzeit sind die beiden damit beschäftigt, ihre Figuren so zu gestalten, dass sie der Laser korrekt ausschneidet – dann müssen sie den Bewegungsablauf gestalten. Für die beiden ist die Bastelei nicht neu: „Ich habe schon immer gern mit Lego gespielt und Bausätze zusammengebaut“, sagt Lukas.

Robert Meiseneckers Elektrohase

„Süß“ ist nicht unbedingt das Erste, was einem beim Anblick des Silikon-Hasen von Robert Meisenecker (43) einfällt. Aber das ist auch nicht das Ziel: Das kantige Tier ist kein Kuschelersatz, es soll seinen Benutzer am Computer über neue Nachrichten informieren und vor Daten-Überfluss warnen.

„Meine Frau ist ein absoluter Hasen-Fan“, erzählt Meisenecker. Und weil die Informations-Überflutung im digitalen Zeitalter sowieso ein großes Thema ist, entschied er sich dazu, einen Elektrohasen zu entwickeln. Zwei Jahre hat er dafür gebraucht, vom ersten handgegipsten Modell über die Programmierung der Software bis hin zum fertigen, schicken und blinkenden Hasen mit USB-Anschluss.

Wenn der Hase an den PC angeschlossen ist und eine neue Nachricht eintrifft, leuchtet das Rückgrat des Hasen blau. Sein Hirn zeigt dann die Farbe des Nachrichtentyps ein: blau für Twitter-Nachrichten, violett für E-Mails. Werden es zu viele Nachrichten, blinkt die Nase des Hasen rot. „Dann sollte man einen Gang zurückschalten“, sagt Meisenecker.

Für den Hasen haben er und seine Frau sogar einige Merchandise-Produkte entworfen, einen Notizblock, Schlüsselanhänger, einen Ring. Vielleicht auch, um die Trauer über den Verlust des echten Hasen zu mindern, der damals Modell stand: Hase „Lupo“ ist 2011 gestorben. Jetzt gibt es eine unsterbliche Version von ihm – die zwar nicht so weich ist, dafür aber munter blinkt und leuchtet.

Moritz Homann

FabLab

Die offene Werkstatt ist an der Elvirastraße 11 (Rückgebäude) zu finden. Die FabLab-Mitgliedschaft kostet 100 Euro Aufnahmegebühr und 28 Euro im Monat, Studenten, Arbeitslose und Rentner zahlen weniger. Termine und weitere Infos gibt es online unter www.fablab-muenchen.de.

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