Kaum noch eine S-Bahn fährt in München - Das sind die Ausweichmöglichkeiten

Kaum noch eine S-Bahn fährt in München - Das sind die Ausweichmöglichkeiten

Quartiersmanager soll Bahnhofsviertel schöner machen

München - Das Bahnhofsviertel ist eine Herausforderung für die Stadtplaner: ein multikultureller, kreativer Wirtschaftsstandort - mit Schmuddel-Image. Jetzt sind Quartiersmanager damit beauftragt, Möglichkeiten zu finden, wie man das Viertel entwickeln kann und doch dessen Charme erhält.

Die Gegend südlich des Hauptbahnhofs ist Münchens merkwürdigstes Viertel: Nur 3200 Menschen leben, aber 20 000 Menschen arbeiten hier. Die meisten Einwohner sind zwischen 18 und 44 Jahre alt, 53,4 Prozent haben Migrationshintergrund. Alles ist quirlig, unübersichtlich, gegensätzlich: Spielhöllen und muslimische Gebetsräume, Architekturbüros, Künstlerateliers und Sexshops, Supermärkte und Schulen. Gleichzeitig befinden sich 60 Prozent der Hotelbetten Münchens hier. Für Professor Joachim Vossen vom Institut für Stadt- und Regionalmanagement heißt das: „Hier gibt es noch eine ganze Menge zu entwickeln. Dann aber kann das Quartier zum wirtschaftlichen, kreativen Zentrum werden.“

Der Stadtrat hat das Potenzial erkannt. Mit 30 000 Euro finanziert er die Arbeit zweier Quartiersmanager, die besonders darin besteht, die vielen so verschiedenen Akteure zu vernetzen, Gemeinsamkeiten zu finden, das Viertel als Marke zu entwickeln. „Wir wollen möglichst viele Menschen an einen Tisch bringen“, sagt Ursula Ammermann, die den Job gemeinsam mit Jonas Bergmiller erledigt. In einem Jahr sollen die beiden dem Stadtrat berichten, wie man das Viertel, das vielen Außenstehenden „nur als Durchgangsbahnhof“ erscheine, zur urbanen Vorzeigegegend machen kann.

Jonas Bergmiller und Ursula Ammermann

Forderungen gibt es viele: Den chaotischen Verkehr auf Goethe- und Landwehrstraße vernünftig regeln, mehr Grünflächen oder Bäume an den Straßen schaffen, Freischankflächen errichten. Doch existierten eben auch viele verschiedene Interessen, sagt Erhard Thiel vom Planungsreferat. „In Pasing haben wir über Jahre die negative Erfahrung gemacht, dass zuerst gefordert wurde, und als die Stadt sich an die Umsetzung gemacht hat, wurde dagegen protestiert.“ Eins müsse klar sein: „Es ist ein Geben und Nehmen: Für mehr Grün müssen gegebenenfalls Parkplätze und Rangierflächen weichen. Da muss man sich aber einig sein.“

Einigkeit bei so vielen Menschen, die mehr nebeneinander als zusammenleben, wird schwer zu erzielen sein. Ammermann zeigt sich aber zuversichtlich: „Wir werden in den kommenden Wochen Flagge zeigen und uns im Viertel bekannt machen. Dabei setzen wir auch auf Multiplikatoren wie Schulen und soziale Einrichtungen.“

Eine große Hilfe ist dabei der „Stadtteilverein Südliches Bahnhofsviertel“, der sich Mitte Oktober gegründet hat. Prof. Vossen ist mit dabei, Vorsitzender ist Fritz Wickenhäuser, Präsident des Bundes der Selbständigen und seit drei Generationen im Viertel ansässig. „Es braucht eine Gemeinschaft von Interessierten und Betroffenen, die das Viertel repräsentieren“, sagt er. „Wenn wir aufeinander stolz sind, prägt das auch die Außenwahrnehmung.“ Der Verein sucht Mitglieder: Anwohner, Händler, Immobilieneigentümer, Hoteliers, Kulturschaffende und viele mehr. Viele Veranstaltungen sind geplant (www.bahnhofsviertel-muenchen.de), und auch einen Markennamen gibt es schon: „Das südliche Bahnhofsviertel - Münchens Puls in die Welt.“

Schon fürchtet man sich freilich auch davor, dass anonyme internationale Investoren das Viertel entdecken und „gentrifizieren“, also totsanieren und für Normalsterbliche unbezahlbar machen könnten. Alexander Miklosy, Bezirksausschuss-Vorsitzender Ludwigs-/Isarvorstadt, betont: „Wir müssen Sorge dafür tragen, dass die Vielschichtigkeit, die Kleinteiligkeit nicht flöten gehen.“ Vor allem Privatbesitzer müsse man motivieren, in ihre Immobilie und die Innenhöfe zu investieren. „Lauter ,Sofitels‘“, glaubt er, „würden das Viertel kaputtmachen.“

Johannes Löhr

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Straßenraub am Hauptbahnhof München: 20-Jähriger rennt Dieb hinterher
In der Nacht auf Sonntag versuchte ein Mann aus Maisach einen Münchner am Hauptbahnhof zu überfallen. Durch den Mut des 20-Jährigen fasste die Polizei den Täter.
Straßenraub am Hauptbahnhof München: 20-Jähriger rennt Dieb hinterher
Weltstadt mit kaltem Herz? So gnadenlos greift die Stadt gegen Obdachlose durch
Ist es nur der Frost-Atem aus Sibirien, der die Münchner zittern lässt? Oder breitet sich auch soziale Kälte in der Stadt aus? Fragen wie diese kann man sich stellen, …
Weltstadt mit kaltem Herz? So gnadenlos greift die Stadt gegen Obdachlose durch
Silvesterrakete am Marienplatz in die Menge gefeuert - Jetzt fiel das Urteil
Ihr verantwortungsloser Umgang mit einer Silvesterrakete hatte für eine 28-Jährige Frau ein Nachspiel. Sie brachte in München viele Menschen in Gefahr.
Silvesterrakete am Marienplatz in die Menge gefeuert - Jetzt fiel das Urteil
Bekannte Wirtschaft am Marienplatz führt Biesel-Maut für Touristen ein
Ein stilles Örtchen war der Donisl ja noch nie: Täglich strömen Hunderte Gäste und Touristen in das beliebte Wirtshaus im Herzen von München. Doch nun sorgt eine …
Bekannte Wirtschaft am Marienplatz führt Biesel-Maut für Touristen ein

Kommentare