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Der Eisbach erzeugt rund um die Uhr eine stehende Welle. Das war aber nicht immer so.

Was ist wahr an der Legende?

So entstand die Eisbach-Welle

München - An heißen Sommertagen lockt die Eisbach-Welle unzählige Surfer in den Englischen Garten. Doch wie entstand eigentlich das kalifornische Feeling mitten in der bayerischen Landeshauptstadt?

Es war einmal ein amerikanischer Soldat, der in München stationiert war. Vor lauter Heimweh nach Kalifornien und seinen Stränden nahm er eines Tages sein Surfbrett und rannte los – vorbei an Autos und Radlfahrern von seiner Kaserne über den Altstadtring zum Englischen Garten, wo er eine surfbare Stromschnelle fand. Das Wellenreiten am Eisbach war geboren.

Auch wenn das oft erzählte Märchen liebenswert klingt: Ob sich tatsächlich ein Amerikaner als Erfinder des Eisbach-Surfens rühmen darf, wird in München bezweifelt. Zumal es ein großer Zufall gewesen sein müsste, dass er genau den Moment erwischt hat, als die Welle einen guten Tag hatte. Denn früher funktionierte sie insgesamt höchstens sechs Wochen im Jahr, zum Beispiel wenn es Kies ins Flussbett geschwemmt hatte und damit die Strömung auf ein Hindernis stieß. Kaum hallte das Geschrei „Die Welle geht! Die Welle geht!“ wie Buschgetrommel durch den Englischen Garten, rannten die Surf-Freaks wie Wahnsinnige zum Spot und sprangen mit ihren Brettern in die Fluten. Immer wieder experimentierten sie und zerbrachen sich den Kopf, wie man es schaffen könnte, dass sich die Welle dauerhaft öffnet und nicht gleich wieder in sich zusammenfällt.

Die zukunftsweisende Initiative ergreift schließlich der arbeitslose Tankschutzmonteur und Motorradrocker Walter Strasser. In den 1980er-Jahren startet der findige Urbayer eine geheime Aktion: Er rückt mit dem Jeep an, packt einen Presslufthammer aus, sperrt die viel befahrene Prinzregentenstraße, damit kein Auto über seine ausgelegten Kabel fahren kann, und montiert eine Eisenbahnschwelle ins seitliche Flussbett. Ein Werk für die Ewigkeit. Seither erzeugt der Fluss rund um die Uhr eine etwa eineinhalb Meter hohe stehende Welle, die die wahren Herzblutsurfer zu jeder Tages- und Nachtzeit nutzen.

Außerdem verfügt eine Gruppe aus Insidern über eine mobile Rampe, die die Welle noch besser stabilisiert. Des Öfteren ziehen sie die Rampe per Seil heraus und nehmen sie mit, um einem Massenauflauf vorzubeugen. Denn zehn bis 20 Surfer in Warteposition sind an einem Sommertag eh schon mehr als genug. Ist der Wellengang zu lasch, muss so mancher unverrichteter Dinge wieder abziehen. Das schreckt ab.

Es kommt nicht selten vor, dass einem mitten in der Millionenstadt, hunderte Kilometer vom Meer entfernt, im Bus, auf dem Radl oder zu Fuß ein junger Mann im Neoprenanzug oder in Badeshorts mit Surfbrett unter dem Arm begegnet. Touristen sind dank der Reiseführer-Rubrik „Attraktionen“ darauf vorbereitet: München – die Stadt des Bieres, der Wiesn und des Surfens! Betört vom Rauschen der Fluten beobachten täglich zahlreiche Einheimische sowie staunende Gäste aus Abu Dhabi, Tokio oder auch Madrid von der Steinbrücke aus, wie die Wellenreiter ihre Freiheit genießen. An keinem Meer der Welt lässt sich ein solches Spektakel so nah bewundern. Auf Tahiti muss man Boote mieten, um Surfer zu bestaunen, in München reicht ein Busticket zum Haus der Kunst.

Wer hier das Surfen gelernt hat, bekommt ein sicheres Gespür für Kurven-Technik und lernt raffinierte Tricks. Riversurfen ist ein Kunststück. Im Fluss kommt die Welle von vorne, im Meer von hinten. Im Meer muss der Surfer die Welle erst anpaddeln und fährt dann in eine Richtung, im Fluss steht er nach seinem Sprung auf die Wasseroberfläche sofort auf der Welle und fährt auf der Stelle hin und her. Dass es dabei eine spezielle Technik braucht, davon hat sich auch der Musiker Jack Johnson überzeugt, der schon auf der ganzen Welt gesurft war und vor seinem München-Konzert einen Zwischenstopp am Eisbach eingelegt hat.

Surfer-Legende Kelly Slater bremste Werner Strasser, der „Hausmeister vom Eisbach“, allerdings aus. Als während der Sportmesse ISPO eine Menge Möchtegern-Wellenreiter und Selbstdarsteller den großen Macker markierten, machte er die weltbekannte Eisbachwelle flach – und Kelly Slater hatte das Nachsehen.

Beinahe wäre der Welle vor ein paar Jahren das Wasser dauerhaft abgedreht worden. 2008 wollte der Freistaat das Surfen verbieten, weil er für mögliche Unfälle keine Haftung übernehmen wollte. Außerdem hatten die Behörden keine Rechtsgrundlage, das Surfen im Park zu erlauben. Während die Polizei in den Anfangsjahren rigoros den Surfern ihre Bretter wegnahm, galt das Surfen auf der Eisbachwelle die längste Zeit als Sport im Graubereich: nicht erlaubt, aber geduldet. Münchner trommelten zur Rettung der Welle, ein Deal musste her: Da übernahm die Stadt 2009 im Tausch gegen einen unbedeutenden Grünstreifen an der Königinstraße den Flussabschnitt und erlaubte „für geübte Surfer“ den Ritt auf der Welle.

Mit der Floßlände in Thalkirchen verfügt die Stadt insgesamt über zwei stehende Wellen. Nur bei Hochwasser ist die ganze Isar ein Surfer-Paradies. Dann geht es mit waghalsigen Sprüngen von der Reichenbachbrücke hinab in den reißenden Strom. Jetzt prüft die Stadt mittels Machbarkeitsstudie einen Umbau der Flusslandschaft, so dass im Bereich der Wittelsbacherbrücke eine Ganzjahres-Welle entstehen kann. Auf Tipps vom Eisbach-Unikum muss das Baureferat verzichten: Walter Strasser, „Hausmeister der Eisbachwelle“, ist nach Sardinien ausgewandert und baut dort Didgeridoos.

Corinna Erhard

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