Armin Jumel ist ständig am Flughafen und in Reisebereitschaft.
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Armin Jumel ist ständig am Flughafen und in Reisebereitschaft.

Serie: Meine Welt ohne Wiesn

Armin Jumel: Weltenbummler statt Stammtisch-Spezl

  • Nadja Hoffmann
    VonNadja Hoffmann
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Was machen die Menschen, die jetzt jeden Tag auf dem Oktoberfest wären, ohne die Wiesn? Wir haben nachgefragt: Heute bei Armin Jumel, der seit 30 Jahren einen täglichen Stammtisch im Schottenhamelzelt hat.

Die Sache wäre für Armin Jumel so klar. Eigentlich könnte er ganz genau sagen, wo er während der Wiesn zu finden ist. Am Stammtisch im Schottenhamel – jeden Tag. So wie jedes Jahr seit unglaublichen drei Jahrzehnten. Doch dieses eine Wort „eigentlich“ steht dafür, dass auch heuer wieder alles anders ist. Keine Wiesn, kein Stammtisch, kein fester Platz für den Oktoberfest-Verrückten Armin Jumel. „Es ist nach wie vor unglaublich“, sagt der 51-Jährige. Und seine Stimme verrät, dass sein Herz ein Stück weit gebrochen ist.

„Unbegreiflich“, findet er die erneute Absage. Jumel wäre bereit gewesen: „Ich hab über 30 Trachtenhemden im Kleiderschrank“, verrät er. Mehr als er für eine „Saison“ auf der Theresienwiese bräuchte. Anziehen will er einen Großteil dieser Hemden heuer trotzdem. „Das hab ich mit einem Spezl ausgemacht“, verrät der 51-Jährige. Jeden Tag ein bisserl Tracht, um das Wiesn-Gefühl hochzuhalten. Falls Jumel überhaupt die ganze Zeit in der Stadt bleibt.

Ein Bier auf der Theresienwiese war auch heuer Pflicht.

Ihn in München zu erwischen, ist immer auch ein Glücksspiel – wegen seines ganz besonderen Nebenjobs: Armin Jumel wird von Agenturen als sogenannter On-Board-Kurier gebucht. Seine Aufgabe: Zum Beispiel Schmuck, geheime Designer-Mode für die nächste Saison oder extrem wichtige Ersatzteile für die Autoindustrie von A nach B bringen. New York, Rio, Tokio – manchmal alles in einer Woche! „Ich habe immer meinen gepackten Koffer dabei“, sagt er. Der verrückte Job macht ihm großen Spaß. Ursprünglich ist er gelernter Friseur und hat jahrelange auf dem Traumschiff MS Deutschland Promis die Haare schön gemacht hat. Kommt jetzt ein Agentur-Anruf, muss er sofort seinen Koffer schnappen und ans andere Ende der Welt jetten. Letzte Woche war er in Dschibuti. Und dann in Mexiko, um gleich wieder von München nach L.A. aufzubrechen. Sein Credo: Schlafen kann ich im Flugzeug!

Kein Wunder, dass der Weltenbummler bei seinem traditionsreichen Stammtisch, den es seit den 1960er-Jahren gibt und den er 1990 von seinem Vater geerbt hat, Freunde aus der ganzen Welt begrüßt. Viele davon planen den Urlaub in München schon lange im Voraus, alle freuen sich Jahr für Jahr auf das Wiedersehen. „Darum geht’s“, erklärt Jumel: Freunde und gute Bekannte treffen, ratschen, das Wiesn-Gefühl genießen. Alles ganz gemütlich. So hält er den 16-Tage-Marathon am Stammtisch körperlich gut durch.

Auch heuer wird die Wirtshaus-Wiesn ein kleines Trostpflaster für Jumel und seine Spezl sein. Wo es sie am meisten hinzieht? „Zum Schottenhamel auf den Nockherberg. Ist doch klar“, sagt der 51-Jährige und lacht aus ganzem Herzen. 180 bekannte Gesichter hat er dort vergangenes Jahr am Anstich-Samstag getroffen.

Heuer wird die Runde deutlich kleiner. Ganz anders als üblich nutzen einige Bekannte die Wiesn-freie Zeit, um Ende September in den Urlaub zu fliegen. „Das wäre sonst undenkbar“, sagt der Mann, für den die ganze Welt der Arbeitsplatz ist.

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