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Im Bad von Hanna R. gibt es kein warmes Wasser, die Heizung ist kaputt, die Wanne völlig abgenutzt. Die 84-Jährige wäscht sich hier schon lange nicht mehr.

84-Jährige muss in diesem Dreck leben

So wird Hanna R. aus ihrer Wohnung vertrieben

  • vonAlexandra Müller
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München - Hanna R. lebt in einer Wohnung, die nicht ins längst schick-sanierte Lehel passen will: Die 84-Jährige hat weder warmes Wasser noch eine Heizung in ihrem Bad. Den Vermieter kümmert es nicht.

Kacheln, Wände und Decke sind in einem baufälligen Zustand. Der Boiler hat seinen Geist aufgegeben. Trotz aller Beschwerden kümmert sich der Vermieter nicht darum.

Wenn Hanna R. (Name geändert) einen Schluck Leitungswasser trinken möchte, muss sie das Wasser abkochen, will sie gar duschen, muss sich die 84-Jährige auf den Weg ins nächstgelegene Hallenbad machen. Und möchte die Seniorin im Winter einfach nur die Toilette benutzen, müsste sie eigentlich Schal und Handschuhe anlegen. Hanna R. wohnt in einer Altbauwohnung an der Gewürzmühlstraße im Lehel, einem der begehrtesten und teuersten Stadtviertel Münchens. Ihre Wohnung allerdings wurde seit mehr als 35 Jahren nicht renoviert oder auch nur instandgesetzt. Im Badezimmer fließt weder warmes Wasser noch funktioniert die Heizung. Die sanitären Anlagen sind in einem desaströsen Zustand. Ihr Vermieter weiß davon – tut aber trotzdem nichts.

Der Mieterverein München kennt solche Fälle zuhauf und fasst sie unter dem Schlagwort „Entmietung“ zusammen. „Manche Vermieter tun alles dafür, ihre Mieter mürbe zu machen und so aus der Wohnung zu drängen“, sagt Sprecherin Anja Franz. Einige würden Eigenbedarf vortäuschen, andere in den schaurigsten Tönen die Belastungen einer Sanierung ausmalen. Und wieder andere würden sich einfach komplett aus der Verwantwortung zurückziehen. Das Ziel sei in aller Regel: neue Mieter mit einem lukrativeren Mietvertrag bekommen. Im Lehel sind derzeit Mietpreise bis zu 20 Euro pro Quadratmeter möglich – Hanna R. zahlt gerade mal ein Viertel davon.

Für die alte Dame hat es nie ein anderes Zuhause als das Haus im Lehel gegeben. Dort wurde sie 1927 geboren. 1975 zog sie in die Wohnung, in der sie noch heute lebt. „Meine Vormieter hatten die Wohnung auf eigene Kosten hergerichtet. Als sie auszogen, nahmen sie natürlich ihre sanitären Einrichtungen mit“, erinnert sich Hanna R. Was sie anschließend im Bad vorfand, sei schon damals abgewohnt gewesen. „Eine alte Badewanne wurde einfach angestrichen und nachdem ich sie ein paar Mal benutzt hatte, bekam ich starke Hautreizungen“, erzählt sie. Seither macht die Frau einen Bogen um die Wanne.

Doch über die Jahre verwandelte sich das ganze Badezimmer in einen Albtraum. Ein Wasserschaden am Dach sorgte für dunkle Schimmelflecken an der Decke. Lumpen, die Hanna R. um das Ab-laufrohr ihrer Toilette gewickelt hat, zeugen von undichten Stellen im Rohr. „Die wurden wenigstens geflickt“, sagt die Mieterin.

Doch sie kann zahlreiche weitere Mängel aufzählen: Aus dem Heizlüfter an der Wand strömt nur kalte Luft, der Boiler hat seinen Dienst schon lange aufgegeben. Das Leitungswasser hinterlässt braune Ränder in Gläsern und mit der Zeit rostete das Sieb im Waschbecken durch und verschwand im Ablaufrohr. Die Folge: Das Wasser begann sich zu stauen.

Bei ihrem Vermieter, einer Verwaltungsgesellschaft aus Duisburg, beißt die alte Frau mit ihren Reparatur-Anliegen auf Granit. „Stattdessen forderte er vor einigen Jahren eine Mieterhöhung“, erzählt Marianne Weiß, die Betreuerin von Hanna R. Plötzlich sollte sie die gleiche Miete zahlen wie die Mieter, die in modernisierten Wohnungen leben. Denn mit jedem Auszug aus dem Haus seien die zuvor günstig vermieteten Wohnungen renoviert worden – nur die von Hanna R. nicht.

Sie wandte sich an den Mieterverein. „Tatsächlich kann der Vermieter die Miete entsprechend des geltenden Mietspiegels erhöhen – der Zustand der Wohnung hat damit nichts zu tun“, erklärt Silke Ackermann, Juristin beim Mieterverein. Allerdings hätte Hanna R. aufgrund des Zustands der Wohnung gleichzeitig die Miete mindern können. Rechtlich stehe ihr ein Badezimmer zu, das funktionsmäßig und hygienisch sei. „Es gibt keine festen Regeln, aber man sagt, dass ein Bad nach etwa 20 bis 30 Jahren abgewohnt ist“, erläutert Anja Franz vom Mieterverein. Zudem müssten Anlagen, die ohne Schuld des Mieters defekt seien, repariert werden.

Hanna R. minderte die Miete nicht, weil der Vermieter im Gegenzug von der Erhöhung Abstand nahm. „Schon das ist eigentlich eine Art Erpressung“, moniert die Mietervereins-Juristin. Im Februar forderte sie den Vermieter zuletzt auf, alle Mängel zu beseitigen. Geschehen ist kaum etwas: Nur ein Teil des verstopften Waschbeckenrohres wurde ausgetauscht. Gegenüber unserer Zeitung war der Vermieter zu keinem Gespräch bereit.

Der nächste Schritt für Hanna R. sei der Gang vor Gericht, sagt Ackermann. Allerdings schreckt die Seniorin vor einer Mangelbeseitigungsklage zurück. Sie fürchtet, der Vermieter könne ihr die Wohnung kündigen. „Und genau das wird ausgenutzt: die Angst der alten Leute“, ärgert sich die Betreuerin der alten Dame.

Laut Mieterverein gelten gerade ältere Menschen als gute Opfer. „Die wollen keinen Ärger und trauen sich nicht, sich zu wehren“, sagt Anja Franz. Die Angst, im hohen Alter auf der Straße zu landen, sei zu groß. „Aber nur weil man von seinen Rechten Gebrauch macht, ist das noch kein Grund zu kündigen.“

Das Wichtigste, rät die Expertin, sei es, sich schnellstmöglich über seine Rechte aufklären zu lassen. Wenn die Wohnung nicht instandgesetzt wird, gibt es auch die Möglichkeit, die Arbeiten selbst in Auftrag zu geben und die Kosten von der Miete abzuziehen. Dabei sollte man sich aber rechtlich beraten lassen.

Hanna R. ist wohl einer der letzten Fälle im Lehel, glaubt Anja Franz. Ähnlich wie in Schwabing und Bogenhausen sei das Feld dort nach den vielen Luxussanierungen so gut wie abgegrast. „Aber die Karawane zieht weiter: zum Beispiel in die Au oder nach Untergiesing.“

Alexandra Müller

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