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Ein eingespieltes Team: Amadou (r.) mit seinem Chef Herbert Franz. Beide wollen weiter zusammenarbeiten, dürfen aber bald nicht mehr: Der Asylbewerber aus dem Senegal verliert seine Arbeitsgenehmigung.

Asylbewerber aus Holzkirchen darf bald nicht mehr arbeiten

Ausgebremste Integration

Holzkirchen - Smart, stets gepflegt und sympathisch lächelnd: Amadou ist der heimliche Star des Holzkirchner Eiscafés Franzetti. Dort arbeitet der 29-Jährige aus dem Senegal. Ein Beispiel für gelungene Integration – aber auch für die Grenzen, die Politik und Bürokratie ihr setzen.

Dass das Leben kein Ponyhof ist, braucht dem Asylbewerber aus Afrika niemand zu erklären. Er hat schon so vieles gesehen auf seinem Weg, sagt Amadou, dass er mit fast allem klarkommt. Mit 20 ging er weg aus dem Senegal, weil er dort keine Zukunft sah. Über mehrere Stationen kam er als Gastarbeiter nach Libyen, arbeitete dort drei Jahre als Mechaniker. Als der Bürgerkrieg dort nach Gaddafis Tod nur noch schlimmer wurde, zog Amadou weiter, nach Europa; im Senegal hat er keine Familie mehr, seine Eltern sind gestorben. Einige seiner Freunde überlebten den Weg nach Europa nicht, doch Amadou kam vor rund einem Jahr in Bayern an. Er wohnt nun in der Holzkirchner Gemeinschaftsunterkunft. Neben seinem Job im Eiscafé putzt er dort, weil er es gerne sauber hat, und besucht Deutsch-Unterricht. „Es ist hier nicht wie im Himmel“, sagt der 29-Jährige. „Aber ich will ein neues Leben aufbauen, ich will für mich selbst sorgen.“ Geschenke vom Staat will er dafür nicht. Aber er braucht eine Arbeitserlaubnis. Und die wird er ab Anfang Oktober nicht mehr haben. 

Denn seit April – kurz nachdem Amadou seine Arbeitserlaubnis erhalten hatte – gilt in Bayern eine Dienstanweisung des Innenministeriums, wonach Staatsangehörige so genannter sicherer Herkunftsländer keine Arbeitserlaubnis mehr bekommen. Der Senegal zählt dazu. Sein 450-Euro-Job im Franzetti, der Amadou Antrieb und Anerkennung gibt, wird ab Anfang Oktober deshalb der Vergangenheit angehören. „Was soll ich dann tun?“, fragt sich der 29-Jährige. „Ich kann nicht nur rumsitzen. Ich muss etwas tun, ich muss arbeiten“; anders kennt er es aus seinem Leben auch gar nicht. Und die Arbeit im Eiscafé, der Kontakt mit den Kunden macht ihm Spaß. Der Chef, der seinen Fleiß, seine Pünktlichkeit und Sauberkeit schätzt, dessen Familie und die Kollegen sind wie eine Familie für ihn geworden. Sauer auf die deutschen Behörden sei er nicht, sagt Amadou, aber enttäuscht. 

Auch sein Chef Herbert Franz ist enttäuscht. Nicht von Amadou, sondern von Politik und Behörden. Großen Worten von der Integration sieht er in der Praxis zu wenig Taten folgen. „Man vergisst den Menschen.“ Dabei wäre Integration so wichtig, ist er überzeugt – auch durch Arbeit. „Wenn die Menschen Kontakt mit einem Asylbewerber haben, ist es plötzlich nicht mehr nur ein Asylbewerber, sondern ein Mensch, vor dem man keine Angst zu haben braucht.“ 

Franz ist kein Traumtänzer, sondern Pragmatiker. „Ob Amadou in Deutschland bleiben kann oder nicht, das haben wir nicht zu entscheiden.“ Aber diese Menschen seien nun mal da, dann müsse man auch daran arbeiten, dass die Integration funktionieren kann – zumindest für die Zeit des Asylverfahrens. Bei Amadou dauert es schon rund ein Jahr. „Und er hatte noch nicht mal seine erste Anhörung.“ Es wird also mindestens noch ein Jahr vergehen, bis die Behörden über seinen Asylantrag entscheiden. Würde er abgelehnt, dürfte nochmal rund ein Jahr vergehen, bis die Abschiebung vollzogen wird. Die Zeit wird Amadou absitzen müssen, ohne sinnvolle Aufgabe. Eine gute Lösung ist das für Franz nicht. „Das kann doch nicht sein, dass jemand, der sich wirklich integrieren will, dazu verdammt ist, im Container zu sitzen.“ Zumal das Geld, das Asylbewerber verdienen, mit der Sozialhilfe, die sie bekommen, verrechnet wird. „Von seinem Lohn bleibt Amadou etwa ein Viertel übrig.“ 

Seinen Mitarbeiter aus dem Senegal hat Franz über Barbara Frua kennengelernt, die sich im Helferkreis Asyl engagiert. Man traf sich öfter mal, und irgendwann entstand die Idee, ob Amadou ein Praktikum machen könnte, um dabei Deutsch zu lernen. „Das ging aber aus diversen haftungsrechtlichen Gründen nicht“, sagt Franz. Also wollte er Amadou eine Chance mit einem 450-Euro-Job geben. „Wir suchen eh immer wieder Leute“, sagt Franz. Keine begehrten Stellen: „Wir brauchen die Leute, wenn alle anderen zum Baden oder in den Biergarten gehen.“ Die Agentur für Arbeit gab nach einer Prüfung grünes Licht dafür, dass ein Asylbewerber die Stelle haben kann. 

Bis Amadou anfangen konnte, hat es seinen Arbeitgeber viele Nerven gekostet. Obwohl Franz einige rechtliche Anforderungen schon kennt, weil in der Gastronomie oft nur ausländische Mitarbeiter zu finden sind. „Aber bei einem Asylbewerber spricht auch noch die Ausländerbehörde mit.“ Unterstützung habe er dort nicht erfahren. Fragen seien unbeantwortet geblieben, auf fehlerhaft ausgefüllte Formulare sei er nur auf Nachfrage hingewiesen worden, erzählt Franz. „Man hat das Gefühl: Die wollen uns gar nicht helfen.“ Dabei wäre Unterstützung wichtig: „Für die meisten Arbeitgeber ist das Neuland.“ Er kann verstehen, dass Behörden und ihre Mitarbeiter in der derzeitigen Situation ausgelastet sind. „Aber dann muss man eben weitere Mitarbeiter anstellen.“ Es sei schließlich nicht abzusehen, dass der Andrang von Flüchtlingen abebbt. 

Entmutigen lassen will sich Franz nicht, auch wenn er bei Amadou keine Handhabe mehr sieht. Wenn sich wieder eine Gelegenheit ergibt, will er es auch wieder mit einem Asylbewerber versuchen. Amadou hat ihm gezeigt, dass es sich lohnt.

Ein Beitrag über Amadou ist am heutigen Freitag auch im TV zu sehen: in der „Abendschau“ im Bayerischen Fernsehen. Die Sendung, die sich dem Schwerpunkt „Fremde neue Heimat: Flüchtlinge in Bayern“ widmet, beginnt um 17.30 Uhr.

Von Katrin Hager

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