Spezialeinheit räumt kompletten ICE und spricht von einer „Bedrohungslage“

Spezialeinheit räumt kompletten ICE und spricht von einer „Bedrohungslage“
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Mit dem Rollator und einer Brille, die die Sicht verschlechtert, versucht Uschi Dörder (r.) das Holzkirchner Ortszentrum zu erkunden. Organisatorin Ulrike Henking vom Forum Inklusion hilft ihr über den Bordstein.

Forum Inklusion lädt zu Rundgang ein 

So barrierefrei ist Holzkirchen

Holzkirchen - Wie es sich anfühlt, mit Blindenstock und Rollstuhl durch Holzkirchen zu kommen, haben jetzt Interessierte erfahren. Das Forum Inklusion lud zu einem Rundgang.

Die Idee liege auf der Hand. „Es bringt ja nichts, immer darüber zu reden“, findet Ulrike Henking vom Holzkirchner Forum Inklusion. „Am besten ist es, die Menschen erfahren am eigenen Leib, wie es im Täglichen mit Behinderung läuft.“ Nur so könnten sie dafür sensibilisiert werden, wie barrierefrei Holzkirchen ist, und wo es hakt.

Deshalb hat das Forum Inklusion anlässlich des Europäischen Protestags zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung jetzt zu einem Rundgang durch die Marktgemeinde eingeladen. Interessierte konnten Rollstuhl, Rollator und Taststock ausleihen und erfahren, wie es wäre, mit einer Behinderung zu leben.

Besucherin Martina Melz (51) findet die Idee großartig und setzt sich in einen Rollstuhl. Schon nach wenigen Metern ist sie auf Hilfe angewiesen. Der abgesenkte Bordstein vor dem Rathaus hat eine Höhe von vielleicht vier Zentimetern. „Unüberwindbar, ich schaffe es weder vor- noch rückwärts auf den Bordstein zu kommen.“ Das Kopfsteinpflaster beeinträchtigt ihre Rundfahrt nicht. „Ich finde, dass vieles sehr gut gemacht ist“, lobt sie. „Briefkasten und Hundekot-Beutel sind gut zu erreichen. Auch die Bücherei hat kaum Barrieren.“ Einziges Hindernis in die Bücherei zu kommen, ist die Holztür. „Die bekomme ich aus meinem Rollstuhl nicht auf.“ Melz drückt die Klingel und schon öffnet eine Mitarbeiterin die Tür. „Also das ging jetzt wirklich schnell“, wundert sich Melz.

Auch Stefan Glaser (31) macht mit. Er greift zum Blindenstock, setzt eine Augenmaske auf, mit der er nichts sieht – und marschiert los. „Ich fühle mich fremdbestimmt, verliere die Orientierung“, sagt er. „Zugleich spüre ich meine anderen Sinne besser.“

Uschi Dörder (47) setzt eine Brille auf, die die Sicht stark einschränkt, und schnappt sich einen Rollator – jetzt kann sie die Welt aus der Sicht eines Sehbehinderten erleben. „Oh mein Gott, das macht mich sehr unsicher“, klagt sie. „Der gepflasterte Boden ist schwierig, weil ich keine Konturen erkennen kann, die ich sonst ganz automatisch ausgleichen würde.“ Auf ihrem Weg vom Marktplatz zur Arztpraxis Josef Killer stößt sie auf viele Hindernisse. Wie die große Stufe an der Badgasse in Richtung Praxishaus. „Ich kann die Stufe nur mit dem Fuß spüren und dann muss ich den Rollator über die Stufe hinwegheben“, meint Dörder. „Wie soll das nur ein Senior mit wenig Kraft schaffen?“ Auch im Haus wird es nicht besser. „Die Knöpfe im Aufzug verschwimmen, ich weiß nicht, wo ich drücken soll.“ Und die Randsteinkanten beschreibt die 47-Jährige als Problem. „Ich habe Angst zu fallen. Vielleicht wäre eine farbliche Markierung eine Idee.“

Bürgermeister Olaf von Löwis testete die Brille selbst. „Ich werde gleich am Montag mit unserem Behindertenbeauftragen Johann Numberger sprechen.“ Besonders die Stufen zum Rathaus stellten für ihn eine Barriere dar. „Die müssen wir jetzt sofort markieren, mit einer prägnanten Farbe“, meint er. „Ich hätte es gar nicht ohne meine Frau ins Rathaus geschafft.“ Karin Langhammer von der Selbsthilfevereinigung Pro Retina hat einen sehbehinderten Sohn. „Oft werden Sehbehinderte vergessen. Und Holzkirchen, wo so viel Verkehr ist, könnte noch ein wenig mehr Hilfen bieten.“ Sie weiß, dass sich Betroffene meist in ihren Gemeinden auskennen, dennoch könnte sie sich Verbesserungen vorstellen: „Beleuchtungen und Kontrast an Bürgersteigen und Treppen wären eine große Hilfe.“

Alles in allem war es eine gelungene Veranstaltung. „Mit solchen Aktionen können wir das gegenseitige Verständnis noch steigern“, sagt Mitorganisatorin Henking.

Von Kathrin Suda

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