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Die Glocken von St. Josef: Das Holzkirchner Geläut im alten Turm neben der neuen Kirche ist derzeit etwas aus der Zeit gefallen. Der Stundenschlag stimmt nicht, was einigen Anwohner zu schaffen macht.

„Ein Mann kam mit der Schrotflinte“

Beschwerden über Kirchenglocken: Auch in anderen Gemeinden keine Seltenheit mehr

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Echo war gewaltig, nachdem eine Neubürgerin die Kirchenglocken in Weyarn zum Schweigen bringen wollte. Wie gehen andere Pfarreien damit um? Was sagt der Lärmschutz? Wir haben uns umgehört.

Landkreis – So regelmäßig, wie eine brave Kirchturmjahr tickt, taucht das Thema auf – und genauso regelmäßig schwillt die Lautstärke der Empörung an. Wenn sich Neubürger über den für sie ungewohnten „Lärm“ von Kirchenglocken beschweren und diese Unverträglichkeit an die Öffentlichkeit gelangt, provoziert das Proteste.

Mehrheit stehthinter Pater Stefan

So auch im jüngsten Fall aus Weyarn: Eine Neubürgerin war bei Seelsorger Pater Stefan Havlik vorstellig geworden und wünschte sich, das Läuten der Stiftskirche abzustellen, weil sie sich davon gestört fühlte. Pater Stefan ließ die Dame ziemlich cool abtropfen: Er denke nicht daran, die Glocken abzustellen oder den althergebrachten Rhythmus zu reduzieren. Die Reaktionen auf den Bericht, die gestern in der Redaktion eingingen, legen den Schluss nahe, dass ein Großteil der Bevölkerung hinter der Entscheidung des Paters steht. Auch bei uns auf Facebook zeichnet sich ein eindeutiges Bild.  Diskutieren auch Sie gerne mit:

Doch was sagt das Gesetz? 

Drückt der Lärmschutz für Glocken ein Auge zu? Jein, heißt es dazu aus dem Landratsamt. Zu unterscheiden seien das liturgische Läuten und das Zeitläuten, sagt Pressesprecherin Sophie Stadler. „Gehört das Läuten zu einem Gottesdienst, gibt es keine zeitliche Beschränkung“, erklärt Stadler. In diese Gruppe gehört auch das Angelus-Läuten, das die Gläubigen in der Früh, mittags und abends zum Gebet aufruft.

Das Zeitläuten jedoch ist grundsätzlich der Technischen Anleitung (TA) zum Schutz gegen Lärm unterworfen, das sich am bauplanungsrechtlichen Status der Umgebung orientiert. Sprich: Hier geht es um Lautstärke (Dezibel) und um die Frage, ob der Glockenturm in einem Dorfgebiet, Mischgebiet oder Wohngebiet steht. Nachgemessen werde das seitens der Behörde aber nur, „wenn eine Anforderung besteht“, sagt Stadler. Wo also kein Kläger, da auch kein Richter.

Auch Holzkirchner haben Probleme mit den Glockenschlägen - aber ganz andere

In Holzkirchen gab es vor einigen Jahren einen Kläger. Die Glocken von St. Josef klangen einem Anwohner zu laut. „Das Landratsamt schickte damals ein Team zum Überprüfen“, erinnert sich Pfarrgemeinderats-Vorsitzender Matthias Hefter, „wir haben dann tatsächlich um ein paar Dezibel reduziert.“ Tatsächlich erhalte er aktuell wieder Beschwerden, sagt Hefter, „aber die gehen in die ganze andere Richtung.“ Denn die Zeitschaltuhr der Glocken, die wie in Weyarn auch während die Nacht jede Viertelstunde Laut geben, ist aus dem Takt geraten. „Es rufen Anwohner an und wünschen sich, dass der Stundenschlag wieder stimmt“, berichtet Hefter schmunzelnd, „sie sagen, dass sie ohne den richtigen Glockenschlag ganz aus dem Takt kommen.“ So bald wie möglich werde man die Steuerung reparieren, verspricht der Pfarrgemeinderats-Vorsitzende.

Auch das Beispiel Irschenberg zeigt, wie sehr einem Glockengeläut fehlen kann. Die Glocken der Pfarrkirche St. Johannes der Täufer sind seit Sommer 2017 stumm – wegen Sicherheitsmängeln am Kirchturm. Die Sanierung, verzögert sich. „Bisher fanden die Experten keine nachhaltige Lösung“, sagt Pfarrer Tadeusz Kmiec-Forstner. Er spricht von einer „großen Katastrophe“. Seit die Glocken nicht mehr läuten, klagen ihm die Menschen ihr Leid: „Manche können nachts nicht schlafen, anderen fehlt das Läuten als Start in den Tag.“ Im Bezug auf den Vorfall in Weyarn weist der Pfarrer auch auf praktische Probleme hin: „Glockenläuten kann man nicht so leicht leiser stellen.“

Ärger über„gelbe Terroristen“

In Miesbach verstummen die Glocken ab 21 Uhr. Beschwerden gibt es trotzdem. „Einmal stand sogar jemand mit der Schrotflinte vor der Tür und beschwerte sich über das Läuten“, erinnert sich Pfarrsekretärin Angelika Gigl. „Das ist aber schon ein paar Jahre her und ging auch friedlich aus.“ Die letzte Beschwerde gab es im vergangenen Jahr. Damals veranlasste das große Geläut zur Firmung einen Bürger mit Kopfschmerzen, die Glocken als „gelbe Terroristen“ zu bezeichnen. Seit dem war aber alles ruhig. „Das Läuten ist Tradition“, sagt Gigl, „und so bleibt es auch.“ Sie hält die Beschwerden für Ausnahmen. „Die meisten Miesbacher mögen das Läuten.“

Glocken gehörenzum guten Ton

Wie in Miesbach gehört der Klang der Pfarrkirche auch in Otterfing zum guten Ton im Ort. „Ich bin jetzt seit fünf Jahren hier“, sagt Pfarrer Slawomir Fijalkowski, „bei mir hat sich gottseidank noch niemand beschwert.“ Die Glocken klingen wie üblich 15 Minuten vor Beginn der Gottesdienste, während der Wandlung oder als Wettersegen. Dazu kommt das Angelus-Läuten um 6, 12 und 20 Uhr. Verstirbt ein Mitglied der Pfarrei, wird das Sterbeglöckerl geläutet. Man gewöhne sich doch an den regelmäßigen Klang, findet Fijalkowski. Er selbst freue sich, wenn er manchmal, bei entsprechender Windrichtung, sogar die Glocken der fünf Kilometer entfernten evangelischen Kirche in Holzkirchen hören könne.

Aus Rücksichtauf die Kurruhe

Die Glocken der ehemaligen Klosterkirche St. Quirinus in Tegernsee schweigen über Nacht. „Mit Rücksicht auf die Kurruhe“, sagt Monsignore Walter Waldschütz, Leiter des Pfarrverbands Tegernsee-Egern-Kreuth und Dekan. Zwar wohne rund um die Kirche niemand, dennoch habe die Pfarrei schon vor langer Zeit entschieden, das Zeitläuten während der Nacht abzuschalten. Zwischen 23 und 6 Uhr herrscht Ruhe. In Egern und Kreuth ist das anders. Hier wird auch in der Nacht jede Viertelstunde geschlagen. 

Beschwerden gab’s trotzdem nur, als die Glocken in Egern mal wegen eines Defekts die Stunde nicht schlugen. „Die Leute sind nachts aufgewacht, weil die Glocken nicht geläutet haben.“ Waldschütz versteht das: „Wenn das gewohnte Geräusch fehlt, schreckt man auf.“ Meist seien es darum auch die neu Zugezogenen, die sich vom Läuten gestört fühlen. Seiner Überzeugung nach müsse die Kirche auf solche Beschwerden individuell eingehen und sie nicht einfach brüsk zurückweisen. „Die Kirche darf sich nicht ins Abseits stellen.“

In Bad Wiessee und Gmund herrscht nachts ebenfalls Ruhe. „Wir halten uns da an die gesetzlichen Vorgaben zum Lärmschutz“, erklärt Pfarrer Wieland Steinmetz, der den Pfarrverband Bad Wiessee/Gmund leitet. Dies sei in den Gemeinden schon sehr lange so. „Schon mein Vorgänger hat die Kurruhe hoch gehalten.“

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