Geiger kniet vor bärtiger Frau am Kreuz
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Bärtige Frauen am Kreuz: Dieses Bild in St. Valentin in Bergham machte Johannes Widmann auf die bizarre Tradition aufmerksam.

Die Conchita Wurst aus dem Mittelalter 

Bizarrer Kult: Bärtige Frauen am Kreuz

  • Marlene Kadach
    vonMarlene Kadach
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Die bärtige Frau am Kreuz, im Volksglauben St. Kümmernis genannt, fesselt den Holzkirchner Archivar Johannes Widmann. Seine Recherchen begannen in Bergham.

Eher zufällig stößt Johannes Widmann auf die geheimnisvolle Bärtige. Er blättert in der Chronik des 1956 verstorbenen Holzkirchner Dekans Joseph Imminger. Hier taucht auch die Geschichte über sie auf. Imminger schreibt von einem Bild, das in der Kirche im Otterfinger Ortsteil Bergham hängt. Es zeigt eine Frau mit Bart am Kreuz. „Sie schaut aus wie Conchita Wurst“, witzelt Widmann. Also wie der österreichische Sänger und Travestiekünstler, der mit seinem Lied „Rise Like a Phoenix“ 2014 den Eurovision Song Contest in Kopenhagen gewann. Die Frau auf dem Bild in St. Valentin, das aus dem 17. Jahrhundert stammt, trägt eine Krone und goldene Schuhe, einer ist ausgezogen. Vor dem Kreuz kniet ein Geiger. „Weil es solche Spielmänner bei uns gab, dachte Imminger, dass es sich um einen Holzkirchner handelt“, sagt Widmann.

Die Geschichte fesselte Widmann so sehr, dass er anfing zu recherchieren. Der Holzkirchner Archivar fand heraus, dass das Bild in Bergham kein Einzelfall ist – allein im Landkreis gibt es laut Widmann mindestens zehn Kirchen, die solche Abbildungen beherbergen. Und er entdeckte, dass rund um die Bärtige am Kreuz ein richtiger Kult existierte, der sich im katholischen Volksglauben im mittelalterlichen Europa ausbreitete. Die Märtyrerin mit Bart trägt viele Namen: Kümmernis oder Wilgefortis heißt sie in Österreich und Bayern, Ontkommer in Belgien, Uncumber in England.

Genauso viele Geschichten ranken sich um die Bärtige, aber die zugrunde liegende Legende ist immer ähnlich. Widmann erzählt sie so: „Ein König aus Portugal, der mit der Kirche nicht besonders viel am Hut hatte, hatte eine schöne und gläubige Tochter.“ Der Vater wollte die Jungfrau mit einem heidnischen König vermählen. Aber die junge Christin wehrte sich dagegen. „Daraufhin bat sie den Herrgott, dass er sie so schiach machen soll, dass kein Mann sie mehr anschauen mag.“ Ihre Gebete wurden erhört. Ihr wuchs ein Bart. Der Vater machte kurzen Prozess: Er ließ seine Tochter – wie Christus – kreuzigen.

Die bärtige Frau wurde trotz ihrer späteren Popularität aber weder heiliggesprochen, noch von der Kirche anerkannt. „Sie war eher eine inoffizielle Heilige“, meint Widmann. Zuständig für die armen Leute, die sich mit ihren Nöten an sie wandten.

So auch der arme Geiger, den Imminger irrtümlicherweise für einen Holzkirchner hielt. Widmann musste feststellen, dass die Geschichte mit dem Geiger ebenfalls in Europa weit verbreitet war. Und der Geiger eine Figur, die häufig auf Bildern in Zusammenhang mit der Heiligen Kümmernis auftauchte.

Und diese Legende geht in etwa so: Sankt Kümmernis warf dem armen Spielmann einen Schuh zu, den er zu Geld machen sollte. „Aber die Gendarmerie dachte, dass er ihn geklaut hat“, sagt Widmann. Als der Geiger mit der Polizei zur Kümmernis marschierte, schenkte sie ihm auch noch ihren zweiten Schuh. Die Unschuld des Geigers war damit bewiesen.

Widmann grub weiter, nahm Kontakt zu anderen Heimatforschern aus der Gegend auf. Fuhr kreuz und quer durch den Landkreis. Auch dort gab es vielerorts die Tradition, bärtige Frauen mit langem Haar, Brustansatz und edlem Gewand am Kreuz abzubilden. Ein Beispiel hängt in Georgenried in Waakirchen, ein anderes in St. Andreas in Hohendilching. Das Besondere hier: „Das Bild stammt von 1980“, meint Widmann. Das zeige, dass der Kümmernis-Kult auch später noch anhielt.

In Weyarn stieß Widmann dann auf eine weitere Sensation. Dort gab es laut der Ortschronik einst am Fuße des Klosters Höhlen. In einer dieser Höhlen existierte vor langer Zeit eine Kapelle. „Und die war der Sankt Kümmernis geweiht“, sagt Widmann. Der Holzkirchner stieg sogar mal mit einem Weyarner Kollegen den Abhang zur Mangfall herunter. Mehr als „Dreck und Lehm“ haben sie aber nicht gefunden.

Wie dem auch sei. Widmann gräbt weiter. Er will die Bärtige am Kreuz in seinem neuen Buch verarbeiten, an dem er gerade schreibt. Fertig sei dieses noch nicht. Aber der Titel steht schon fest: „Tauchgänge in Holzkirchen.“ Und bei Sankt Kümmernis lohnt es sich allemal, tiefer einzusteigen.

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