Intensive Momente für die Ewigkeit

Holzkirchen - Wo sonst die Holzkirchner Mittelschüler lautstark ihre Pause begehen, herrschte eine hochkonzentrierte Atmosphäre: Die Chorgemeinschaft Cantica Nova spielte unter der Leitung von Katrin Wende-Ehmer ihre dritte CD ein. Das Ziel: eine meisterliche Aufnahme von alten und neuen Volksliedern.

Ganz leise gilt es, in das Foyer der Mittelschule Holzkirchen zu treten: Schließlich soll kein Geräusch die 45 Sänger, die überraschend gute Akustik oder gar die CD-Aufnahme stören. Aber der Chor - diesmal nicht in festlichem Schwarz, sondern in luftigen Sommerkleidern, Bermudas, Flipflops oder auch barfuß - ist ohnehin völlig vertieft in jede noch so kleine Geste ihrer Chorleiterin Katrin Wende-Ehmer. Auf ihre Anweisungen für den Einsatz der Stimmlagen, das Tempo, das An- und Abschwellen der Lautstärke. „Bitte werft die letzte Silbe bei ‚Auf der Kirchturmspitz‘ nicht weg. Singt sie ordentlich“, mahnt Wende-Ehmer und lässt die Strophe erneut vortragen. Immerhin nimmt der Holzkirchner Chor hier seine neue CD auf.

Das vielfach ausgezeichnete Ensemble widmet sich gerade der Volksweise „Zu Regensburg auf der Kirchturmspitz“ von Thomas Gabriel. Es ist eines der neueren 39 Volkslieder, die sich Cantica Nova vorgenommen hat, auf CD zu brennen. Von Michael Praetorius (das CD-Titel gebende „Nach grüner Farb mein Herz verlangt“ aus dem 16. Jahrhundert) über Johannes Brahms („Guten Abend, gute Nacht“) und Felix Mendelssohn Bartholdy („Entflieh mit mir“), beide aus dem 19. Jahrhundert, bis hin zu modernen Sätzen zeitgenössischer Komponisten und bairischen Liedern spannt Cantica Nova den Liederbogen für das Projekt.

„Es hat ein paar Jahrzehnte gedauert, bis man wieder lockerer mit dem Volkslied umgeht. Aber jetzt erlebt es geradezu ein Revival“, begründet Wende-Ehmer die Entscheidung, warum nach der Weihnachts- und der Motetten-CD jetzt Volkslieder auf dem Programm stehen. Spannend sei außerdem, dass sich zeitgenössische Komponisten alte Weisen wieder vornehmen und beispielsweise durch lautmalerische Elemente in ihren Arrangements modernisieren. Max Beckschäfer und Peter Wittisch sind solche Kompositionskünstler. Sie haben insgesamt neun Lieder, darunter auch Volkslied-Evergreens wie „Der Mai ist gekommen“ und „Geh aus mein Herz“, eigens für Cantica Nova neu interpretiert. Bei dieser Bandbreite kann der Chor zeigen, was er kann.

Auch das Lied von den „neunmal neunundneunzig Schneidern“ auf der Regensburger Kirchturmspitze gehört zu den neueren, hat es aber in sich, was die gesangliche Herausforderung angeht. Vor allem der 12te und 13te Takt bereiten Mühe: „Das ,Wie-de-wie-de-witt, dem Ziegenbock‘ passt noch nicht. Und der ,Fingerhut‘ war übertrieben“, schallt dann auch noch eine Stimme im Allgäuer Dialekt aus dem Off. Es ist die von Aufnahmeleiter und Tonmeister Reinhard Kiendl, der sich mit Tontechniker Peter Wahl und der Technik in der Schulküche eingerichtet hat. Strophe für Strophe lässt er den Chor alle Lieder singen. Manchmal sogar mehrmals, um dann später die besten Interpretationen zusammenzuschneiden.

Die 25-jährige Julia Fischer, die seit zweieinhalb Jahren bei Cantica Nova mitsingt und für die es die erste CD-Aufnahme ist, fasziniert nicht nur die Technik inklusive der zehn Mikrofone: „Das unmittelbare Feedback eines so erfahrenen Technikers bringt für die Qualität noch mal enorm viel.“ Ihr Chorkollege Axel Maisch, der seit 2005 dabei ist und bei allen drei CDs mitwirkte, bestätigt das: „CD-Aufnahmen sind immer anders: Wir gehen noch mehr ins Detail und können durch die Wiederholbarkeit manche Stellen noch feiner und ausgefeilter darstellen“, sagt der 42-Jährige. „Da zeigen wir noch mehr als sonst, was wir können. Denn es ist ja schließlich für die Ewigkeit.“

Für die Ewigkeit. An dieser Stelle wird verständlich, warum Chorleiterin Wende-Ehmer - obwohl seit Ostern intensiv geprobt wurde - angespannt ist und so kurz vor der Mittagspause immer wieder mahnt: „Wir müssen uns konzentrieren! Also bitte ab ‚Lass die Nadel…‘ ganz dicht werden!“ Später wird sie erklären, dass das Volkslied, bei dem Melodie und Text zu einer einzigartigen Einheit verschmelzen, den Willen zur Auseinandersetzung erfordert und dass man mit dem Genre sensibel umgehen muss -, weil die Zuhörer es bestens kennen. Bis dahin dirigiert, leitet und bewegt sie ihren Chor zum erklärten Ziel: „Die Erzeugung intensiver Momente, nach denen sich die Leute heute so sehr sehnen.“

Die CD „Nach grüner Farb mein Herz verlangt. Volkslieder - die schönsten Chorsätze“ von Cantica Nova ist ab sofort in Holzkirchen bei Schreibwaren Hummelberger und bei der Bücherecke erhältlich. Das nächste Konzert im Landkreis findet am 9. November in Holzkirchen im Oberbräu statt.

Von Alexandra Korimorth

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