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Ein Dorf macht Theater

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Die Brettlhupfer aus Wall. Am 31. März hat ihr Stück „Ala-Din und die Wunderlampe“ Premiere. Die Schauspieler fiebern dem Termin schon entgegen. Genau wie das ganze Dorf. Fotos: Thomas Plettenberg
Die Brettlhupfer aus Wall. Am 31. März hat ihr Stück „Ala-Din und die Wunderlampe“ Premiere. Die Schauspieler fiebern dem Termin schon entgegen. Genau wie das ganze Dorf. © Thomas Plettenberg

Wall - Rambazamba auf der Bühne: Die Waller Brettlhupfer proben grad ihr neues Stück – „Ala-Din und die Wunderlampe“. Im Ort sprechen sie von kaum was Anderem. Ein Besuch im Herz des Dorftheaters.

Biobauer Leonhard Obermüller, der 25 Kühe daheim hat, steht im Trachtenheim von Wall und sagt: „Ich bin eigentlich ein Hochstapler. Ein Volldepp.“ Er trägt einen blau-glänzenden Anzug und Vollbart. An jedem seiner zehn Finger hat er einen funkelnden Ring mit Glitzerglitzersteinen. „Die habe ich bei meiner Partnerin gefunden“, sagt Obermüller, 36. „Die arbeitet beim Landrat im Vorzimmer. Da braucht man so was anscheinend.“ Um seinen Hals hängen ein Dutzend Prollo-Ketten, die jedem Unterweltpaten zur Ehre gereichen würden. Eine, nun ja, imposante Erscheinung, hier in Wall, Gemeinde Warngau, Kreis Miesbach mit seinen 880 Einwohnern, einer Kirche, einem Maibaum, zwei Wirtshäusern, einer Zwergen-Grundschule mit 38 Schülern und viel, viel Landwirtschaft. Aber Obermüller sagt: „Ich bin ein Nichts.“

Hoppala, wo sind wir denn hier gelandet? Mitten in einer Lebenskrise? Beim Jahrestreffen der frustrierten Biobauern? Nein, natürlich alles Käse. Gerade proben die herrlich aufgedrehten „Waller Brettlhupfer“ ihr neues Theaterstück „Ala-Din und die Wunderlampe“. Biobauer Obermüller spielt „Hozzo-Lound“, einen schmierigen Zauberer, der gar nicht zaubern kann. Deswegen seine Maskerade, sein kurzzeitiger Selbsthass.

Die erste von zehn Aufführung ist am 31. März. Ein Großteil der Karten ist längst vergriffen. Die Brettlhupfer sind Dorfgespräch Nummer eins. Beliebte Einstiegsfrage im Wirtshaus gleich neben dem Trachtenheim. „Und host a scho Karten für de Brettlhupfer?“ Beliebte Antwort: „Ja, achte.“

Ohne Übertreibung: Es ist ein Ereignis, wenn die Theatergruppe, keiner der Schauspieler ist über 36, alle zwei Jahre aufspielt. Okay, es hat nicht ganz die Dimension der Passionsspiele in Oberammergau. Aber schlicht theaternarrisch sind die Einheimischen auch hier. Obermüller, der zaubernde Biobauer, sagt: „Theater – macht ma bei uns scho im Kindergarten.“ Die Waller Regisseurin Steffi Baier, die auch schon im Bayerischen Staatsschauspiel gearbeitet hat, ein ziemlicher Profi also, sagt: „Aufm Land passiert wahnsinnig vui. Des hier is bsonders, weil so a Funke da is.“ Sämtliche Darsteller sind Laien, alle kommen aus Wall. Auf der Bühne sprechen die meisten Dialekt, was zu wunderbar bairisch-orientalischen Sätzen führt. Zum Beispiel diesem, gesprochen von Rosi Poensgen: „I würd am liebsten beim Muezzin ind Lehr gehn, dann kann i den ganzen Dog über d’ Stadt plärrn.“ Die Urgewalt des Dialekts, auch so ein Geheimnis dieser Volks-Bühne, im besten Sinn des Wortes.

Der eine ist im richtigen Leben Kunstschmied, der andere Glasermeister oder Mechatroniker, die andere arbeitet in der Metzgerei oder in der Schreinerei. Zusammen sind sie ein Dorf, das Theater macht. Das Bock hat, was Besonderes auf die Beine zu stellen. „Nullachtfuffzehn kann jeder“, sagt Biobauer Obermüller. Seit Januar proben sie drei Mal die Woche. Sie haben die Texte auswendig gelernt, das Bühnenbild gebaut und grad erst ein Haufen Erde hinter dem Trachtenheim weggebaggert, damit sie dort ihren Container für Requisiten und Kostüme hinstellen können. Theater geht grad vor, Theater ist grad ihr Leben, da ist nicht mehr viel Zeit für Hobbys.

Bei der letzten Aufführung vor zwei Jahren waren Besucher aus zwölf Landkreisen da, die Waller haben da extra Statistik geführt. Inzwischen sind die Brettlhupfer schon ein bisserl mehr als ein Geheimtipp. Klar, die Erwartungen sind groß. Wenn man mal Dorfgespräch ist, dann muss man auch liefern, sonst wird’s peinlich. Aber es gibt keinen Grund zur Sorge. Schon bei den Proben kringelt man sich vor Lachen. Außerdem trinken sie vor jeder Aufführung ein Schnapserl, das pustet das Lampenfieber weg.

Die Handlung des Märchens ist schnell erzählt: Der schlitzohrige Ala-Din verliebt sich unsterblich in die schöne Prinzessin, die Liebe darf nicht sein, eh klar. Ala-Din muss um sein Leben fürchten, er findet eine Wunderlampe samt Flaschengeist, der ihm daraufhin jeden Wunsch erfüllt. Der böse Zauberer will ihm die ganze Zeit dazwischengrätschen. Der Wesir ist stets mies drauf und furchtbar streng, aber man verrät nicht zu viel, wenn man sagt, dass Ala-Din und die Prinzessin noch zu einem sauberen Techtelmechtel kommen.

Nur mit dem Kamel gibt’s Probleme, bei der heutigen Probe zumindest. Kunstschmied Martin Bauer, 30, sagt: „Kamel hab ich noch nie gespielt.“ Und schon steigt er zusammen mit seiner Kamel-Schauspielpartnerin Lisi Estner in sein felliges, vielhöckeriges Kostüm, selbstgemacht aus einem alten Autositzbezug. Aber schon nach ein paar Minuten auf der Bühne wird klar: Kamel tut weh. Grad an den Knien. „Wir müssen dir Knieschoner besorgen“, sagt Regisseurin Steffi Baier. Ja, sie sind Improvisationskünstler hier in Wall. Und: Alles passiert mit einem Lachen auf den Lippen. Es ist ernst, aber nicht zu ernst. Eine gute Mischung.

Albert Ambacher, 21, hat gerade Zigarettenpause. Ein Viertel des ganzen Textes geht auf seine Kappe. Er sagt: „Ich spiele zum ersten Mal Theater.“ Und dann gleich die Hauptrolle, den Ala-Din. Respekt. Er war der erste, der seinen Text auswendig konnte. Noch mehr Respekt. Die Kollegen sagen: Er ist das größte Talent weit und breit. Eigentlich arbeitet Albert Ambacher als Mechatroniker, aber im Moment wird er seine Rolle nicht los. Sie verfolgt ihn. Beim Fußballtraining beim SC Wall sagt der Trainer: „Tackling, Ala-Din, Tackling!“

In der Werkstatt sagen die Kollegen: „Guten Morgen, Ala-Din.“ Auf der Straße sagen die Einheimischen: „Servus, Ala-Din!“

So läuft es, wenn man die Hauptrolle bei den Brettlhupfern spielt. Man ist plötzlich der Superstar von Wall. Das ist sie, die Kraft des Dorftheaters. Hammergut.

Stefan Sessler

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