+
Achterbahn der Gefühle: Das sozialkritische Volksstück „Kasimir und Karoline“ spielt auf dem Oktoberfest in München.

Brettlhupfer brillieren bei Premiere

Ein Erlebnis der Extraklasse

Wall - Anspruchsvolle und schwere Kost zum zehnjährigen Bestehen: Die Waller Brettlhupfer wagten sich an „Kasimir und Karoline“ von Horvath – und brillierten bei der Premiere.

Alle zwei Jahre ist es soweit: Dann rückt das kleine Wall in den Fokus der bayerischen Theaterszene. Dann bringt das Dorf in unglaublicher Gemeinschaftsleistung und unter der Regie von Theaterprofi Steffi Baier ein Stück auf die Bühne, dem man kaum ansieht, dass da oben Laien stehen.

So auch dieses Jahr: Mit dem Volksstück „Kasimir und Karoline“ wagten sich die Waller Brettlhupfer im Trachtenheim jetzt an einen anspruchsvollen und sozialkritischen Klassiker. Was vielleicht auf den ersten Blick als eine Satire auf das Münchner Oktoberfest daherkommen mag, ist eine zynisch-tragische Beziehungs- und Gesellschaftsstudie, die Schauspielern viel abverlangt.

Das Stück spielt um 1930 während der Wirtschaftskrise. Kasimir (Korbinian Kloiber) hat gerade seine Anstellung als Chauffeur verloren, aber seine Verlobte Karoline (Ursula Lippkau) will sich auf dem Oktoberfest vergnügen. Kasimir schnürt es jede Lebensfreude ab vor Zukunftsangst, Minderwertigkeitsgefühlen und dem Gefühl einsam zu sein. Während er überzeugt ist, dass die Liebe in wirtschaftlichen Krisen automatisch nachlässt, mutmaßt die lebenslustige und ehrgeizige Karoline, dass sie vielleicht zu schwierig füreinander wären. Die Ereignisse eskalieren: Die beiden trennen sich, lenken ein, wenden sich voneinander ab, entschuldigen sich, weisen sich zurück, verletzen sich. Kasimir gerät unter dem Einfluss des Merkl Franz (Ludwig Stürzer) auf die schiefe Bahn. Karoline wird zum Sexobjekt degradiert. Dazwischen immer wieder die Frage, ob der Mensch von Natur aus schlecht ist oder ob ihn die Verhältnisse dazu machen, ob der Mensch das Produkt seiner Umgebung ist.

Sagenhaft, wie die Waller Brettlhupfer diese Frage in ihrer Inszenierung herausarbeiten: Vor dem lauten, bunten Hintergrund des Vergnügens, des Feierns und der typischen Jahrmarkts-Skurrilitäten, die immer wieder in Standszenen eingefroren werden, treten die Dialoge noch schärfer, streckenweise sogar ätzend hervor. Regisseurin Baier setzt durchweg auf den Kontrast. Etwa, wenn die Affenfrau Juanita, alias Rosi Staber, im haarigen Kostüm und Paillettenkleid auf Sächsisch und in bester Schlagermanier den Helene Fischer Song „Atemlos durch die Nacht“ singt. Dann ist das zwar witzig, aber zugleich auch verachtend.

Das Publikum belohnt beides mit Applaus. Ebenso wie das dezidierte Spiel, mit dem die Akteure die Gefühlslagen ausloten. Bei Kloiber, der den Kasimir gibt, reicht oftmals allein ein Blick. Der spricht Bände. Stürzer, der sich immer durch äußerst freundliche Begrüßungen vor den Vorstellungen hervortut, setzt in seiner Rolle des Merkl Franz auf eine akkurate Körpersprache, die die Gewaltbereitschaft und das kriminelle Potential erschreckend perfekt transportiert. Lippkau als Karoline überzeugt durch eine Mischung aus Naivität und Berechnung, Leonhard Obermüller als Kommerzienrat Rauch und Michael Zehrer als Landrichter Speer durch ihre Selbsterhöhung und Menschenverachtung. Jede Rolle ist perfekt ausgeleuchtet und spielerisch ebenso ausgefüllt.

Erneut ein Theatererlebnis der Extraklasse.

Von Alexandra Korimorth

Auch interessant

Kommentare