Gabor Zsigmondi zeigt seine Pilgerpässe und Fotos von den Reisen
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Meterlange Pilgerpässe und Fotos dokumentieren die vielen Reisen von Gabor Zsigmondi. Im Moment wohnt er für ein paar Tage bei Pfarrvikar Hannes Schißler in Holzkirchen.

Gabor Zsigmondi macht Halt in Holzkirchen

Dieser Mann ist seit 30 Jahren auf Reisen 

  • Marlene Kadach
    vonMarlene Kadach
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Seit 30 Jahren ist Gabor Zsigmondi auf Pilgerreise. Hat 24 Länder abgeklappert und 180 000 Kilometer mit dem Rad bestritten. Jetzt ist er in Holzkirchen.

Holzkirchen - Auch seine Annette konnte ihn nicht zähmen. Ihn nicht in ein geregeltes Leben zwingen. Es war der 17. Mai 1997, das weiß Gabor Zsigmondi noch genau, als er die schöne Frau im ungarischen Dombóvár kennenlernte. „Das war an ihrem Geburtstag“, erzählt er. Für ihn war es das große Ereignis in seinem Leben, die große Liebe. Auch wenn sie nur drei Monate währte. Eine lange Zeit für einen Rastlosen wie ihn. Doch schon bald kriselte es. „Sie wollte keinen Obdachlosen mit Fahrrad.“ Keinen Mann ohne festen Job und Einkommen. Zumindest konnte sie sich keine gesicherte Zukunft mit ihm vorstellen. Bald ging er wieder auf Reisen, und irgendwie kam Annette mit: „In meinem Herzen hat sie immer einen Platz“, sagt der 71-Jährige.

Gut 30 Jahre ist Zsigmondi nun schon unterwegs, befindet sich auf Pilgerreise. Hat 24 Länder besucht, hauptsächlich in Europa. Momentan hat er in Holzkirchen einen Stop eingelegt. Der katholische Pfarrvikar Hannes Schißler nahm den Fremden für ein paar Tage bei sich auf, nachdem dieser im Pfarrverband angefragt hatte. Denn in der Bibel stehe: „Umsonst habt Ihr empfangen, umsonst sollt Ihr geben“, erklärt der Geistliche seine Gastfreundschaft.

Zsigmondi ist gebürtiger Ungar. Zuletzt hatte er viele Jahre in Frankreich gelebt – bevor er auf große Reise ging. Warum er eines Tages plötzlich loszog und alles hinter sich ließ? So genau will er das nicht sagen. Die vielen Sehenswürdigkeiten hätten ihn gereizt und die Wallfahrtsorte. In erster Linie handle es sich um eine religiöse Reise.

Seine erste Station auf der lebenslangen Tour war ein Kloster in der Schweiz, dann kam Rom. Von da an ging es immer weiter. 24 Länder klapperte er ab. Er war unter anderem in Griechenland, im Kosovo, in Belgien und Holland, ja sogar am Polarkreis in Norwegen. Natürlich zog es ihn zu bekannten Pilgerstätten: nach Lourdes in Frankreich etwa oder nach Fátima in Portugal. Im spanischen Santiago de Compostela war er sogar zwei Mal. „Einmal mit dem Rad und einmal mit dem Zug.“ Die Touren gehörten zu den schönsten Erlebnissen seines Lebens. Abgesehen von der großen Abendsonne in Ost-Ungarn. Und Annette natürlich.

20 Jahre fuhr Zsigmondi Rad, strampelte insgesamt 180 000 Kilometer ab, arbeitete sieben Fahrräder auf. Seit einem Unfall samt Hüft-OP kann er allerdings nicht mehr radeln. Zu Fuß legte er dann rund 30 000 Kilometer zurück, schätzt er. Das meiste hat er dokumentiert, die vielen Pilgerbücher und Pässe mit Stempeln trägt er immer bei sich. Genau wie den Schlafsack, die kleine Umhängetasche und den schwarzen Rollkoffer. Mehr Gepäck braucht er nicht. Alles was er hat, passt da rein.

Zwischendrin arbeitete der gebürtige Ungar immer wieder mal ein paar Monate. Jobbte als Bauer, Maler, verdiente sich ein wenig Geld zu den 100 Euro Rente dazu. Eigentlich ist er gelernter Lokführer, war mal beim Militär. Doch das ist lange her. Inzwischen fährt er zwar wieder viel Zug – allerdings sitzt er dann hinten drin. Denn das Laufen wird mit dem Alter immer beschwerlicher. „Ich habe inzwischen wehe Füße“, erklärt der 71-Jährige.

Übernachtet hat er stets in Klöstern, Pfarrhöfen oder Pilgerherbergen. „Meistens kann ich immer nur ein paar Nächte bleiben“, sagt er. Hart traf ihn die Corona-Krise, als die Grenzen dichtmachten. Er fühlte sich eingesperrt. In einem Kloster am Rhein konnte er zum Glück vier Monate wohnen.

Es ist ein Leben in ständiger Bewegung. Aber auch ein Leben ohne Rast und Ruh. Und ohne ein festes Zuhause. Selbst im Winter. Die Banden in seine alte Heimat Ungarn sind längst gekappt, Angehörige seien tot, Kinder hatte er nie. Manchmal sehnt sich der 71-Jährige danach, sesshaft zu werden. Am liebsten irgendwo, „wo es flach ist und keine Berge gibt“, sagt er. Wegen der Füße.

In Holzkirchen ruht er sich von den Strapazen aus. Vor zehn Jahren stiefelte er schon mal in den Landkreis, hielt sich in Weyarn auf. Jetzt befindet er sich – mal wieder – auf der Durchreise. Wo es danach hingeht, weiß er noch nicht. „Ich bin am Überlegen“, sagt Zsigmondi.

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