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Ausgebimmelt: Bäuerin Regina Killer (M.) aus Föching und ihre Kinder Georg und Regina sins ratlos. Ihre Kühe dürfen nachts auf einer Wiese in Erlkam keine Glocken mehr tragen. Die 39-Jährige will Widerspruch einlegen

Anwohner hat sich beschwert - Amtsgericht fällt Beschluss

Kuhglocken müssen nachts schweigen

Holzkirchen - Nachtruhe auf der Weide: In Erlkam müssen Kuhglocken schweigen,zwischen 19 und 7 Uhr. Ein Anwohner hat eine einstweilige Verfügung gegen die Regina Killer erwirkt.

Regina Killer ist seit 15 Jahren Bäuerin in Föching. Nachdem ihr Mann vor zehn Jahren starb, bewirtschaftet die 39-jährige Mutter von zwei Kindern (13 und 15) den Hof Beim Schwemmer am Südwestrand von Föching allein. In Sichtweite liegt die Wiese, auf der sich nun der Glockenstreit anbahnte.

Die landwirtschaftliche Fläche am Ortsrand von Erlkam hat sie im vergangenen Jahr zugepachtet, ihr Vorpächter hatte darauf keine Tiere aufgetrieben, erklärt Killer. Als der besagte Anwohner, Reinhard Unterberger, vor rund zwei Jahren in ein angrenzendes Haus gezogen sei, war die Wiese also keine Weide. Das änderte sich heuer. Die Mahd sei im vergangenen Jahr nicht gerade ergiebig ausgefallen, und die Wiese sei eigentlich prädestiniert für Weidehaltung, meint Killer: „Sie ist von Westen her geschützt und es gibt Schatten für die Tiere.“

Heuer Mitte Juni trieb Killer erstmals auf, fünf Kälber, vier davon mit Glocken. Die Bäuerin hatte sich dabei nichts Böses gedacht. Doch kurz darauf stand der Anwohner bei ihr vor der Tür, erzählt sie: weil ihn das Gebimmel störe und er deshalb nachts nicht mehr schlafen könne. „Ich bin nicht aufs Land gezogen, um jetzt gegen Kühe vorzugehen“, versichert Anwohner Unterberger. Ihm sei vollkommen klar, dass auf dem Land Kühe sind. „Aber es besteht keinerlei Verpflichtung, ihnen Glocken umzuhängen. Die Kühe sind ja nicht auf der Alm, sondern in einer mit Elektrozaun gesicherten Weide.“ Ihm gehe es ausschließlich darum, dass die Glocken nicht mehr vor seinem Schlafzimmer bimmeln. „Mit 109 Dezibel, das habe ich gemessen – das ist wie ein Presslufthammer. Eine Nachtruhe ist mit diesen Glocken nicht möglich“, betont er auf Nachfrage.

Um dem Nachbarn entgegenzukommen, habe sie drei von vier Glocken auch abgenommen, sagt Killer. Nur eine blieb, auf der die Bäuerin auch weiterhin besteht: „Damit man sie hört, wenn sie ausbrechen, und sie schnell wieder findet“, erklärt die Bäuerin; das habe sie dem Nachbarn gesagt. Denn ein Elektrozaun, wie er in der Landwirtschaft allerorts üblich ist, könne Rinder eben nicht immer aufhalten. Ihre Tiere sind schon einmal ausgebüxt, weil ein fauchender Heißluftballon über der Wiese schwebte. „Die schauen dann nicht mehr, die laufen einfach durch den Zaun“, sagt Killer, „das kann jedem passieren.“

Das Argument will Unterberger nicht gelten lassen. Die Bäuerin müsse dann eben für einen ausbruchssicheren Zaun sorgen. „Sie hat ja auch eine Verkehrssicherungspflicht“, argumentiert er. „Die Glocken sind eine völlig unnötige Lärmbelästigung.“

Ein Kompromiss wäre eine Nachtweide: ein abgegrenzter Bereich 100 Meter von der Wohnbebauung entfernt, in dem die Kühe während der Nacht bleiben. Dafür sei aber das ein Hektar große Grundstück zu klein, sagt Killer.

Als sie Mitte Juni wieder Kühe auf die Wiese stellte – sieben Stück, eine davon mit Glocke um den Hals – eskalierte die Sache. Kurz darauf kam Post vom Nachbarn: Sie solle binnen einer Frist von zwei Tagen die Glocke entfernen. Weil Killer nicht einlenkte, beantragte Unterberger über einen Anwalt eine einstweilige Verfügung am Amtsgericht Miesbach. Vor zwei Wochen nun stand der Gerichtsvollzieher bei der Bäuerin vor der Tür und übergab ihr den Beschluss des Amtsgerichts: Für das betreffende Grundstück werde eine Weidehaltung untersagt, „bei der die Tiere Glocken von 19 Uhr bis 7 Uhr morgens näher als 100 Meter von dem Grundstück des Antragstellers [...] tragen“. Bei Zuwiderhandlung drohen Killer die in einstweiligen Verfügungen üblichen bis zu 250 000 Euro Ordnungsgeld oder bis zu sechs Monate Ordnungshaft. Killer ist entsetzt. Über ihre Anwältin will sie Widerspruch einlegen. Bleibt das Amtsgericht bei seinem Beschluss, könnte Killer auch noch in Berufung gehen.

Aus dem Dorf bekommt die Bäuerin Unterstützung – zumindest moralische: Föchinger und Erlkamer sammeln zum Beispiel im Geschenke- und Handarbeitsstüberl in Holzkirchen und beim Raiffeisen-Warenlager in Warngau Unterschriften, damit die Kuhglocken nicht verstummen müssen.

Unterberger ficht das nicht an. Er habe die Geräuschentwicklung auch mit einem Messgerät dokumentiert. Der Pegel von bis zu 110 Dezibel sei vergleichbar mit einem Presslufthammer – und übersteigt die Grenzwerte für ein Dorfgebiet wie Erlkam von 60 Dezibel tags und 45 Dezibel nachts. Dazu gebe es auch zahlreiche Gerichtsurteile. „Ich bin jetzt zufrieden.“

Katrin Hager

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