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Hut auf, Gummistiefel an: Zsuzsanna Gàspàr aus Wall ist eine von circa 4000 Jägerinnen in Bayern. Die 46-Jährige liebt die Arbeit im Freien, die Zusammenhänge in der Natur interessieren sie.

Zsuzsanna Gàspàr im Porträt

„Es gibt keinen Prototyp Jägerin“

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Wall - Sie weiß viel über die Natur und kann schießen: Zsuzsanna Gàspàr (46) aus Wall ist eine von rund 4000 Jägerinnen in ganz Bayern. Sie findet, dass Jagen heutzutage Frauensache ist. Eine Leidenschaft komme den weiblichen Grünröcken zugute: Reden, reden, reden.

Nur die Farbe ihrer Kleidung erinnert an das, was sie tut. Grünes T-Shirt, grüne Hose. Der Rest eher nicht. Zsuzsanna Gàspàr hat lange Fingernägel, Föhnfrisur und Make-up sitzen. „Es gibt keinen Prototyp Jägerin“, sagt die 46-Jährige und trinkt einen Schluck Kaffee. Der Wald schweigt vor ihrer Tür, nur das Radio zerschneidet die Stille in der Küche. Wenn sie in den Wald geht, ist das für sie wie Therapie. Hut auf, Gummistiefel an. „Weg von der Außenwelt, rein in die Natur“, sagt sie. 

Gàspàr aus Wall gehört zu den circa 4000 Jägerinnen, die es laut Renate Weber in Bayern gibt. „Das entspricht etwa zehn Prozent aller Jäger“, sagt sie. Weber aus Mamming ist Repräsentantin des Bayerischen Jägerinnenforums, das dem Jagdverband angehört und ein Netzwerk für Frauen darstellt. „Die Jagd ist weiblicher geworden“, sagt die 58-Jährige. „Wir sind keine Wetterhexen.“ Als sie anfing, war sie eine Exotin in einer Männerdomäne. Heute machen alle möglichen Frauen einen Jagdschein. „Von der Postbotin bis zur Professorin.“ Manche kommen durch ihre Väter oder Ehemänner zur Jagd. Dann gibt es Quereinsteigerinnen. So wie Gàspàr. 

Die Wallerin stammt aus Siebenbürgen. In ihrer Kindheit streunten sie und ihre Schwester Ildiko in den Karpaten durch die Wälder. „Da gibt es noch Wölfe und Bären“, sagt sie. „Die reißen einen nicht in Stücke.“ Deshalb versteht sie nicht, warum Bruno der Problembär 2006 erschossen wurde. Warum die Menschen hier sich so fürchten vor wilden Tieren. In den 80ern kamen die Schwestern nach Deutschland. Zunächst wohnte Gàspàr in München. Die Natur fehlte ihr. Also zog sie nach Wall, meldete sich beim Jagdverband an. Ihre Eltern waren überrascht. Ihre Tochter wollte Tiere schießen? Einen Ehemann, der ihr das Jagen ausreden wollte, gibt es nicht. 

2006 machte sie den Jagdschein, eineinhalb Jahre dauerte die Ausbildung. In ihrer Gruppe waren 30 Prozent weiblich. Die Zusammenhänge der Natur interessierten sie. Sie lernte den Jägerjargon, dass „aus der Decke schlagen“ heißt, einem Schalenwild das Fell abzuziehen. Ihr erstes Tier war ein Reh. „Das war eine emotionale Herausforderung.“ Bis heute geht Gàspàr gerne zu Schießübungen. „Es ist peinlich, bei der Jagd daneben zu schießen.“ Vor allem vor den Männern. „Ein Schuss muss sitzen.“ Damit das Tier nicht leidet, das Fleisch fein bleibt. Der Respekt steige bei den Jägern, wenn frau das Tier auch selbst ausnehmen kann. Gàspàr ist stolz auf ihren Jagdschein.

Wenn ihr ein Tierschützer blöd kommt, kontert sie: „Ich habe eine Ausbildung, du nicht.“ Sie betont, dass der Jagdverband ein staatlich anerkannter Naturschutzverband ist. Jägerinnen pflanzen Bäume und durchsuchen Äcker vor der Frühlingsmahd, damit Rehkitze nicht zerhäckselt werden. Mit Freunden diskutiert sie oft, stellt immer eine Gegenfrage: „Ob sie mal in einem Schlachthof waren.“ Gàspàr ist eine Frau, die sagt, was sie denkt. Doppelmoral hasst sie. „Alle reden über Bio, aber in den Einkaufskörben liegt nur billiges Fleisch.“ 

Die Sache mit dem Schießen sorgt oft für Zunder. Eine Büchse für Rehe und Wildschweine und eine Schrotflinte für Hasen und Fasane lagern zuhause in ihrem Tresor. Gàspàr erklärt den Leuten, dass es Abschusspläne von der Unteren Jagdbehörde gibt. „Ich denke, dass die Abschussquote zu hoch ist.“ Doch die Zahlen ergeben sich aus einem Kompromiss mit Waldbesitzern, die mit Holz ihr Geld verdienen und Verbiss missbilligen. 

Jägerin sein heißt kommunizieren. Es gibt Diskussionen mit Joggern im Wald, Hundebesitzern und Baumumarmern. „Der Wald gehört jedem.“ Nach dem Bayerischen Naturschutzgesetz hat jeder das Recht zum Genuss der Naturschönheiten, zur Erholung in der freien Natur. „Oft sind sich die Leute nicht darüber bewusst, dass sie Tiere aufschrecken.“ Da hilft nur reden, reden, reden. „Ich denke, Frauen nehmen sich für so was mehr Zeit.“ 

Ein eigenes Revier hat Gàspàr momentan nicht gepachtet. Dafür fehlt ihr die Zeit, sie arbeitet als Filialenbetreuerin einer Bäckereikette in ganz Bayern, hat soeben ihr BWL-Studium nebenbei absolviert. Vorerst geht Gàspàr also als Gast in anderen Revieren mit auf die Jagd. Mit den männlichen Grünröcken kann sie allemal mithalten.

Von Marlene Kadach

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