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„Quasi ein Personalausweis“: Das waren Wappen laut André Damrau alias der Herold von Palnkam im Mittelalter. In seinem Atelier in Palnkam malt der 45-Jährige historische und aktuelle Modelle.

Atelierbesuch bei André Damrau

Herold von Palnkam, der Wappenmaler

  • Marlene Kadach
    vonMarlene Kadach
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Palnkam - Das Mittelalter ist seine Epoche André Damrau (45) alias der Herold von Palnkam fertigt in seinem Atelier Wappen an. Die Leute reißen ihm die Werke aus den Händen.

Hier werden die Personalausweise des Mittelalters produziert. Schwerter und Streitaxt hängen an der Wand, auf den Stühlen liegen Felle, Minnegesang heult durch den Raum, ein Feuer knistert auf dem Fernsehbildschirm. An der Wand stehen Puppen mit Ritterrüstungen, und in der Ecke lauert ein furchteinflößendes Exemplar – lange Hörner ragen aus seinem Topfhelm: „Das ist Graf Rudolph von Stein“, erklärt André Damrau alias der Herold von Palnkam. Und der monströse Helm findet sich auch in dem Banner wieder, das Steins Wappen trägt.

Damrau, 45, macht in seinem Atelier in Palnkam bei Otterfing – das an ein Museum, eine Geisterbahn oder eine Ritterburg erinnert – Wappen. „Der Trend nimmt zu“, sagt er. Immer mehr wollen ihr eigenes Wappen haben, das sie sich über den Kamin hängen. „Leute ab 40 haben meist schon alles“, meint Damrau. Was schenkt man so jemandem? „Da komme ich ins Spiel.“ Und das Geschäft läuft gut. Er verkauft auf Mittelaltermärkten oder per Internet. Die Schilder, Gemälde oder Banner kosten mal 400 Euro, mal 1000 Euro. Je nachdem.

Damrau ist ein großer, wuchtiger Mann, er trägt ein kuttenähnliches Hemd und ein schwarzes Häubchen auf dem Kopf. „Im Mittelalter ist man nie barhäuptig gegangen“, erklärt er. Und wenn er gut drauf ist, setzt er das weiße Häubchen mit den Bändern auf, das heutzutage eigentlich nur noch Babyohren wärmt. Das Mittelalter ist seine Epoche, ganz klar, und irgendwie kam er einfach ein paar Jahrhunderte zu spät auf die Welt. „Die Tugenden und Ideale der Ritter gefallen mir.“ Ehre, Loyalität, Hilfsbereitschaft. Solche Sachen.

Als Damrau ein kleiner Bub war – er wuchs in Zwickau auf – las ihm sein Papa abends Rittergeschichten vor. Am Wochenende besuchten sie Burgen. Mit zwölf malte er sein erstes Wappen.

Inzwischen weiß Damrau so ziemlich alles über Wappen. Deshalb auch sein Künstlername: Herold von Palnkam. „Herolde waren im Mittelalter so was wie die Diplomaten.“ Sie fungierten bei Schlachten als Boten ihres Lehnsherren. Damit jeder Freund und Feind auf dem Schlachtfeld erkannte, entwickelten sich laut Damrau ab dem 11. Jahrhundert Wappen. Diese zeigten an, wer sich unter der Rüstung verbarg. „Quasi ein Personalausweis.“ Die Wappen zierten bald Kampfschilder oder Banner. Zunächst waren sie dem Hochadel vorbehalten, später verliehen die hohen Herren den Bürgerlichen das Wappenrecht. Die Knappen, die Azubis des Mittelalters, trugen das Wappen ihres Herren. Und aus den Herolden wurden Wappenkundige.

Damraus Wappen sehen ziemlich alt aus. Und genau das sollen sie auch. Er malt mit Schlämmkreide, Acryl und einer Mischung, die unters Betriebsgeheimnis fällt. Und er behandelt seine Gemälde und Schilder so, dass sie so aussehen als wären sie auf rauem Holz gemalt – und nicht auf Leinen. Als gelernter Möbellackierer beherrscht er sein Handwerk. Zu den Motiven: „Manchmal fertige ich sie nach historischem Vorbild an“, erklärt er und deutet auf ein Schild, das einen goldenen Löwen vor blauem Hintergrund zeigt; das Tier deutet auf einen einst mutigen oder starken Herren hin. In diesen Fällen muss der Kunde das aber mit den Nachfahren etwa der Adelsfamilie absprechen. Auch wenn nach dem Ersten Weltkrieg die Adelsprivilegien wegbrachen, gelte eine Art Urheberrecht.

Ein Kumpel von Damrau, der auf Ritterturnieren in das Gewand von Rudolph Stein schlüpft und dessen Wappen trägt, habe das mit einem Nachkommen des Grafen abgesprochen.

Dann gibt es noch die modernen Wappen. „Diese sind nicht frei erfunden. Alles hat seine Bedeutung“, sagt Damrau. Die Gestaltung bezieht sich auf Herkunft, Beruf oder Eigenschaften. Ein Beispiel: Kommt ein Kunde aus München mit dem Nachnamen Schmid, könnte sein Wappen so aussehen: Hammer oder Amboss für den Schmied, auf den der Name zurückgeht. Und die Farben, die das Münchner Kindl zieren: gold-schwarz.

Aber: Wenn jemand seinen Porsche im Wappen verewigen will, schüttelt der Herold von Palnkam den behaubten Kopf. Modernes Zeug kommt ihm nicht auf die Wappen. So was hat es im Mittelalter ja auch nicht gegeben.

Von Marlene Kadach

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