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Waldorf-Erzieherin Helen Dorff mit Tochter Solveigh.

100 Jahre Waldorf

Naturmaterialien statt Plastik-Spielzeug

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Die Waldorf-Pädagogik feiert Geburtstag. Helen Dorff, Waldorf-Erzieherin aus Holzkirchen, erklärt den Unterschied zwischen Waldorf-Kindergärten und anderen Kinderbetreuungseinrichtungen.

Holzkirchen – Die Waldorf-Pädagogik feiert Geburtstag: Vor 100 Jahren hat Rudolf Steiner in der Stuttgarter Waldorf-Astoria-Zigarrenfabrik eine Schule für die Kinder der Arbeiter eröffnet. Sie ersetzte das Prinzip der Auslese durch eine Pädagogik der Förderung: Alle Schüler durchliefen ohne Sitzenbleiben zwölf Schuljahre. Kurz darauf entstanden die ersten Waldorf-Kindergärten. Heute gibt es weltweit circa 1900 Waldorf-Kindergärten. Einer davon befindet sich in Holzkirchen. Wie alle Waldorf-Kindergärten in Bayern feiert er das Jubiläum am 29. Juni – und nutzt den Anlass, um Spenden für eine Waldorf-Schule in Guatemala zu sammeln. Darüber sprachen wir mit Erzieherin Helen Dorff.

Frau Dorff, was unterscheidet einen Waldorf-Kindergarten von anderen Kindergärten?

Unter anderem haben die Waldorf-Kindergärten immer geschlossene Gruppen. Offene und teiloffene Konzepte, wie sie sich in anderen Kindergärten durchsetzen, gibt es nicht. Die Kinder essen gemeinsam, bereiten die Mahlzeiten gemeinsam zu und haben in ihren Erziehern feste Bezugspersonen. Die Idee ist, ihnen einen Rahmen zu bieten, der sich an der Großfamilie orientiert. Waldorf-Kindergärten verzichten außerdem auf Spielzeug aus Plastik und setzen stattdessen auf Naturmaterialien. Waldorf-Puppen zum Beispiel sind aus Stoff und haben eine sehr reduzierte Mimik, damit Raum ist für die Fantasie der Kinder. Frühförderungsprojekte über den Weltraum beispielsweise gibt es nicht. Weil die Waldorf-Pädagogik davon ausgeht, dass Kinder nur begreifen, was sie auch ergreifen können. Wir gehen zum Beispiel zum Schäfer, holen dort Wolle, säubern, spinnen und färben diese. Jeder Tag, jede Woche und jedes Jahr folgt einem festen Rhythmus. Montags gibt es immer Milchreis und Eurythmie, dienstags immer Gemüsesuppe und Aquarellmalen und so weiter.

Eurythmie?

Eurythmie wird im Waldorfkindergarten als zusätzliches bewegungspädagogisches Mittel angeboten. Mithilfe von Sprache, Bewegung und musikalischen Klängen unterstützt sie die ganzheitliche Entwicklung des Kindes. Sie schult das Sozialverhalten in der Gruppe, erweitert das Orientierungsvermögen im Raum und fördert die Fein- und Grobmotorik. Da die Sprach- und Bewegungsentwicklung des Kindes meist im engen Zusammenhang zueinander stehen, findet durch die Eurythmie eine wechselseitige Förderung beider Bereiche statt. Darüber hinaus wirkt sie ausgleichend auf eventuelle Entwicklungsverzögerungen, in welchem Bereich auch immer.

Sind Waldorf-Erzieher anders ausgebildet?

Sie haben eine staatliche Erzieher-Ausbildung. Das ist ein gutes Fundament. Und sie absolvieren eine Zusatzausbildung. Das berufsbegleitende Waldorf-Seminar in München etwa dauert drei Jahre. Waldorf-Erzieher sind sich bewusst, dass sie den Kindern ein Vorbild sind, denn Kinder ahmen Erwachsene nach und lernen durch Beobachten. Es gibt auch eine Vollzeit-Ausbildung, zum Beispiel in Stuttgart. Dort kann man den staatlichen und den Waldorferzieher gleichzeitig absolvieren.

Anlässlich des Waldorf-Jubiläums sammeln Sie Spenden zugunsten einer Waldorf-Schule in Guatemala. Warum?

Das staatliche Schulsystem ist dort nicht gut ausgebaut. Es mangelt an gut ausgebildeten Lehrern und gut ausgestatteten Schulen. Deshalb schickt jeder, der es sich leisten kann, seine Kinder auf eine Privatschule. Nur: Die Kinder der privaten Waldorf-Schule in San Marcos, La Laguna am Atitlán-See, stammen zu 90 Prozent aus indigenen Maya-Familien. Die können sich das Schulgeld nicht leisten. Die Schule ist deshalb auf Spenden angewiesen.

Wie kamen Sie auf die Schule in Guatemala?

Ich bin mit meinem Mann und meinen beiden Kindern vier Wochen lang durch Guatemala gereist. Aus beruflichem Interesse wollte ich wissen, wie Waldorf-Pädagogik in Guatemala aussieht. Also habe ich die dortige Waldorf-Schule besucht und war beeindruckt. Neben Spanisch und Englisch lernen die Kinder dort eine Maya-Sprache. Das bringt eine Wertschätzung ihrer Kultur zum Ausdruck. Inzwischen folgen auch einige staatliche Schulen diesem Beispiel. Die meisten aber unterrichten noch immer nur auf Spanisch.

Wie lange gibt es die Waldorf-Schule am Atitlán-See schon?

Seit zwölf Jahren. Auch ein Waldorf-Kindergarten ist angegliedert. Derzeit gibt es sechs Klassen, eine siebte soll aufgebaut werden. Das Klassenzimmer muss möbliert werden. Deshalb sammeln wir Spenden. Ich habe während meines Aufenthalts einen guatemaltekischen Schreiner kennengelernt, der die Möbel bauen würde. Der persönliche Kontakt zu ihm ist mir wichtig, um sicherzustellen, dass die Spenden auch ankommen. Viele Holzkirchner Geschäfte unterstützen uns dankenswerterweise mit Sachspenden für eine Tombola.

Das Gespräch führte

Bettina Stuhlweißenburg.

Spenden

zugunsten der Waldorf-Schule in San Marcos sind auf das Konto des Vereins zur Förderung der Waldorfpädagogik Holzkirchen e.V. möglich: DE93 7016 9410 0400 0345 41, Stichwort Guatemala.

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