Pflegegrad fünf: Der Mann von Bärbel Sokat ist schwer krank. Aus Angst vor einer Corona-Infektion vermied er zuletzt selbst Kontakte zu Therapeuten. Erst auf massiven Druck seiner Frau bekam er jetzt einen Impftermin.
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Pflegegrad fünf: Der Mann von Bärbel Sokat ist schwer krank. Aus Angst vor einer Corona-Infektion vermied er zuletzt selbst Kontakte zu Therapeuten. Erst auf massiven Druck seiner Frau bekam er jetzt einen Impftermin.

Holzkirchner Behinderten-Beauftragte fordert Umdenken

Impftermine für Pflegebedürftige: „100 Landkreis-Bürger werden vergessen“

  • Christian Masengarb
    vonChristian Masengarb
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Wer bekommt wann die Spritze? Pflegebedürftige, die zuhause betreut werden, tauchen auf der Impf-Prioritätenliste relativ weit hinten auf. Dabei würde sie eine Corona-Infektion mit am schlimmsten treffen. Ein Interview mit der Holzkirchner Behinderten-Beauftragten, die auch persönlich betroffen ist.

Holzkirchen - Als Bärbel Sokats Mann vor zehn Jahren bei einem Autounfall schwere neurologische Schäden erlitt, gab die heutige Holzkirchner Behindertenbeauftragte ihren Beruf auf, um ihn zu pflegen. Nun droht eine Gefahr, gegen die sie machtlos ist: Eine Corona-Infektion wäre für ihren Mann wohl ein Todesurteil.

Trotzdem wurde er bei der Impf-Reihenfolge nur in Prioritätsgruppe drei eingestuft. Sokat (55) setzte alle Hebel in Bewegung und bekam für ihren Mann und sich selber einen Termin am vergangenen Freitag (19. Februar). In unserem Gespräch erklärt sie, warum ihr Schicksal kein Einzelfall ist und warum sie weiter dafür kämpft, dass Pflegebedürftige frühere Impftermine bekommen.

Frau Sokat, ihr Mann hatte zunächst Impfpriorität drei. Hatten Sie damit gerechnet, dass er höher eingestuft wird?

Ja. Als gegen Weihnachten der Impfstoff kam, dachte ich: „Wir sind endlich gerettet.“ Mein Mann ist geistig fit, aber er sitzt im Rollstuhl und braucht ständige Unterstützung. Durch seine Behinderung würde er eine Infektion kaum überleben. Ich war sicher, dass er in die höchste Priorität kommt. Als ich dann die Liste gelesen habe, damals war er in Gruppe drei, bin ich zusammengebrochen. Das bedeutete, dass er wohl erst im Sommer geimpft wird. Überlebt mein Mann das? Wie lange sollen wir noch so leben? Es war furchtbar.

Wie haben Sie in dieser Zeit gelebt?

Wie Menschen zweiter Klasse. Die Mutationen kommen näher. Wir hatten in der Familie alle Panik, das Virus ins Haus zu bringen und dass ein geliebter Mensch wegen uns stirbt. Aber ich muss einkaufen und zum Arzt. Die Therapeuten und die Pflegekraft, die zu uns kommen, sind zwar getestet oder geimpft. Aber wahrscheinlich können auch Geimpfte das Virus übertragen. Wir hatten ständig Angst und schränkten uns immer mehr ein. Ich war verzweifelt und wütend.

Wie ging es Ihrem Mann?

Er hätte gerne mehr vom Leben gehabt. Wir sind nicht mehr zusammen einkaufen oder auf den Markt gegangen. Das hätte ihm viel Spaß gemacht, aber das Risiko war zu groß. Er müsste auch für einige Termine außer Haus. Sein Gehirnleistungstraining hilft zum Beispiel sehr gegen die epileptischen Anfälle. Seit die Zahlen im Dezember so gestiegen sind, haben wir die Therapie ausfallen lassen. Dadurch sind seine Anfälle schlimmer geworden. Auch wichtige Arzttermine haben wir verschoben.

Finden Sie, Ihr Mann hätte früher geimpft werden sollen?

Es ist ungerecht. Gesunde 80-Jährige ohne Vorerkrankungen werden geimpft, und Menschen wie mein Mann sitzen zuhause. Das Alter ist aber nicht entscheidend, es ist die Vorerkrankung. Auch Senioren sind vor allem gefährdeter, weil sie im Durchschnitt mehr Vorerkrankungen haben. Ist jemand gesund, sollten wegen ihm jüngere Kranke nicht monatelang in Quarantäne sitzen müssen.

Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek hat eine Impfkommission angekündigt, die solche Fälle bearbeitet.

Es ist gut, dass sich etwas tut. Aber es geht zu langsam. Es ist eine einzige Kommission für ganz Bayern. Im Freistaat gibt es rund 10 000 Menschen, denen es ähnlich geht wie uns. Das heißt, die Kommission wird mit Anträgen zugeschüttet. In welcher Geschwindigkeit wollen sie die bearbeiten?

Wir hatten vor zwei Wochen einen Artikel über einen Lehrer, der einen Anwalt eingeschaltet hat und früher geimpft wurde.

Den habe ich gelesen. Ich habe mich daraufhin bei diesem Lehrer gemeldet, und er hat mich an den Anwalt vermittelt. Der hat auch einen Antrag gestellt, aber unser Fall wurde zunächst abgelehnt. Das Impfzentrum ist weisungsgebunden und hält sich an Vorgaben aus München. Warum München so handelt, verstehe ich nicht. Wir haben Atteste und Arztbriefe vorgelegt, die eindeutig die Gefährdung belegen. Herr Spahn hat gesagt, die Schwächsten zuerst. Warum wird das nicht gemacht?

Würden Sie die Impfpriorisierung ändern?

Am Anfang war der Fokus auf Alten- und Pflegeheime sinnvoll. Die Politiker mussten die Priorität ja irgendwie einteilen. Inzwischen haben sich die Listen mehrmals geändert. Pflegefälle und Behinderte, die zu Hause wohnen und jünger sind als 70, wurden wiederholt vergessen. In Deutschland werden aber mehr Menschen zuhause gepflegt als in Heimen. Für mich die richtige Reihenfolge ist eine medizinische Einstufung: Gefahrenpotenzial bei einer Erkrankung; dann das Alter. Im Landkreis gibt es rund 100 Menschen, denen es ähnlich geht wie uns. Sie sind hochgradig gefährdet und werden vertröstet. Das müssen wir ändern.

Bei Ihnen ging plötzlich alles ganz schnell.

Ich habe alle Fraktionen im Marktgemeinderat Holzkirchen sowie Politiker auf Kreis- und Landtagsebene angeschrieben. Viele zeigten sich sehr betroffen und versuchten, uns zu unterstützen. Am gleichen Tag, an dem wir erstmals Kontakt mit Ihrer Zeitung hatten, wurde uns ein Termin angeboten und wir wurden geimpft. Das kam ganz überraschend, ich kann es noch gar nicht glauben. Ich danke allen, die uns unterstützt haben. Aber bitte denken Sie auch an die anderen Menschen, die in der gleich gefährlichen Situation wie mein Mann sind. Ich werde weiterkämpfen, dass auch sie schneller geimpft werden.

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