Schöffengericht Miesbach

14 Stunden Videos: Holzkirchner wegen Besitz und Verbreitung von Kinderpornografie vor Gericht

870 Bilder und 70 Videodateien. Allesamt mit sexuellen Handlungen jeglicher Art an Minderjährigen. Das, was bei einem Holzkirchner gefunden wurde, brachte den Mann vor das Miesbacher Gericht. 

Holzkirchen – Mehr als 14 Stunden Videomaterial befand sich auf dem Computer des Holzkirchners, der 2009 schon einmal wegen Besitzes von Kinderpornografie verurteilt wurde. Vergewaltigungen Minderjähriger und sexuelle Handlungen zwischen Kindern: Die beispielhaften Szenen, die die Staatsanwältin nannte, waren drastisch. Zum freien Download stellte der 44-Jährige einige Dateien auch selbst ins Internet. Deshalb stand er nicht nur wegen des Besitzes kinderpornografischer Schriften, sondern auch wegen deren Verbreitung vor Gericht.

Der Angeklagte räumte von Anfang an seine Taten ein. Wie Richter Walter Leitner berichtete, tat er dies auch schon, als die Kriminalpolizei Miesbach im Juli 2017 seine Wohnung durchsuchte. Aufmerksam geworden waren die Beamten durch Hinweise von Kollegen in Hannover und Nürnberg, die in ähnlichen Fällen ermittelten und den Benutzernamen eines Chats sowie eine IP-Adresse dem Holzkirchner zuordnen konnten.

Abgestritten hatte der Angeklagte seine Neigung nicht. „Es liegt definitiv eine Störung vor“, sagte er zu Richter Leitner, als der den Angeklagten fragte, ob er sich selbst als pädophil bezeichnen würde. Der Holzkirchner ergänzte jedoch sofort: „Aber nur im Internet. Ich habe nie den persönlichen Kontakt gesucht.“

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Auf Pornografie an sich sei er Ende der 90er-Jahre gestoßen. Die Kinderpornografie habe er erst kurz vor seiner ersten Verurteilung entdeckt. Zu drei Jahren auf Bewährung war der Holzkirchner 2009 verurteilt worden. Während der Bewährungszeit gab es keine weiteren Vorfälle. Doch Anfang 2015 kam der Rückfall. In einem Chat sei er an Leute geraten, die Kinderpornografie im Internet verbreiten, sagte er aus. Seine Neugier sei zu groß gewesen.

Selbst bezeichnet der 44-Jährige sein Verhalten als Sucht. „Es ist gar nicht zwingend das Anschauen“, sagte er. „Sondern mehr das Haben und Sammeln.“ Es gebe vieles, das er selbst gar nicht gesichtet habe. Aus eigener Kraft wollte er vor ein paar Monaten selbst seine Sucht bekämpfen. Er suchte sich ein neues Hobby, produzierte selbst Videos von Computer-Spielen und stellt sie online – ohne jeglichen sexuellen Hintergrund, geschweige denn mit Kindern. „Ich wusste ja, dass das falsch ist und strafbar“, räumte er ein. „Ich wollte davon wegkommen.“

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Doch das wollte der Angeklagte auch nach seiner ersten Verurteilung. „Ich war überzeugt davon, dass ich das in der Bewährungszeit schaffe“, sagte er. „Wie man sieht, schaffe ich es nicht alleine.“ Jetzt wolle er eine Therapie machen.

Seinen Arbeitstag verbringt der Angeklagte im Büro, meist vor dem Bildschirm. Sobald er abends nach Hause kommt, schaltet er nach eigenen Angaben auch dort sofort den PC an und verweilt davor, bis er sich schlafen legt. „Ich pflege übers Internet auch meine sozialen Kontakte zu anderen Menschen“, erzählte der 44-Jährige. „Das sind die einzigen Kontakte, die ich habe.“ Ausgehen würde er so gut wie nie.

Für Pflichtverteidiger Bernhard Beer stand es daher im Vordergrund, den Angeklagten „aus seiner virtuellen Welt“ zu holen. Deshalb forderte er eine Freiheitsstrafe, die zur Bewährung ausgesetzt werden kann, verknüpft mit engmaschigen Auflagen. Das wichtigste sei eine Therapie und ein Bewährungshelfer. „Freiheitsentzug bringt meines Erachtens nichts“, sagte Beer.

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So sahen das letztendlich auch Richter Leitner und die beiden Schöffen. Während die Staatsanwältin zwei Jahre und vier Monate Freiheitsstrafe gefordert hatte, entschieden sie sich für ein Jahr und acht Monate. Und setzten diese auf fünf Jahre zur Bewährung aus. Außerdem erhält der Angeklagte einen Bewährungshelfer, muss eine Psychotherapie mit Schwerpunkt Kinderpornografie machen und 3000 Euro an den Kinderschutzbund Miesbach zahlen. „Sollte man sie aber wieder erwischen“, sagte Leitner, „dann ist das so sicher wie das Amen in der Kirche, dass sie eingesperrt werden.“

Rubriklistenbild: © Thomas Plettenberg

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