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Für Unruhe im Holzkirchner Gymnasium sorgte jetzt ein offener Brief der AfD. 

Eltern werden aufgewiegelt

AfD kritisiert Aufklärung gegen Rechts an Schule

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Ein Gymnasium lädt ein Netzwerk ein, das über Rechtsradikalismus aufklären soll. Die Info wird der AfD zugespielt und die behauptet, die Aufklärer wären linksradikal. Was dahintersteckt.

Holzkirchen – Das Dritte Reich und der Nationalsozialismus sind Themen, die der Lehrplan für die 9. Jahrgangsstufe eines Gymnasiums vorsieht. Die drei 9. Klassen des Gymnasiums Holzkirchen besuchten die Gedenkstätte Dachau und hörten den Bericht eines KZ-Überlebenden. „Die Überführung der Thematik in die aktuelle Situation war ein logischer Schritt“, sagt Direktor Axel Kisters.

Bei einer Fortbildung bekam Fachschaftsbetreuerin Barbara Krenner dafür das Münchner Netzwerk „Pastinaken“ empfohlen. Ein dreitägiger Workshop Ende April wurde vereinbart, den zur Hälfte der Förderverein finanzierte. Die Eltern der 81 Neuntklässler beteiligten sich mit je 4,50 Euro. Kisters und Krenner informierten die Eltern am 21. März brieflich über Inhalt und Dozenten. „Wir arbeiten regelmäßig mit externen Dozenten auch im Pflichtunterricht“, sagt Kisters. „Auf den Brief hin gab es keine Rückmeldung von Eltern, geschweige denn Kritik.“ Arglos ging man in die Osterferien.

In dieser Zeit wurde der Infobrief der AfD zugespielt. Am letzten Ferientag, einen Tag vor Workshop-Beginn, nutzte Constantin Prinz von Anhalt-Dessau, Vorsitzender des AfD-Kreisverbands Oberbayern-Süd, diese Vorlage. Er schrieb einen offenen Brief an Elternbeirat, Schulleitung und Kultusministerium, in dem er den Leumund der „Pastinaken“ anzweifelt und sie mit linksradikalen Gruppen in Verbindung bringt. Der Brief wendet sich direkt an die Eltern: „Wollen Sie Ihre Kinder im Rahmen der normalen Schule politisch einseitig indoktrinieren lassen?“

Lesen Sie hier einen Kommentar zum AfD-Brief.

Fast zeitgleich und mit ähnlichem Zungenschlag griff ein einschlägig bekanntes Online-Portal, das regelmäßig die vermeintliche Verharmlosung linksradikaler Kräfte thematisiert, den Holzkirchner Fall auf – nicht ohne Seitenhieb auf die „Mainstream-Presse“. Der AfD-Brief beruft sich in seiner Argumentation auf dieses Portal. Auf dieses Portal wollen wir hier nicht verlinken.

Kisters war kalt erwischt. „Das sind ungeheure Vorwürfe“, sagt der Direktor, „und sie gehen alle ins Leere.“ Er holte sich Rückendeckung im Kultusministerium, ließ sich von der Stadt München eine „Unbedenklichkeitsbescheinigung“ zur Arbeit der „Pastinaken“ schicken und setzte sich selber in einen Workshop. „Es fand hier absolut keine politische Beeinflussung statt“, sagt der Schulleiter. „Vielmehr ging’s darum, wie man sich eine eigene Meinung bildet und radikales Gedankengut erkennt.“ Dass der Schwerpunkt auf Rechtsradikalismus lag, sei dem Lehrplan geschuldet. Die „Pastinaken“ hätten auf aktuelle Tendenzen reagiert. „Unterrichtsmaterial dafür zu finden, ist schwer.“ Deswegen greife der AfD-Vorwurf nicht, dass dies Lehreraufgabe sei. „Nächstes Jahr geht’s um RAF-Terror, dann wird Linksradikalismus beleuchtet.“

Aufgeschreckt von dem AfD-Brief nahm sich Elternbeirats-Vorsitzender Joachim Widmann die Zeit, um einen Tag den Workshop zu beobachten. „Das war alles sauber“, stellte er fest. Gewalt von rechts sei in der Gesellschaft derzeit präsent. „Da ist es gut, wenn Jugendliche ein Gespür dafür bekommen.“ Bei der Überprüfung des Briefs habe er zweifelhafte Quellen entdeckt: „Da wird mit Fake News gearbeitet. Eltern sollen manipuliert werden.“

Tagelang hielt der AfD-Brief den Schulleiter auf Trab. „Wir reden viel miteinander – und wir fragen uns, was wir daraus lernen können“, sagt Kisters. Widmann wünscht sich, dass der Elternbeirat bei derart sensiblen Themen künftig früher eingebunden wird – auch wenn der Schulleiter betont: „Wir sind einem Bildungsauftrag verpflichtet, dazu müssen wir die Eltern nicht um Erlaubnis fragen.“ Trotzdem habe man im Vorfeld ausführlich über den Workshop informiert. „Mich erschüttert“, sagt Kisters, „dass solche politischen Gruppierungen jetzt offenbar in Schulen hineinwirken wollen.“

Die „Pastinaken“ verstehen sich als ein Bildungs-Netzwerk, das sich der Demokratiebildung verschrieben hat und Radikalisierungs-Tendenzen in der Gesellschaft verhindern will. Koordiniert wird deren Arbeit von der AG Friedenspädagogik mit Sitz in München. Die Stadt München lobt die „Pastinaken“ als ein „ausgezeichnetes Projekt“.

Derzeit besteht die Gruppe aus etwa 25 jungen Politologen, Historikern, Pädagogen und Volkskundlern. Sie bieten Workshops und Seminare für Projekttage und Schullandheim-Aufenthalte. Das Holzkirchner Gymnasium buchte die Themen „Wir und die anderen: Argumentations-Training“ sowie „Rechte Subkulturen“.

Der Name der Gruppe geht auf den ersten Einsatz zurück, die pädagogische Betreuung der Ausstellung „Pastinaken raus!“ 2013 im Kulturzentrum Gasteig. „Pastinaken“ spielt lautmalerisch auf „Kanaken“ an und sollte die hohle Austauschbarkeit fremdenfeindlicher Ressentiments bloßstellen. 

Wie deren Koordinator Christoph Rössler berichtet, arbeiten die „Pastinaken“ seit vier Jahren an Schulen mit, bisher ohne Kritik aus politischen Lagern. Die im AfD-Brief aufgelisteten, angeblichen Verbindungen zu staatsfeindlichen oder linksradikalen Gruppen seien altbekannte, aber haltlose Vorwürfe aus dem rechten Spektrum. „Wir sind im Wahlkampf“, sagt Rössler. „Die AfD will Aufmerksamkeit generieren.“

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