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Relikt aus den Tagen der Agilolfinger? Holzkirchens Archivar Hans Widmann (l.) und Alexander Langheiter, Mitarbeiter im Heima tmuseum Miesbach, mit der uralten „Helmglocke aus Sufferloh“. 

Überraschender Fund

Die Glocke der Bajuwaren

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Versteckte sich ein Zeitzeuge aus der Bajuwarenzeit im Miesbacher Heimatmuseum? Der Holzkirchner Archivar Hans Widmann ist sich fast sicher: Die Eisenglocke läutete vor über 1000 Jahren für die ersten Christen in Hartpenning oder Sufferloh.

Holzkirchen Beim Blättern durch die Heimatchronik „Holzkirchen – Markt zwischen München und dem Gebirg“ klingelte es plötzlich: Archivar Hans Widmann blieb hängen an einem eher beiläufigen Hinweis auf eine „uralte eiserne Glocke“ im Heimatmuseum Miesbach, angeblich aus Sufferloh. „Vielleicht tönte diese eiserne Glocke einst von einer vorchristlichen Kultstätte am Frauenbergl?“, fragt die Chronik.

Widmann biss an und recherchierte. Tatsächlich gibt es diese Glocke; sie ist sogar viel älter als gedacht, zählt wahrscheinlich zu den ältesten Glocken im ganzen Oberland. Die Nachforschungen Widmanns legen den Schluss nahe, dass der beckenförmige Klangkörper in einer Zeit geschmiedet wurde, als noch nicht einmal das Mittelalter begonnen hatte, als bajuwarische Sippen das Oberland von Norden in Richtung Berge aufsiedelten; die Orte mit -ing-Endung markieren diese ersten Siedlungslinien. 

Als Teil des riesigen Frankenreichs, beherrscht zunächst vom Königsgeschlecht der Merowinger, schwangen sich im heutigen Bayern die Agilolfinger zu königsgleichen Herzögen auf. Den letzten Agilolfinger, Tassilo III., entmachtete Karl der Große in einem großen Schauprozesss im Jahre 788.

Stammt die „Sufferloher“ Glocke aus jener Zeit? Widmann ist davon überzeugt. Eine Zuordnung in die Gotik um das Jahr 1500, wie im Miesbacher Museum, hält der Holzkirchner Archivar für falsch. „Das kann nicht sein.“

Die besondere Helmform und die Tatsache, dass die Glocke nicht gegossen, sondern geschmiedet wurde, sprechen dafür, dass das Artefakt in der Zeit von 650 bis 850 entstand; damals war das Christentum noch nicht fest verwurzelt unter den germanisch geprägten bajuwarischen Sippen. Iroschottische Missionare versuchten, der Landbevölkerung heidnische Aberglauben auszutreiben. So wie Marinus und Anian auf dem Irschenberg: Die „Marinusglocke“ in der Wilpartinger Kirche ähnelt der Sufferloher Glocke fast aufs Haar. „Unsere Glocke passt wunderbar in die Reihe anderer, frühen Eisenglocken aus Oberbayern“, sagt Widmann, „sie stammt also aus der Anfangszeit der christlichen Urbevölkerung im Holzkirchner Raum.“

Experten des Landesamts für Denkmalpflege bestätigten den Befund. Glocken dienten in jener Zeit als wichtige Kommunikatoren im Alltag (Wetterläuten), markierten ein Siedlungszentrum und halfen mit, christliches Leben zu verbreiten.

Wo genau die Sufferloher Glocke einst hing, ist unsicher. In einer Vorgängerkapelle auf dem Frauenbergl oder in einer ersten Dorfkirche St. Bartholomäus? „Möglich“, sagt Widmann. Er vermutet eher, dass die Glocke zur Ausstattung der damals überregional bedeutenden Taufkirche in Hartpenning gehörte. „Vielleicht hat sie ein Mesner mitgenommen, als die Kirche neue Glocken bekam, und das ,alte Ding‘ auf einem Bauernhof oder in einer kleinen Kapelle aufgehängt.“ Wie die Glocke 1908 ins Miesbacher Museum gelangte, ist ebenfalls ein Rätsel.

Widmann hat ein kleines „Comeback“ organisiert. Die Sufferloher Glocke soll ab Juli vorübergehend im Holzkirchner Rathaus ausgestellt werden. Es ist eine Reminiszenz an den „Sound der Bajuwaren“.

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