„Ich habe es nie bereut“: Der Holzkirchner Gemeinde- und Kreisrat Karl Bär (l.), der zugleich Direktkandidat der Grünen für die Bundestagswahl 2021 ist, mit seiner Regenbogenfamilie.
+
„Ich habe es nie bereut“: Der Holzkirchner Gemeinde- und Kreisrat Karl Bär (l.), der zugleich Direktkandidat der Grünen für die Bundestagswahl 2021 ist, mit seiner Regenbogenfamilie.

„Wenige Familien sind noch traditionell“

Bayerischer Grünen-Politiker fordert klare Rechte für Regenbogen-Familien: Seine Tochter hat zwei Mütter

  • Marlene Kadach
    vonMarlene Kadach
    schließen

Regenbogen- und Patchworkfamilien haben es oft schwer, Rechte und Pflichten für ihre Kinder wahrzunehmen. Das soll anders werden, findet Grünen-Politiker Karl Bär. Er ist selbst betroffen.

Holzkirchen – Manchmal fragen ihn Männer in seinem Alter, ob er unglücklich sei. „Aber ich habe meine Entscheidung nie bereut“, sagt Karl Bär. Als die Mutter seiner Tochter schwanger war, marschierte der Holzkirchner zum Notar und ließ sich als „Samenspender“ beurkunden. „Damit habe ich quasi alle meine Rechte an meinem leiblichen Kind abgetreten.“ Dadurch vereinfachte Bär zugleich die Stiefkindadoption durch die Ehefrau der Mutter, die seit der Geburt sozial schon Mama war. Bei dem lesbischen Paar lebt Bärs Tochter in einer anderen Stadt. Trotzdem pflegt er ein enges Verhältnis zu seinem Kind, besucht es regelmäßig. Die Kleine sagt „Oma“ zu seiner Mama. „Ich bin Teil der Familie, auch wenn ich nicht dort wohne.“ Bär selbst ist heterosexuell.

Für die Rechte von Regenbogenfamilien wie seiner – bei der gleichgeschlechtliche Partner beteiligt sind – sowie von Patchworkfamilien setzt sich der Gemeinde- und Kreisrat Bär ein. Der 36-Jährige ist zugleich Grünen-Direktkandidat im Stimmkreis Bad Tölz-Wolfratshausen/Miesbach für die Bundestagswahl 2021.

Grünen-Politiker zu Regenbogenfamilien: „De facto drei Eltern, de jure nur eine Mutter“

Bär ist ein Politiker, der lebt, was er predigt. Und darum geht es ihm: Bekommt eine Frau, die mit einem Mann verheiratet ist, ein Kind, zähle ihr Ehemann automatisch als Vater. Ist eine Frau mit einer Frau verheiratet, gelte die Ehefrau nicht als anerkannter Elternteil. Die Stiefkindadoption dauere ein gutes Jahr. Das Problem: „Das Kind hat in der Übergangsphase de facto drei Eltern, de jure aber nur eine Mutter.“ Würde die Mutter sterben, wäre unklar, wer juristisch für das Kind zuständig sei. Stirbt die Co-Mutter, seien Erbschaftsfragen schwierig. „Jeder Schritt muss beurkundet werden.“ Und kostet Geld.

Daher setzt sich Bär – und so steht es im Grünen-Wahlprogramm – für eine soziale Elternschaft ein. Das betreffe Regenbogen- und Patchworkfamilien. Auch hier brauche es ein Rechtsinstrument, das den neuen Partnern Rechte gegenüber den Kindern einräume. Etwa wenn es darum geht, ein Schreiben für die Schule zu unterzeichnen. Auch für seine dreijährige Tochter möchte Bär eine soziale Elternschaft.

Verhindert werden solle zugleich, dass das Kind später für drei oder vier Eltern zuständig ist, wenn es um Pflege geht. Und soziale Elternschaft solle nicht dafür missbraucht werden, Erbschaftssteuern zu umgehen. Unter Berücksichtigung solcher Feinheiten ist eine Liberalisierung des Familien- und Abstammungsrechts in Bärs Augen dringend fällig. Mit einer Reform befasst sich auch der Bundesrat. Ferner beschäftigt sich das Bundesverfassungsgericht bald mit der Situation von Zwei-Mütter-Familien.

Gesetzliches zu Regenbogenfamilien: „Wer Verantwortung übernimmt, soll Rechte bekommen“

Martina Passreiter (43) aus Unterdarching findet, dass sich in der Richtung was ändern muss, denn: „Wer Verantwortung übernimmt, sollte Rechte bekommen.“ Passreiter lebt ebenfalls in einer Regenbogenfamilie. Sie ist seit acht Jahren mit ihrer Frau verheiratet, die beiden haben einen vier- und einen sechsjährigen Sohn. „Ich bin die leibliche Mutter von beiden“, erklärt Passreiter. Der biologische Vater ist Ludwig Stürzer aus Wall. Der 38-Jährige ist schwul und ein alter Freund. Als die 43-Jährige ihn kennenlernte, dachte sie: „Den mag ich.“ Nach der Hochzeit wünschten sich die beiden Frauen Kinder. „Die erste Idee war der Gang zur Samenbank.“ Die zweite war, Stürzer zu fragen. Er wollte Kinder. Und stimmte zu.

Stürzer trat das Sorgerecht ab, Passreiters Frau adoptierte beide Buben. Allerdings wünscht sich die Familie ein Sorgerecht für drei Elternteile. „Wir leben das Sorgerecht zu dritt.“ Entscheidungen wie die Schulauswahl treffen die drei in Familienkonferenzen. Rechtlich sind dem Vater die Hände gebunden. „Wenn wir uns querstellen würden, hätte er keine Rechte und Pflichten.“ Allerdings schlossen die drei einen notariell beglaubigten Vertrag ab, der gewisse Dinge regelt.

Im Dorf fühlt sich die Familie voll integriert. „Ich bin positiv überrascht, wie gut das angenommen wird.“ Trotzdem glaubt sie, dass eine rechtliche Anerkennung eine breitere gesellschaftliche Akzeptanz bedeuten würde.

Patchwork-Mutter: „Die wenigsten Familien sind noch traditionell“

Gleiches denkt Barbara Waßmundt (30) aus Holzkirchen, die in einer Patchworkfamilie lebt. „Die Sehgewohnheiten müssen anders werden“, sagt die Augenoptikerin. Sie hat mit Lebensgefährten Frederik Schreiber einen gemeinsamen Sohn, den zweijährigen Mischa. Schreiber hat ein weiteres Kind aus erster Ehe. Der Achtjährige wohnt abwechselnd bei Mutter und Vater. „Ich sehe mich als Zusatz für ihn“, sagt Waßmundt.

„Die wenigsten Familien sind heutzutage noch traditionell aufgebaut.“ Das starre Konstrukt Vater, Mutter, Kind sei überholt. Diese Erfahrung machte Waßmundt schon in ihrer eigenen Kindheit. Ihren leiblichen Vater lernte sie nie kennen. Zu ihrem Adoptivvater und einem späteren Partner ihrer Mutter hatte sie dafür ein enges Verhältnis. Ausdrücke wie „Das ist nicht dein richtiger Papa“ hasst sie. Sowas sollen ihre Kinder nicht spüren. „Sie sollen nicht das Gefühl bekommen, dass ihre Familie nicht richtig ist“, betont sie. „Es ist genau so gut, wie es ist.“

Holzkirchen-Newsletter: Alles aus Ihrer Region! Unser brandneuer Holzkirchen-Newsletter informiert Sie regelmäßig über alle wichtigen Geschichten aus der Region Holzkirchen – inklusive aller Neuigkeiten zur Corona-Krise in Ihrer Gemeinde. Melden Sie sich hier an.

mar

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare