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Gefahrenquelle Messenger: Über WhatsApp wurden pornografische und gewaltverherrlichende Videos verschickt, auch an Schüler des Holzkirchner Gymnasiums und der FOS, berichtet der Vater eines Betroffenen.

Polizei greift ein

WhatsApp-Gruppe mit Ekel-Videos überflutet - Schüler sehen abstoßende Videos 

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Mit abstoßenden Videos wurde eine WhatsApp-Gruppe überflutet, in der auch Holzkirchner Minderjährige waren. Die Polizei durchsuchte das Haus des Schülers, der sich ans BKA gewandt hatte.

Holzkirchen – Es ist ein Donnerstag im  Dezember 2018, als es an der Haustür von Familie K. klingelt. Kriminalpolizei, Hausdurchsuchung. Beamte durchforsten die Wohnräume im Kreis Rosenheim, stellen Smartphones und Laptops sicher. Sie werden nichts Belastendes finden. Der Sohn der K.’s war ja schließlich selbst einer der Betroffenen.

Doch von vorne: Es geht um einen Fall, der inzwischen zwei Jahre zurückliegt. Um Pornos und Gewaltvideos, die ein Unbekannter unter anderem an Schüler des Gymnasiums und der Fachoberschule (FOS) in Holzkirchen verschickt hat. In einer WhatsApp-Gruppe, die die Jugendlichen selbst eingerichtet hatten. Die Idee dahinter war anfangs freilich eine andere. Ein Chat, in dem die Mitglieder Hausaufgaben hin und her schicken und sich verabreden können. Hunderte Schüler tauschten sich über den beliebten Smartphone-Messenger aus. Bis die Situation im Januar 2017 eskalierte.

Gruppe gerät außer Kontrolle

Ein „Gruppenmitglied“ verschickte pornografische und gewaltverherrlichende Videos, erzählt Bernhard K.. Er möchte über den Vorfall sprechen, aufgrund der juristischen Tragweite aber anonym bleiben. Sein Sohn besuchte damals die FOS. Er habe mittlerweile seinen Abschluss gemacht. Der heute 19-Jährige hatte die Gruppe gegründet, sagt K.. Videos und Versender habe sein Sohn anfangs noch gelöscht. Sie tauchten aber immer wieder auf. Wem die Nummer gehörte, die die obszönen Filmchen verschickte, schien keiner so recht zu wissen. „Die Gruppe war relativ groß und wurde immer größer“, sagt K.. Die Teilnehmerzahl sei aus dem Ruder gelaufen. Irgendwann erreichte sie das Limit von 256 Mitgliedern – und die stammten offenbar aus ganz Deutschland. K.: „Es war nicht mehr kontrollierbar.“

Seinem Sohn seien die Videos schließlich zu viel geworden. Er wandte sich im  Januar 2017 per E-Mail ans Bundeskriminalamt (BKA). Als er das im Chat publik machte, sei die Zahl der versendeten Filme „explodiert“. Das beunruhigte den Jugendlichen offenbar derart, dass er die Gruppe auflöste.

Ein Fehler, wie sich drei Tage später herausstellen sollte. Das BKA antwortete auf die Anfrage: Er solle die Gruppe und die Videos nicht löschen, bevor er die Beweise nicht bei der zuständigen Polizeidienststelle vorlegt und Anzeige erstattet hat, heißt es in der BKA-Mail, die der Redaktion – ebenso wie die Anfrage des Jugendlichen – vorliegt. Doch zur Inspektion in Holzkirchen ging der Schüler nie. „Es war ihm wohl zu peinlich“, glaubt der Vater. Auch keiner der Mitschüler habe Anzeige erstattet. Zumindest weiß K. nichts davon.

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Auf einmal steht die Kripo vor der Tür

Monate vergingen, ohne dass die Familie vom BKA hörte. Bis die Kripo vor der Haustür stand. „Mein Sohn und ich wurden auf einmal beschuldigt, mit den Videos etwas zu tun zu haben“, sagt K.. Freilich entdeckte der IT-Experte nichts auf ihren Geräten. „Wir haben keine Indizien gefunden, die den Verdacht erhärtet hätten“, sagt ein Sprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd auf Anfrage.

Angeordnet hatte die Hausdurchsuchung die Staatsanwaltschaft Traunstein, wie Oberstaatsanwalt Björn Pfeifer erklärt. Sie leite jedoch nicht die Gesamtermittlung. „Wir haben die Hinweise von einer anderen Staatsanwaltschaft bekommen und dann die Ermittlungen aufgenommen“, sagt Pfeifer. Dass der Sohn von K. eine Anfrage ans BKA gestellt hatte, haben die Ermittler demnach überhaupt erst erfahren, als sie das Elternhaus durchsuchten. Wusste die eine Behörde etwa nicht, was die andere tut?

War die Prepaid-Karte des Sohnes Schuld an der Hausdurchsuchung?

Warum Familie K. ins Visier der Ermittlungen geriet, dazu macht die Staatsanwaltschaft keine Angaben. Bernhard K. kann es sich nur so erklären: „Ich habe meinem Sohn die Prepaid-Karte für sein Handy gekauft, mit dem er die Gruppe eingerichtet hat.“ Auch wer die Ermittlungen im Fall des Video-Angriffs auf die WhatsApp-Gruppe leitet, wollte Oberstaatsanwalt Pfeifer nicht verraten. Er könne nicht ausschließen, dass andernorts Staatsanwaltschaften noch ermitteln. Somit bleibt auch unklar, ob es sich um einen gezielten Angriff auf die Holzkirchner Schüler handelte oder ob andere Chats auch betroffen waren. Dafür spricht wiederum, dass die Ermittlungen überregional zu laufen scheinen.

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K. hat einen Verdacht. Er hegt Zweifel, dass das „unbekannte Gruppenmitglied“ tatsächlich eine Person war. „Es könnte ein Bot gewesen sein“, sagt K.. Also ein Computerprogramm, das sich eingeschlichen und die Videos automatisch verschickt hat, ohne dass ein Mensch es bedienen musste. Über das Warum rätselt K.. Er vermutet „kommerzielle“ Beweggründe.

„WhatsApp-Gruppen sind das Normalste der Welt“

An den beiden Schulen, deren Schüler auch in der Gruppe waren, ist der Vorfall nicht bekannt, wie beide Schulleiter bestätigten. „Die Schulleitung wird von der Polizei nur informiert, wenn eine Gefahr im schulischen Bereich vorliegt“, sagt FOS-Rektor Josef Schlemmer. Im besagten Fall sei jedoch der „private Bereich“ betroffen gewesen. Auch am Gymnasium Holzkirchen haben weder Schulleitung noch Kollegium von den Vorfällen etwas mitbekommen. „Uns ist nichts bekannt“, sagt Direktor Axel Kisters. Dass es solche WhatsApp-Gruppen gibt, in denen Schüler privat Matheergebnisse oder Klausuraufgaben austauschen, wisse man, sagt Kisters. Nur verhindern lasse es sich nun mal nicht.

Staatsanwaltschaft stellt Ermittlungen gegen K. ein - was passiert mit dem Video-Angriff?

„So eine WhatsApp-Gruppe ist das Normalste der Welt“, meint auch Bernhard K.. Dass Kripo und Staatsanwaltschaft auf den Plan treten, natürlich nicht. Er sei aber froh, dass „endlich“ ermittelt wurde. Für ihn hat sich der Fall erledigt. Er habe inzwischen einen Brief von der Staatsanwaltschaft erhalten, in dem bestätigt wurde, dass die Ermittlungen gegen ihn und seinen Sohn eingestellt sind.

Was aus dem Hinweis wird, ob es ein Einzelfall war, welche Behörde letztlich ermittelt und ob überhaupt noch ermittelt wird? Unklar.

fp

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