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Die sozialen Netzwerke bieten eine optimale Plattform, um anonym über andere herzuziehen.

Interview: „Eine Ausgrenzung der übelsten Form“

Beamter: Wie Cybermobbing Kinder in den Selbstmord treibt

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Cybermobbing geht 24 Stunden, wird immer brutaler - und häufiger, auch in Holzkirchen. André Reinwarth (39), Jugendbeauftragter der Polizei Holzkirchen, warnt vor schlimmen Folgen.

Holzkirchen - Die sozialen Netzwerke bieten eine optimale Plattform, um über andere herzuziehen: anonym, 24 Stunden am Tag und meist mit verletzenden Fotos. Cybermobbing ist ein brisantes Thema, das laut André Reinwarth von der Polizei Holzkirchen immer mehr zunimmt. Im Interview erklärt der Jugendbeauftragte, wie sich Cybermobbing auswirkt und was man dagegen tun kann.

Herr Reinwarth, Sie kommen gerade von einem Präventionskurs am Staatlichen Gymnasium in Holzkirchen. War’s stressig?

Reinwarth: Die Kinder waren alle sehr aufmerksam. Cybermobbing ist ein aktuelles und heißes Thema. Die Kinder sind zwar in der Anwendung von Facebook, Whats App, Snapchat, Instagram sehr versiert, aber sie wissen nicht, welche langfristigen Folgen das persönlich für sie haben kann.

Was ist Cybermobbing eigentlich genau?

Reinwarth: Das ist eine Form von Belästigung, Denunzieren und Ausgrenzung mittels elektronischer Medien, die es früher nicht gab. Sie findet im Internet und in sozialen Medien statt.

Mobbing hat es früher leider auch schon gegeben. Einem Kind wurde im Schulbus die Mütze vom Kopf gezogen usw. Was ist das Gefährliche an der Hänselei im Internet?

Reinwarth: Dass sie 24 Stunden, anonym und vor einem viel größeren Publikum stattfinden kann. Das Handy ist immer präsent. Es gibt unterschiedliche Arten von Chats, unter anderem Klassenchats, zu denen auch Externe Zugang haben können. Gibt es dann noch zu viele Gruppen-Administratoren, wird das Ganze unkontrollierbar. Wenn jemand massiv über soziale Netzwerke gemobbt wird, spricht man von Cyber-Bullying. Happy Slapping nennt man eine gezielte Schulhofschlägerei, um diese später ins Netz zu stellen.

Die Folgen?

Reinwarth: Cybermobbing kann einen Menschen kaputt machen, vor allem Kinder, die charakterlich noch nicht gefestigt sind. Es findet eine Ausgrenzung der übelsten Form statt, auch die schulischen Leistungen können sinken. Es kann sogar zum Suizid kommen.

Regelmäßig besucht André Reinwarth, Jugendbeauftragter der Polizei Holzkirchen, Schulklassen, um sie über die Gefahren des Cybermobbings zu informieren. 

Ist so etwas in Ihrem Dienstgebiet schon vorgekommen?

Reinwarth: Wir hatten in jüngerer Vergangenheit zwei Fälle, bei denen sich Jugendliche an einer Bahnstrecke das Leben genommen haben. Die Gründe dafür können aber vielfältig sein. Insgesamt hatten wir heuer drei Fälle von Cybermobbing, die bei der Polizei landeten. 2016 gab es neun Fälle. Aber ich glaube, dass die Dunkelziffer sehr hoch ist. Denn wer wendet sich denn gleich an einen Lehrer oder die Polizei?

Ist Cybermobbing also strafbar?

Reinwarth: Es kann strafbar sein, wenn es zum Beispiel um Nötigung, Beleidigung, Urheberrechtsverletzung, Verwendung von Zeichen verfassungswidriger Organisationen oder Verbreitung pornografischen Materials geht. Ab 14 Jahren ist man strafmündig – verfolgt werden aber alle Straftaten, altersunabhängig. Aktuell gibt es einen Fall an einer Schule im Dienstgebiet von Holzkirchen, den die Kripo übernommen hat. Über den Klassenchat einer siebten Klasse wurde kinderpornografisches und tierpornografisches Material verschickt. Über eine externe Einladungsliste waren dann plötzlich mehrere Täter aus dem ganzen Bundesgebiet Mitglieder dieser Gruppe. Oft wissen die Kids nicht, wer tatsächlich hinter den Nicknamen oder den Avataren steckt.

Heftig. Sind manche Schularten besonders von dem Phänomen betroffen?

Reinwarth: Nein, bei allen Schulen in unserem Dienstgebiet hat es schon Fälle gegeben.

Ab welchem Alter ist das ein Thema?

Reinwarth: Mir wurde berichtet, dass es teilweise in der dritten oder vierten Klasse vorkommt. So richtig los geht es dann ab der fünften Klasse, wo ein Handy Standard ist. Auch der Sprachgebrauch unter den Schülern hat sich in den sozialen Medien verändert.

Inwiefern?

Reinwarth: Es findet eine Verrohung der Sprache statt, sie ist primitiver. Sprüche wie „Du Hurensohn“ gehören da zum ganz normalen Umgangston.

Können Eltern frühzeitig eingreifen?

Reinwarth: Wenn ihr Kind ein Handy bekommt, sollten Eltern klare Regeln über die Dauer der Nutzung festlegen, quasi eine Art Handy-Vertrag abschließen. Je nach Vertrauensverhältnis sollten sie gewisse Chats auch mitlesen dürfen und vorab selbst die Allgemeinen Geschäftsbedingungen von Facebook und Co. studieren und die Kinder darüber informieren, damit sie wissen, welche Rechte ihrer persönlichen Daten, Bilder, Videos sie an den jeweiligen Anbieter abtreten, wenn sie etwas posten. Wichtig ist, dass Eltern, Schule und Polizei an einem Strang ziehen, da das Thema sehr komplex ist und für unsere Jugendlichen äußerst beeinflussend wirkt.

Sind Sie oft auf Aufklärungstouren unterwegs?

Reinwarth: Die Anfragen häufen sich, die Schulen sind bemüht, was auf die Beine zu stellen. Wir decken bei Projekttagen oder Elternabenden dann die strafrechtliche Seite ab und stehen gern Rede und Antwort.

Hilfe und Beratung für Eltern und Betroffene gibt es auf www.polizei-beratung.de oder klicksafe.de.

mar

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