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Den Durchblick in Sachen Ausbildung hat Claudia Fi scher bei der Agentur für Arbeit in Holzkirchen. 

Experten-Interview mit Claudia Fischer

Berufsberaterin: „Jugendliche, ihr braucht einen Plan B“

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Lehrstellen gibt es mehr als genug. Aber nicht alle finden etwas. Claudia Fischer von der Berufsberatung in Holzkirchen rät zu Praktika, und sagt: Kompromisse sind oft notwendig.

Landkreis – Die Abschlussprüfungen an den Schulen sind entweder schon rum oder stehen kurz bevor. Da gilt es für die Schüler, die Pläne für danach zu konkretisieren. Dabei hilft ihnen Claudia Fischer (53) von der Berufsberatung der Agentur für Arbeit in Holzkirchen.

Sie ist vor allem für Mittel- und Realschüler aus dem Tegernseer Tal zuständig, die anderen Bereiche decken ihre Kollegen ab. Die Holzkirchnerin weiß, worauf es den Jugendlichen ankommt und wie sie am besten an eine Lehrstelle kommen. Ein Gespräch über den Einfluss der Eltern, die Generation Praktikum und die Liebe zur Region.

Frau Fischer, will heute überhaupt noch wer eine Lehrstelle antreten oder zieht es alle an die Uni?

Fischer: Fakt ist, dass schon immer mehr Schüler versuchen, auf das Gymnasium oder nach der Mittleren Reife auf die Fachoberschule zu gehen und einen höheren Schulabschluss zu machen. Wenn jemand einen Hochschulzugang hat, dann ist bei den meisten ein Studium das Ziel. Die Ausbildung hat aber nach wie vor einen hohen Stellenwert, allerdings bezieht sich dies bei vielen Jugendlichen nur auf bestimmte Berufe.

Welche sind das?

Fischer: Jobs im Büro und in der Verwaltung sind beliebt, sowohl bei Jungs als auch bei Mädchen. Im Moment habe ich viele, die sich für Fachinformatik interessieren. Aber auch kreative Berufe wie Goldschmied gehen immer. Hier gibt es allerdings nur wenige Ausbildungsstellen.

Wie stellt sich denn die Lehrstellensituation allgemein dar?

Fischer: Wir haben eine sehr günstige Situation, was Ausbildungsstellen angeht. Trotzdem finden nicht alle Jugendlichen etwas. Das liegt aber weniger daran, dass es keine Stellen gibt. sondern weil manche keine Kompromisse machen. Es gibt einige, die passen ihre Wünsche an und verfolgen Plan B. Wenn jemand dazu bereit ist, sind die Chancen gut.

Es gibt sicher Bereiche, in denen die Chancen besonders gut sind.

Fischer: Ja, das ist zum Beispiel das Hotel- und Gaststättengewerbe. Hier werden uns viele Ausbildungsstellen gemeldet. Aber auch im Nahrungsmittelbereich gibt es Bedarf, als zum Beispiel bei den Bäckern und Metzgern. Wenige Jugendliche entscheiden sich außerdem fürs Bauhandwerk.

Warum nicht?

Fischer: Manchmal würden die Jugendlichen einfach lieber Tätigkeiten im Büro ausüben oder interessieren sich für Computer. Speziell im Hotel- und Gaststättenbereich sind schon die Arbeitszeiten ein Thema. Nicht nur bei den Jugendlichen selbst. Oft sind es Argumente, die von den Eltern kommen – zum Beispiel dass man am Wochenende arbeiten muss oder im Baugewerbe auch bei schlechtem Wetter. Die Eltern spielen eine klare Rolle.

Der Verdienst doch sicher auch, oder?

Fischer: Ja, schon. Gerade bei uns in der Region sind die Lebenshaltungskosten hoch. Die Jugendlichen entscheiden sich hin und wieder gegen einen Beruf, weil sie sagen, dass sie sich damit hier später nur schwer eine Wohnung leisten könnten. Oft kommt das Argument auch wieder von den Eltern, die das schon besser abschätzen können. Der Verdienst ist in der Regel nicht das wichtigste Kriterium, wird aber berücksichtigt.

Das sind Schüler, die schon eine Vorstellung haben. Was ist mit denen, die so gar nicht wissen, was sie machen wollen?

Fischer: Wir schauen, dass wir mit den Schülern recht bald ins Gespräch kommen, zum Beispiel mit Vorträgen und unseren Präsenzzeiten in den Schulen. Am Anfang wissen viele nicht, was sie mal werden wollen. Das ist ja ein Prozess. Die Schüler informieren und orientieren sich, probieren etwas aus.

Bei einem Praktikum.

Fischer: Genau. Dabei hat aber das Praktikum heute eine andere Bedeutung als noch vor einigen Jahren. Früher war die Situation auf dem Ausbildungsmarkt nicht sehr günstig. Oft sind die Jugendlichen nur über Praktika an eine Stelle gekommen. Jetzt hat das Praktikum eine andere Richtung. Man macht es vor der Ausbildung. Das ist mittlerweile auch in fast allen Lehrplänen verankert.

Weshalb sind Praktika für die Schüler so wichtig?

Fischer: Es gibt dabei verschiedene Absichten. Zu einem frühen Zeitpunkt schicken viele Schulen die Schüler ins Praktikum, um überhaupt die Arbeitswelt kennenzulernen. Später geht es darum, spezielle Berufe zu erfahren und wenn die Richtung klar ist, auch den jeweiligen Betrieb. Ich rate meinen Schülern immer, bevor sie einen Vertrag unterschreiben, dort ein Praktikum zu machen. Denn es ist wichtig, einem möglichen Ausbildungsabbruch vorzubeugen.

Kommt das denn häufig vor?

Fischer: Das kommt relativ oft vor. Ich habe das Gefühl, das hat zugenommen. Bundesweit wird in etwa jede vierte Ausbildung abgebrochen.

Woran liegt das?

Fischer: Das kann verschiedene Gründe haben. Oft haben sich die Jugendlichen den Beruf einfach anders vorgestellt. Auch innerbetriebliche Differenzen können zum Abbruch führen. Deswegen ist das Informieren und Ausprobieren vorher so wichtig.

Angenommen ein Jugendlicher hat sich für einen Bereich entschieden. Zieht es dann viele in Richtung Großstadt?

Fischer: Eher nicht. Meist sind die Schüler zu Beginn der Berufswahl erst breit aufgestellt und ziehen auch Pendeln oder einen Wohnortwechsel in Erwägung. Wenn es dann aber konkreter wird, tauchen Fragen auf: Will ich überhaupt nach München fahren? Geht das zeitlich? Viele haben ja Verpflichtungen im Verein. Und am Ende läuft es oft so, dass viele in der Region bleiben wollen.

Aber alle kriegen Sie hier bestimmt nicht unter.

Fischer: Wie schon gesagt, die Jugendlichen müssen unter Umständen einen Kompromiss eingehen und brauchen einen Plan B. Wer zum Beispiel als Fachinformatiker arbeiten will, hat hier eben nicht so viele Möglichkeiten. Und bei manchen ist das dann wie beim ,Mensch ärgere dich nicht’. Die marschieren los, können das eine oder andere dann doch nicht realisieren und gehen wieder zurück zum Start. Dann fangen wir eben gemeinsam mit der Berufswahl und der Berufsentscheidung wieder von vorne an.

Und dann klappt’s?

Fischer: Viele sind dann in ihrer vermeintlichen zweiten Wahl ganz glücklich und wie gesagt: Es stehen nach der Ausbildung viele Wege – auch im Bereich der schulischen und beruflichen Weiterbildung – offen. Da ist am Ende für jeden das Passende dabei.

Die aktuellen Arbeitsmarktzahlen und zu den offenen Ausbildungsstellen im Landkreis gibt‘s hier.

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