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„Irgendwann härtet man ab“: Heiko Griesbach ist Bohrarbeiter auf dem Geothermieplatz in Holzkirchen und muss immer draußen arbeiten. Hier ist er an der „Zange“ zu sehen, womit die Gestänge für die Bohrung verschraubt werden. 

Bohrarbeiter auf Geothermieplatz 

Dann ist ein Mann ein Mann

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Er werkelt auch bei Minusgraden und Regen nachts draußen und sieht seine Familie nur alle zwei Wochen: Heiko Griesbach (44) ist Bohrarbeiter auf dem Geothermieplatz in Holzkirchen.

Holzkirchen – Diese Welt ist nichts für Weicheier. „Es gibt nur Männer auf dem Bohrplatz“, sagt Heiko Griesbach, Blaumann, Dreitagebart, dreckige Schuhe, er stapft die Treppe zum Bohrturm hoch, eine Kette klackert im Wind. „Das ist wie im Knast.“ Er schaut seinen Kollegen Andreas Mack an, sie lachen. Die Arbeit strenge körperlich sehr an. Das ist nichts für Frauen. „Da muss man schon als Mannsweib geboren werden“, scherzt Mack. Im Ernst: Heuer im Januar sanken die Temperaturen nachts auf minus 20 Grad. „Da zieht man sich eben vernünftig an“, sagt Griesbach. Zwiebelprinzip. Wenn es regnet, helfen Regenhose und Regenjacke. „Das ist halt so, man weiß, dass man draußen arbeitet“, meint Griesbach. „Irgendwann härtet man ab.“

Griesbach, ein großer, starker Mann, ist Bohrarbeiter auf dem Geothermieplatz in Holzkirchen. Er arbeitet seit 27 Jahren für die Firma ITAG, die ihren Sitz im niedersächsischen Celle hat, und die den Bohrauftrag in der Marktgemeinde bekam.

„Wir sind überall tätig“, erklärt Griesbach. Europaweit. Öl, Gas, Geothermie. „Wir machen alles, was mit Bohren zu tun hat.“ Seit August 2016 arbeitet der 44-Jährige in Holzkirchen. Seine Aufgaben: Aufbau, Betrieb am laufen halten, Bohrstangen einsetzen und so weiter.

Seine Frau und die beiden Kinder leben in Celle. 730 Kilometer pendelt er nach Holzkirchen. 14 Tage ist er am Stück hier, 14 Tage zuhause. „Es ist Gewöhnungssache.“ Andere Väter sehen ihre Kinder nur morgens vor der Arbeit und am Wochenende. Er kann sich zwei Wochen Zeit für die Familie nehmen. Sieben Tage hat er Nachtschicht, arbeitet von 18 bis 6 Uhr. Dann darf er 24 Stunden ruhen. Danach kommen sieben Tage mit Tagschicht, die dauert von 6 bis 18 Uhr. „Die Umstellung ist ahh“, stöhnt er, seine Augen sind gerötet, er sieht müde aus. Heute ist der erste Tag nach der Nachtschicht. Aber nach zwei Tagen funktioniert der neue Rhythmus. „Natürlich trinkt man da viel Kaffee.“ Am Bohrplatz wird rund um die Uhr geschuftet. „Man kann die Anlage nicht anhalten.“ Auch an Weihnachten und Silverster musste Griesbach ran. „Meine Frau war not amused.“ Aber so ist das nunmal auf dem Bohrplatz.

Dafür halten die Kollegen hier zusammen. „Das ist ganz großes Kino“, sagt Griesbach. Das gehe weit über die Arbeit hinaus, aus Kollegen wurden Freunde. Mack und Griesbach kennen sich seit vielen Jahren, arbeiten gerne zusammen in einer Schicht. „Jeder weiß, was er anzupacken hat.“ Man kann sich aufeinander verlassen. Manchmal wird nach Feierabend der Grill angeschmissen.

Ein wenig leben sie in einer Parallelwelt. Ein paar Stunden Freizeit bleiben, Griesbach trainiert oft im Fitnessstudio. Er schläft im Hotel. Einige Kollegen übernachten in ihren Wohnwägen, die am Bahnhof stehen. So wie Mack. „Den hab ich wohnlich eingerichtet“, meint er. Mit Fernseher. Schließlich lebt er dort gut sechs Monate im Jahr. Auf dem Bohrplatz gibt es Schlafcontainer für den Bohrstellenleiter – weil der ständig vor Ort sein muss – sowie Duschen, Toiletten und Küchen für die Mitarbeiter. „Jeder kocht hier sein eigenes Süppchen“, sagt Griesbach. Denn der eine mag kein Huhn, der andere keinen Fisch. Auch in der Männerwelt geht es heikel zu.

Große Bedeutung für die Männer hat die Tafel am Bohrplatz – eine Art Digitaluhr, die die unfallfreien Tage anzeigt. Bislang passierte nichts Schlimmeres. „Sicherheit hat bei uns oberste Priorität“, sagt Griesbach ernst. Alles andere muss sich hinten anstellen. Klettern die Arbeiter mal bis zu 40 Meter auf den Turm, sind sie gesichert, mit Seilen und Autogurt.

Griesbach und Mack stehen auf der 9,50 Meter hohen Plattform am Turm. „Das ist unsere Aussicht in die Berge“, sagt Mack. Sein Kollege öffnet einen Deckel, drunter liegt das Bohrloch. „Das ruht heute“, sagt Griesbach. Wartungsarbeiten stehen an. Über 5634 Meter drang man in die Tiefe vor. Anfang März könnte man laut Bohrstellenleiter Jürgen Cramer fündig werden. „Man fiebert mit“, gesteht Griesbach. Freue sich bei Erfolg für die Auftraggeber. Nach der Fündigkeit bleibt Griesbach noch knapp vier Wochen während der Testphase in Holzkirchen. Dann geht es an den nächsten Einsatzort. Wohin, erfährt er erst kurzfristig. Diese Welt ist eben nichts für Weicheier.

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