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„Die haben selbst Ängste“: Claudia Schmid vom Helferkreis Asyl gibt im Föchinger Pfarrsaal Sprachkurse für Flüchtlinge. Probleme, als Frau akzeptiert zu werden, hat sie dort nicht.

Claudia Schmid vom Helferkreis Asyl

Flüchtlinge: Frauen sollen der eigenen Angst begegnen

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Holzkirchen - 320 Asylbewerber ziehen bald in die Traglufthalle am Moarhölzl. Frauen hatten deswegen Bedenken in der Holzkirchner Bürgerversammlung geäußert. Claudia Schmid (55) aus dem Helferkreis Asyl gibt für Flüchtlinge Sprachkurse. Ein Gespräch über Mutterersatz und die Kunst, der eigenen Angst zu begegnen.

Frau Schmid, Frauen hatten Sorgen wegen der Traglufthalle geäußert. Sätze wie „Man kann sich als Frau nicht mehr allein auf die Straße trauen, geschweige denn joggen“ sind gefallen. Was würden Sie diesen Personen entgegnen? 

Schmid: Es ist klar, dass sie erstmal Angst haben, wenn sie fremden Kulturen begegnen. Aber sobald man den Asylbewerbern persönlich gegenüber tritt, verändert sich das Bild schnell. Daher empfehle ich: Einfach den Kontakt zu den Flüchtlingen suchen und der eigenen Angst begegnen. 

Soll man einfach so in die Flüchtlingsunterkunft reinspazieren? 

Schmid: Nein, natürlich nicht, aber über den Helferkreis kann man das. Meine Nachbarin zum Beispiel, die auch Kinder hat, hat zu mir gesagt: „Claudia, ich habe Angst.“ Ich riet ihr, einfach mal in die Föchinger Turnhalle mitzukommen. Sie hat dann vor der Tür auf mich gewartet und sich alleine gar nicht reingetraut. 

Ist sie dann rein? 

Schmid: Ja, heute gehört sie zu unserem Helferteam und ist eine engagierte Kollegin. Sie macht das total gerne – auch weil man so viel Dankbarkeit zurückbekommt. 

Handelt es sich also um Vorurteile, um völlig überzogene Ängste? 

Schmid: Ich kann das schon verstehen. Aber wer Kontakt zu unseren Asylbewerbern hat, merkt schnell, dass das ganz normale Menschen sind, die vor allem selbst Ängste haben. Die trauen sich am Anfang in der fremden Umgebung nur zu zweit oder zu dritt in den Supermarkt. Sehe ich jemanden bei Aldi, begrüße ich ihn offen, damit die Leute sehen, dass man auf die Asylbewerber auch zugehen kann. 

Schüren die jüngsten Anschläge in Brüssel solche negativen Gefühle? 

Schmid: Ja klar, ich hab ja auch Angst vor Terroristen. Aber da muss man doch unterscheiden. Die Terrorzelle in Brüssel gibt es ja nicht erst seitdem vermehrt Flüchtlinge nach Deutschland kommen. 

Zurück zu den Frauen. Sie haben Kontakt zu männlichen Asylbewerbern. Welche Erfahrungen haben Sie als Frau mit Ihnen gemacht? 

Schmid: Gute. Weil es in der Föchinger Turnhalle hauptsächlich junge Männer sind, und wir Helfer vor allem Frauen über 40, sind wir für die Asylbewerber oft ein Mutterersatz. Wir schenken ihnen Gehör. Sobald ich reinkomme, fragt mich sofort einer „Claudia – Coffee?“ Wenn sie uns Einkaufstaschen tragen sehen, nehmen sie sie uns sofort ab. 

Werden Sie als Frau da als Lehrerin in den Sprachkursen akzeptiert?

Schmid: Ja, das ist überhaupt kein Problem. 

Gab’s Ausnahmen, frauenfeindliche Vorfälle? 

Schmid: Nein, ich bin jetzt von Anfang an dabei und mir sind keine bekannt. Natürlich können wir aber nichts garantieren. Unter den Asylbewerbern gibt es auch mal Reibereien. Das ist verständlich: In der Turnhalle gibt es keine Privatsphäre, und die Leute haben viel mitgemacht. Einer musste bei seiner Flucht von einem brennenden Schiff springen, ein anderer lange durch die Wüste irren. 

Ein Verhaltens-Kodex gegenüber Frauen in Deutschland wurde in den Medien viel diskutiert. Geben Sie den Männern aus anderen Kulturen auch Regeln mit an die Hand? 

Schmid: Natürlich diskutieren wir mit den Asylbewerbern über das Verhältnis von Mann und Frau. Zum Beispiel erklären wir: Wenn eine Frau dich in der U-Bahn anlächelt, will sie nicht gleich mit dir ausgehen. Sondern man lächelt hier aus Höflichkeit. Ein größeres Problem ist die Pünktlichkeit. Viele müssen lernen, dass vier Uhr am Treffpunkt hier tatsächlich auch vier Uhr heißt. 

320 Asylbewerber sollen sich bald auf engem Raum die Holzkirchner Traglufthalle teilen. In so einer riesigen WG, das weiß jeder WG-Bewohner, kann es – ganz unabhängig vom Herkunftsland – schon mal krachen. Was wird der Helferkreis tun, um Konflikte zu vermeiden? 

Schmid: Ich bin ja vorrangig für die Sprache zuständig, mit weiteren 25 Kollegen. Für Konfliktbewältigung sind die Integrationsbeauftragten und die Asylsozialbeauftragten zuständig. Aber mit unserer Sprachförderung ermöglichen wir den Asylbewerbern sicher bessere Integrationsmöglichkeiten. Je besser sie integriert sind, desto weniger Konflikte gibt es. 

Auf den Helferkreis kommen sicher viele Herausforderungen zu... Sind Sie gerüstet?

Schmid: Sehen Sie, die Situation mit der Traglufthalle ist für den gesamten Helferkreis eine völlig neue Situation. Wir sind sicher gut aufgestellt und freuen uns auf die Herausforderung. Wie es dann in der Realität läuft, werden wir sehen. Wir freuen uns aber immer über neue Helfer.

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