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Der Leiter der Summer School der Kansas-University in Holzkirchen spricht über die USA

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Von: Bettina Stuhlweißenburg

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Amerikanisches Idyll: William Keel steht vor dem Haus seiner Tochter Liesel Buschelman in Fairfax, nahe Washington D.C. Hier arbeitet sein Schwiegersohn, ein Oberst-Leutnant der Luftwaffe, im Pentagon.
Amerikanisches Idyll: William Keel steht vor dem Haus seiner Tochter Liesel Buschelman in Fairfax, nahe Washington D.C. Hier arbeitet sein Schwiegersohn, ein Oberst-Leutnant der Luftwaffe, für das Pentagon. © Liesel Buschelman

Am 13. Januar 2021 hat das US-Repräsentantenhaus das zweite Impeachment-Verfahren gegen Donald Trump eröffnet. Die Demokraten warfen dem damaligen Präsidenten vor, zum Sturm auf das Kapitol am 6. Januar 2021 aufgerufen zu haben. Wir sprachen darüber mit dem in Lawrence/Kansas lebenden, emeritierten Germanistik-Professor William „Bill“ Keel.

Holzkirchen - Der 74-Jährige ist in Holzkirchen kein Unbekannter: 40 Jahre lang leitete er die Summer School der Kansas-University in der Marktgemeinde. Keel ist ein aufmerksamer politischer Beobacher, Verfechter des deutsch-amerikanischen Dialogs – und Trump-Wähler.

Herr Professor Keel, am 13. Januar 2021 wurde Trump angeklagt, zum Aufstand angestiftet zu haben. Was denken Sie?

Er hat seine Anhänger aufgerufen, friedlich zu demonstrieren. Ein Staatssturz oder ein Aufruhr war von ihm nicht geplant, auch wenn viele Menschen das meinen. Ich habe nicht geglaubt, dass passieren würde, was passiert ist.

Wie konnte es dann dazu kommen?

Wir sind inzwischen auch ein Land der unbegrenzten Lügen. Es ist wirklich furchtbar. Ich will Trump nicht verteidigen. Er hätte das Wahlergebnis, also seine Niederlage gegen Joe Biden, akzeptieren sollen, auch wenn es Pfuscherei gegeben hat. Aber die Demokraten sind auch keine Engel: Als Trump 2016 unerwarteterweise gegen Hillary Clinton gewonnen hatte, hat auch sie das Ergebnis nicht akzeptiert. Diese Haltung hat ihre Anhänger angestachelt, nach einem Impeachment zu rufen, da war Trump noch gar nicht im Amt. Schon vor der Wahl ließen die Demokraten mit Hilfe der Medien und des FBI Lügen über Trump verbreiten. Es war Clintons Wahlkampfstrategie, zu behaupten, Trump kollaboriere mit Putin. Ich schaue regelmäßig das Heute-Journal. Dort höre ich, Trump lüge. Ich höre aber nicht, dass Clinton und die Demokraten lügen. Nun ja, Trump zahlt mit gleicher Münze zurück.

Die Bilder vom Sturm auf das Kapitol erinnerten an einen Bürgerkrieg. Was ist los in den USA?

Wir sind ein gespaltenes Land. Schon das ganze Jahr davor gab es in vielen Städten – Portland, Washington, New York – Proteste wegen der Rassenfrage. Geschäfte wurden niedergebrannt, Menschen getötet. In Seattle wurde nach dem Tod von George Floyd ein Gebiet samt Polizeipräsidium erobert. Trump wollte die Nationalgarde schicken, um dieses Gebiet zu befreien, aber der Bürgermeister von Seattle wollte das nicht. Präsidentschaftskandidaten der Demokraten haben diese Unruhen sogar unterstützt. Die Spaltung der Gesellschaft spiegelt sich auch in der Politik wider: Die Sitze im Senat sind gleichmäßig auf Demokraten und Republikaner verteilt. Diese Patt-Situation ist ein großes Problem. Auch im Repräsentantenhaus haben die Demokraten nur eine knappe Mehrheit und lassen sich von den Radikalen führen. In der Geschichte der USA waren die Mehrheiten früher viel deutlicher. Ich weiß nicht, wie Demokraten und Republikaner miteinander sprechen sollen. Sie sprechen aneinander vorbei.

Droht in den USA ein Bürgerkrieg?

Nicht mit Waffen. Aber mit Worten. Die Pandemie hat alles auf den Kopf gestellt. Trump wollte die Wirtschaft nicht in einen Lockdown führen, aber er musste. In diese turbulente Zeit fiel dann der Tod von George Floyd.

Sind die USA noch das Land der unbegrenzten Möglichkeiten?

Für den Einzelnen sind sie das noch. Warum sonst kommen Millionen Menschen über die Grenze zu Mexiko in die USA, wenn sie nicht glauben würden, dass sie hier ein besseres Leben führen können? Über diese Grenze kommen nicht nur Lateinamerikaner, sondern auch Chinesen, Afrikaner und viele mehr. Sie kommen ohne Corona-Test und werden dann nach Florida, Virginia und andere Staaten geflogen – ohne die Staatsregierungen dort zu fragen oder vorzubereiten.

Warum haben Sie Trump gewählt?

Um seiner Politik willen, nicht um seiner Person willen. Trump hätte das tun sollen, was er für richtig hält – und dann hätte er schweigen sollen. Leider hat er nicht geschwiegen, sondern er hat getwittert. Aber die Wirtschaft florierte bis zur Pandemie. Seine Wirtschaftspolitik war auch gut für Latinos und Afro-Amerikaner. Deshalb hat er im Vergleich zu 2016 auch Stimmen bei den Latinos und Schwarzen dazugewonnen. Dagegen hat er wegen seiner Persönlichkeit in den Vororten der Großstädte schlechter abgeschnitten als 2016. Auf dem Land stimmten oft 80 Prozent und mehr für ihn.

Hat die Freundschaft zwischen den USA und Deutschland durch Trump gelitten?

Die Deutschen waren ein bisschen gekränkt, als Trump gefordert hatte, sie müssten zwei Prozent ihres Bruttoinlandprodukts für Verteidigung ausgeben. Außerdem hat er die Frage gestellt, warum 75 Jahre nach Kriegsende noch immer amerikanische Soldaten in Deutschland sind. Aber diese Frage darf man stellen.

Und die Freundschaft zwischen der Kansas University und Holzkirchen?

Diese Freundschaft lebt, egal, wer Präsident ist. Natürlich sprechen wir auch über kritische Themen. Das war schon so, als Bush und Reagan Präsidenten waren. Im Krieg gegen den Irak haben wir wirklich gefürchtet, es könnte etwas passieren mit dieser Freundschaft. Aber gerade in Zeiten politischer Spannungen ist es wichtig, miteinander im Gespräch zu bleiben. Vielleicht müsste ein ehemaliger Teilnehmer der Summer School in Holzkirchen Präsident werden, um Amerika zu befrieden (lacht). Ich scherze nur zum Teil: Die Fähigkeit zum Gespräch und zu gegenseitigem Verständnis sind wichtig.

Wann kommen Sie wieder nach Holzkirchen?

Es sind bald drei Jahre her, dass ich dort war. Ich hoffe, dass Omikron zu einer akzeptablen Erkältung wird, und die Hospitalisierungsrate – ich habe dieses Wort beim Heute-Journal gelernt (lacht) – niedrig bleibt. Dann hoffe ich, diesen Sommer kommen zu können und freue mich auf ein Wiedersehen!

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