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Ein Keiler, in dem noch Tschernobyl strahlt

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Von: Andreas Höger

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Robert Wiechmann wollte seinen Jagd-Unterstand im Teufelsgraben gerade verlassen. Da trabte ein Wildschwein ins Sichtfeld. Der Schuss saß, das erste Schwein des Reviers seit Jahren war erlegt. Allerdings: Das Fleisch ist radioaktiv belastet – eine Folge der Tschernobyl-Katastrophe vor 36 Jahren. Für den Jäger, der politisch aktiv ist, eine Warnung, bei der Energiepolitik nicht aufs falsche Pferd zu setzen.

Holzkirchen – Der Zufall half an diesem Januarmorgen – und das Jagdglück. „Ich bin kein erfahrener Schwarzwildjäger“, gesteht Robert Wiechmann (58). Beruflich ist er für das Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) als verbeamteter Förster für das Forstrevier Holzkirchen zuständig. Politisch engagiert er sich für die Grünen im Marktgemeinderat und im Kreistag. Die Eigenjagd in Roggersdorf „ist meine Privatangelegenheit“, wie er betont. Seit vielen Jahren geht der Holzkirchner dort auf die Pirsch, ein Wildschwein hatte er dort noch nie zur Strecke gebracht. Jedoch waren ihm Anfang Januar Fährten im Schnee aufgefallen. „Ich wusste, dass Schweine unterwegs sind.“

In einem Holzkirchner Revier ist erstmals ein Wildschwein erlegt worden - und beförderte ein belastendes Erbe zutage (Symbolbild)
In einem Holzkirchner Revier ist erstmals ein Wildschwein erlegt worden - und beförderte ein belastendes Erbe zutage (Symbolbild) © Lino Mirgeler

Den Teufelsgraben nutzen die cleveren Tiere offenbar als Bewegungsachse. „Noch ist das hier ein Schwarzwild-Randgebiet“, sagt Wiechmann. Die Populationen aber breiten sich stetig aus. Bisher arbeiteten sich die Rotten aus dem Hofoldinger Forst nach Süden vor; im Raum Föching werden regelmäßig Schweine erlegt. Wie Wiechmann erklärt, kam mittlerweile ein „zweiter Zug“ aus Richtung Westen dazu. Aus den Revieren in Sachsenkam und Hartpenning werden immer mehr Sichtungen registriert. „Sogar in Bad Wiessee werden mittlerweile Sauen erlegt“, weiß Wiechmann.

Wildschweine wecken Sorge vor Flurschäden

Die Schweine tun zwar den Bäumen nicht weh, können aber auf Feldern und Wiesen große Schäden anrichten. „Bei Mais lässt sich das gut berechnen“, sagt Wiechmann, „Grünland-Schäden können aber schnell richtig teuer werden.“ Jäger haften gegenüber dem Grundbesitzer für solche Wildschäden, so ist es in vielen Pachtverträgen verbrieft. Den Bestand kurz zu halten, sei also in allen Revieren geboten, betont Wiechmann. Eine wichtige Hilfe dabei ist der jetzt legale Einsatz von Nachtsichtgeräten bei der Schwarzwildjagd. „Der Schlüssel zum Erfolg“, glaubt Wiechmann, „so sagen alle, die viel mit Wildschweinen zu tun haben.“

Die rasant anwachsenden Bestände auch in Südbayern profitieren vom wachsenden Nahrungsangebot: Maisfelder überall, gehäufte Mastjahre etwa von Buchen, kürzere Winter und damit auch der Klimawandel – all das begünstigt die ohnehin hohe Reproduktionsrate der Schweine. „Es ist zu viel Energie im Wald und auf den Feldern, das wissen die Schweine zu nutzen“, sagt Wiechmann, der dringend davor warnt, die Tiere zu füttern. Andererseits müssen Spaziergänger keine Angst haben. „Die Schweine hauen ab, sobald sie Menschen wittern.“

Ungenießbar: Das Fleisch des zweijährigen Jungtiers war zu stark radioaktiv belastet und musste entsorgt werden.
Ungenießbar: Das Fleisch des zweijährigen Jungtiers war zu stark radioaktiv belastet und musste entsorgt werden. © privat

Verstrahlt: Fleisch des Tieres musste entsorgt werden

Der Wind an jenem kalten Januartag im Teufelsgraben stand aber so, dass der zweijährige „Überläufer“ – ein junger Keiler, der auf Brautschau auch mal weite Wege geht – den Jäger nicht bemerkte. 45 Kilo Lebendgewicht verfrachtete Wiechmann ins Auto. „Ich jage auch, um zu essen. Ich hätte das Schwein gerne verzehrt.“ Daraus jedoch wurde nichts. Die für Wildschweine vorgeschriebene Radioaktivitäts-Probe, die verpflichtend ist, wenn das Fleisch „in Verkehr gebracht“ werden soll, ergab eine Belastung von 1200 bis 1300 Becquerel. Der Grenzwert in Deutschland liegt bei 600 Becquerel. Wiechmann musste das Fleisch entsorgen, darf aber immerhin auf staatliche Entschädigung hoffen.

Dass sich im Teufelsgraben-Keiler immer noch der radioaktive Fallout der Atomkatastrophe von Tschernobyl (damals UdSSR, heute Ukraine) des Jahres 1986 wiederfand, habe ihn zwar nicht überrascht, sagt Wiechmann. „Jäger wissen das.“ Doch in der Bevölkerung sei die hohe Belastung der tieferen Waldschichten wenig bekannt. Die Strahlung sitzt in einer Tiefe von zehn bis 30 Zentimetern, die Wildschweine wühlen in dieser Schicht nach Futter.

„Zur Tschernobyl-Zeit bin ich eingestellt worden“, sagt Wiechmann, „und ein Berufsleben später schieße ich ein Tier, das den Reaktorunfall in sich trägt.“ Deswegen mache ihn fassungslos, wenn derzeit Atomkraft in Europa wieder Aufwind bekommt und für Investoren als „grün“ eingestuft werden soll. „Manche Leute sind leider vergesslich.“

Nicht alle erlegten Schweine sind belastet

Nicht alle im Landkreis erlegten Wildschweine liegen über dem Grenzwert von 600 Becquerel (Bq/kg). Im Vorjahr waren nur drei von 22 Tieren stärker belastet. 2020 jedoch überstieg fast die Hälfte der 35 Tiere die 600 Bq/kg. Deutlich weniger Strahlung sammelte sich in den Wildschweinen an, die 2019 erlegt worden waren; den Grenzwert überschritten nur vier von 27 Stück. Heuer wurden dem Landratsamt schon zwei Schweine gemeldet – eins davon der belastete Teufelsgraben-Keiler.

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