Ein Projekt, das aus dem Rahmen fällt: Sabine Schreiber sucht für ihr Kunstprojekt „Passepartout“ auf dem Marktplatz noch ausrangierte Bilderrahmen.
+
Ein Projekt, das aus dem Rahmen fällt: Sabine Schreiber sucht für ihr Kunstprojekt „Passepartout“ auf dem Marktplatz noch ausrangierte Bilderrahmen.

Kunstprojekt auf dem Marktplatz

„Eine verrückte Litfaßsäule“: Ideen dürfen auch mal aus dem Rahmen fallen

  • VonKatrin Hager
    schließen

Ein Passepartout, in dem sich Holzkirchen mit seinen Bürgern und ihren Geschichten spiegelt, mit Raum für Fantasie und Austausch: In drei Wochen soll das Projekt der Holzkirchner Künstlerin Sabine Schreiber (35) auf dem Marktplatz stehen. Dafür sucht sie noch ausrangierte Bilderrahmen.

Holzkirchen – „Ich hab gar nicht damit gerechnet, dass ich zum Zug komme“, sagt die ausgebildete Dramaturgin, die etwa kreative Theaterarbeit mit Jugendlichen macht, wenn nicht gerade Corona ist, aber auch als Autorin und Filmerin arbeitet. Dabei ist die gebürtige Haushamerin prädestiniert: Schreiber ist über ihre Oma in Holzkirchen verwurzelt. Ehe sie nach dem Tod der Oma in deren Häuschen zog, hat Schreiber einige Jahre direkt am Marktplatz gewohnt.

Überzeugt hat die 35-Jährige beim Wettbewerb der Marktgemeinde für das Kunstprojekt aber nicht damit, sondern mit ihrem Konzept namens „Passepartout“ (wir berichteten). Von Anfang August bis Ende September wird es auf dem Marktplatz zu erleben sein. „Wir haben uns da einiges vorgenommen“, sagt Schreiber und lacht.

QR-Codes auf dem ganzen Marktplatz

Über den ganzen Marktplatz verteilt Schreiber QR-Codes. Wer sie mit Smartphone oder Tablet abscannt, wird zu einer Audiodatei geleitet, in der Schreiber jeweils eine Geschichte, Anekdote oder Legende aus Holzkirchen und der Umgebung erzählt. „Ratsch und Tratsch aus dem Ort – wie man sich am Marktplatz gern unterhält.“ Wer nicht über die erforderliche Technik verfügt, findet die Erzählungen in kleinen Büchlein, die an Tischen, Stühlen und Bänken am Marktplatz ausgelegt werden.

Die Geschichten, die über den Projektzeitraum immer wieder ausgetauscht werden, sind aber keine Einbahnstraße zum Zuhörer, sondern sollen eine Art Dialog anregen. Vielleicht kennen die Besucher selbst auch eine Geschichte, die sie erzählen, sie machen sich ein eigenes Bild davon oder lassen sich zu einem kleinen Gedicht inspirieren. Ihre „Antwort“ können sie in einer Art „Briefkasten“ vor Ort abgeben. „Die Ideen daraus werde ich regelmäßig in ein Objekt einbauen“, erklärt Schreiber. Und dafür bittet sie die Holzkirchner um ausrangierte Bilderrahmen.

Bilderrahmen schmücken die Ideen der Marktplatzbesucher

Gemeinsam mit Grafiker Matthias Erhardt vom Tegernsee baut die 35-Jährige aus Bilderrahmen ein Hauptobjekt um den unteren Teil des Maibaums. „Mit dem Trachtenverein ist das natürlich abgesprochen“, sagt Schreiber, „die Taubenberger waren ganz aufgeschlossen.“ Ob weitere Objekte entstehen, hängt davon ab, wie viele Bilderrahmen sie bekommt. „Die meisten werden erst noch leer sein“, erklärt Schreiber: Sie füllen sich nach und nach mit den Ideen der Marktplatzbesucher. „So entsteht eine Art verrückte Litfaßsäule.“

Immer wieder wird ausgewechselt, ältere Beiträge verschwinden, neue kommen. „Es wird immer in Bewegung bleiben.“ So gibt es stets Neues zu entdecken, wie auf einem Marktplatz ja auch – ein großes Bedürfnis der Holzkirchner, hat Schreiber seit der Bekanntgabe ihres Projekts in vielen Gesprächen festgestellt: Viele wünschten sich, dass der Marktplatz unabhängig vom Grünen Markt ein echter Treffpunkt wird. Sie überlegt noch, ob sie mit dem Kunstwerk auch dafür eine Plattform geben kann.

Den Begriff „Kunst“ nutzt Schreiber dabei nur ungern, weil er schnell abgehoben klingt. Sie drückt es ein bissl bodenständiger aus: „Es soll spielerisch sein. Aber nicht blöd.“

Gemeinde stellt Geld für Projekt zur Verfügung

Dass die Marktgemeinde für das Projekt „Kunst im öffentlichen Raum“ auch Geld in die Hand nimmt, für diese Unterstützung ist Schreiber nach dem Corona-Lockdown ausgesprochen dankbar. „Als ich den Weg eingeschlagen habe, war mir natürlich klar, dass es auch mal prekäre Phasen geben kann, die man überbrücken muss“, erzählt sie. Aber mit einer Situation wie Corona konnte niemand rechnen. Sie überbrückte die erste Zeit auf Pump, war schließlich doch auf Hartz IV angewiesen. „Zum Glück konnte ich nach einem Monat wieder dankend ablehnen.“ Sie fand Jobs in Werbung und PR, konnte wieder selbst für sich und ihren achtjährigen Sohn sorgen – verlässlicher als als freie Künstlerin. Schreiber hofft, dass Kultur und kreative Arbeit nach Corona wieder mehr Wertschätzung erfahren, damit Künstler auch in ihre Berufe zurückkehren. „Wir brauchen Kultur und Leute, die damit herumexperimentieren.“

Bilderrahmen gesucht: Wer ungenutzte Bilderrahmen beisteuern kann, den bittet Schreiber, sich diese Woche, spätestens bis 25. Juli, per E-Mail an info@sabineschreiber.com zu melden. Die Rahmen – alle Farben und Formen, aber keine Schriftzüge wie LOVE, HOME oder ähnliches, die vom Inhalt ablenken – müssen witterungsbeständig sein und haben idealerweise feste Rückwand und Glasscheibe.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare