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Ein ganz ungewöhnlicher Blick auf Karl Valentin

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Wer hat hier die Hosen an? Einen sehr speziellen Karl-Valentin-Abend servierten Heike Feist und Andreas Nickl am Freitag im Fools-Theater.
Wer hat hier die Hosen an? Einen sehr speziellen Karl-Valentin-Abend servierten Heike Feist und Andreas Nickl am Freitag im Fools-Theater. © Thomas Plettenberg

Die bayerische Bühnenpartnerin ist krank und nun springt jemand ein, der nur berlinerisch kann. Ausgerechnet in einem Stück über Karl Valentin. Geht das? Und wie das geht: Die Vollblutschauspieler Heike Feist und Andreas Nickl boten im Holzkirchner Fools einen Theaterabend der Extraklasse.

Holzkirchen – In ihrer Reihe „Biografien für die Bühne“ knöpfte sich Heike Feist am Freitag den großen Münchner Volksschauspieler, Autor und Komiker Karl Valentin (1882-1948) vor. „Des wird doch eh nix!“, nannte sie das Programm, das dem Publikum im fast ausverkauften Fools-Theater viel Unbekanntes über die Protagonisten präsentierte.

Die Darstellung strotzte vor schauspielerischen Schmankerln und war dramaturgisch spannend konstruiert. Was daran liegt, dass das Stück drei Ebenen bespielt, die elegant ineinander verwoben sind: Zum einen die Theaterprobe, in der auch Privates zwischen den Darstellern verhandelt wird; zweitens – wenn es dann lief und Nickl seine Partnerin nicht wegen ihres Berliner Dialekts rüffelte und sie bat, wenigstens Hochdeutsch zu sprechen – das Stück über das Leben von Karl Valentin und Liesl Karlstadt selbst. Und schließlich drittens geschmeidig eingearbeitete und hinreißend gespielte Valentin-Sketche wie „Die Fremden“, „Beim Arzt“, „Wo ist meine Brille?“ oder „Die Zitherstunde“.

Feist arbeitete in ihrem biografischen Ansatz die komplexe Persönlichkeit Valentins heraus. Geburt, Kindheit, Jugend („Ich war so mager, dass die Mutter meine Rippen zum Meerrettich-Reiben benutzt hat“), berufliche Entwicklung und vor allem Privates. Hier wechselte Feist zwischen den Rollen von Karls Frau Gisela, mit der er zwei Kinder hatte, und seiner kongenialen Bühnenpartnerin Liesl Karlstadt (1892-1960), mit der er nicht nur beruflich eng verbunden war. „So eine Ehe zu dritt ist auch nicht einfach“, bekennt er im Stück.

Ihren ersten gemeinsamen Abend hatten Valentin Karlstadt 1915 mit „Tingeltangel“. Wie stolz war der Jahrhundertkomiker doch, als er präsentieren durfte: „Einen Hungerkünstler, der live vor Publikum hungert“ oder „eine Soubrette, die ihren Text vergessen hat.“ Eine Brille ohne Gläser findet der Komiker, dessen Persönlichkeit sich Andreas Nickl authentisch einverleibt, „besser als gar nix“ und seiner Tochter schreibt er eine „Rechnung für deine Existenz“, von den Hebammenkosten über die Schuleinschreibgebühr über das tägliche Essen bis zum Taschengeld. Die Presse attestiert dem klapperdürren Münchner damals eine „wunderliche Mischung aus Schwachsinn und Tiefsinn“.

Dass Valentin privat alles andere als ein Gaudibursch war, sondern an Lampenfieber, Reisepanik, Pessimismus, Hypochondrie („Gar nicht krank ist auch nicht gesund“) und Asthma litt, arbeiten Feist und Nickl ebenso heraus wie so manche Dramatik in der Vita Karlstadts: Sie bricht öfter auf der Bühne zusammen, unternimmt 1935 einen Suizidversuch auf der Isarbrücke, leidet unter dem schwierigen Partner.

Oft sind es auf der Fools-Bühne gerade die stillen Szenen mit ihren Pausen, wenn sich die beiden aneinander reiben oder kurz vor der Trennung stehen, die diesen Abend so eindringlich machen. Das Stück ist mehr als eine bloße Aneinanderreihung von Sketchen. Diese Theaterarbeit besticht durch intensive Recherche, dichte Dramaturgie und eindringliches Spiel – und beweist, dass Valentin nicht nur auf bayrisch funktioniert, weil er eben bis heute ein ganz Großer seiner Zunft ist.

REINHOLD SCHMID

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