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Mittendrin im Tal der Tränen

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Von: Andreas Höger

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Holzkirchen - Die Sackgasse ist 1770 Meter tief und kostet richtig viel Geld: Das Holzkirchner Geothermie-Projekt stieß auf Gas, ein Teil der Bohrung musste aufgegeben werden. Auf bis zu drei Millionen Euro beläuft sich der Schaden. Ein Schock. Jetzt startet ein zweiter Anlauf, den die Versicherung zahlt – so hofft es die Gemeinde.

Geothermie Holzkirchen Fotos
1 / 15Übersicht im Infocenter: Bürgermeister Olaf von Löwis (l.) und Albert Götz, Geschäftsführer der Geothermie Holzkirchen GmbH, besprechen aktuelle Entwicklungen vor einem Lageplan. © Thomas Plettenberg
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2 / 15Auf der Bohrplattform: Von der Technikkabine aus wird die Arbeit in der Tiefe gesteuert. © Thomas Plettenberg
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3 / 15Fräsen statt Bohren: Um einen neuen Bohrpfad zu setzen, musste die Crew auf der Plattform die Verrohrung in der Tiefe auffräsen. Hier wird der Fräskopf gerade herausgezogen. Ab heute wird „wieder Strecke gemacht“. © Thomas Plettenberg
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4 / 15Gruß aus der Tiefe: Das "Bohrklein" wird an die Oberfläche gespült und über Schüttelsiebe ausgefiltert. Entsorgt wird es laut Vorschrift in speziellen Kavernen in Norddeutschland. © Thomas Plettenberg
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5 / 15Werkzeug für die Tiefe: Dieser Spezialbohrer fräste 2415 Meter unter der Erde ein zehn Meter langes Loch in die Verrohrung der zweiten Sektion. Aus diesem Loch setzt der neue, abgelenkte Bohrpfad an, der – hoffentlich ohne weitere Gasfunde – den wasserführenden Malm erreichen soll. © Thomas Plettenberg
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6 / 15Die Gasfackel brannte im März oft und intensiv, hat jetzt aber hoffentlich ausgedient. © Thomas Plettenberg
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7 / 15Der „Blow-Up-Preventer“ über dem Bohrloch verhinderte das unkontrollierte Ausströmen der angebohrten Gasblase. © Thomas Plettenberg
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8 / 15Die Zuführung zu den Spülungstanks: Hier wird die Pottasche-Bohrspülung angemischt. © Thomas Plettenberg
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9 / 15Bereit für den Pumpversuch: Das Thermalwasser-Rückhaltebecken fasst 4600 Kubikmeter. Das Bassin dient als Puffer, ehe das Tiefenwasser während der Versuchsphase in die Kanalisation abgeleitet wird. © Thomas Plettenberg
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10 / 15Relikt der ersten Bohrphase: Geologe Franz Böhm steht im Informations-Zentrum neben dem 20-Zoll-Zahnmeißel, mit dem die ersten 1800 Meter gebohrt wurden. © Thomas Plettenberg
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11 / 15Ortstermin auf dem Bohrturm: Geologe Franz Böhm (v. r.) erklärt Bürgermeister Olaf von Löwis, Gemeindewerke-Chef Albert Götz und Redakteur Andreas Höger den technischen Ablauf der abgelenkten Bohrung. © Thomas Plettenberg
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12 / 15Der Blick von der Bohrplattform in Richtung Gewerbegebiet: Vor den Silos sind die drei blauen Spülpumpen zu sehen, die über 1000 PS leisten können. © Thomas Plettenberg
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13 / 15Die Verrohrung der dritten Sektion liegt bereit: Diese "Casinge" werden in den nächsten Tagen in die Tiefe wandern. © Thomas Plettenberg
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14 / 15Lagerplatz: Damit Verzögerungen vermieden werden, muss immer genug Material vorrätig sein. © Thomas Plettenberg
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15 / 15Der Bohrturm ist insgesamt 58 Meter hoch. Die in Holzkirchen eingesetzt Bohr-Anlage der Firma ITAG gehört zu den drei größten, die derzeit in Europa verfügbar sind. © Thomas Plettenberg

Es lief lange gut, sehr gut sogar. „Wir sind einige Wochen wirklich ordentlich vorwärts gekommen“, sagt Geologe Franz Böhm vom Planungsbüro Erdwerk, das für die Geothermie Holzkirchen GmbH das Projekt vor Ort begleitet. 

Stolze 4186 Meter hatten sich die Meißel seit Bohrbeginn am 27. Januar vorgearbeitet, davon 3490 Meter vertikal unter dem Bohrturm in der Alten Au; von dort wanderte die abgelenkte Bohrung in der Tiefe nach Nordwesten, etwa in Richtung Föchinger Kirche. Die schwierige dritte von fünf Sektionen schien geschafft. „Wir waren fast am Ziel“, sagt Böhm.

Dann kam der 10. März. Der Bohrer drang in eine Sandsteinschicht vor, in der sich Gas befand – sehr viel Gas. „Mit dieser Menge und mit diesem Druck hatten wir nicht gerechnet“, sagt der Geologe (wir berichteten), „eine böse Überraschung.“ Die Gasfackel neben dem Bohrturm leuchtete tagelang lichterloh, das Bohrteam aktivierte das Sicherheitsventil („Blow-Up-Preventer“). Öffentliche Führungen wurden abgesagt, in der engeren Bohrzone war sogar der Einsatz von Handys verboten.

„Wir haben leider die Nadel im Heuhaufen gefunden“, seufzt Albert Götz, Leiter der Gemeindewerke und Geschäftsführer der Geothermie Holzkirchen GmbH. Keine andere Tiefenbohrung der Region sei auf derart große und druckvolle Gasvorkommen gestoßen, ein unglücklicher Zufall. Besonders bitter: Das Gas wurde am Ende der dritten Sektion angebohrt, als in diesem Abschnitt bereits 1770 Meter geschafft waren.

Götz weiß: Das ist nicht nur ein Problem, sondern eher eine Krise – mindestens ein herber Rückschlag. Man habe sich zu Krisensitzungen getroffen, sagt der Geschäftsführer; mit am Tisch saßen die Vertreter der Versicherung. Zwar hatte die Marktgemeinde darauf verzichtet, die Fündigkeit der Bohrung (sprich: Schüttung und Temperatur) zu versichern; die Bohrung an sich aber ist abgesichert. „Wir haben mit der Versicherung alle Varianten durchgesprochen“, sagt Götz, „sogar den Abbruch des Projekts.“ Schnell habe sich aber herauskristallisiert, dass es weitergeht in der Alten Au. „Die Versicherung geht diesen Weg mit“, betont Götz.

Doch wer kommt für den Schaden auf, der sich laut Böhm auf zwei bis drei Millionen Euro auswachsen wird? „Wir erwarten schon, dass unsere Versicherung einspringt“, sagt Bürgermeister Olaf von Löwis; es gebe erste Gespräche, die darauf hindeuten. Verwerten oder gar durch Verkauf versilbern lasse sich der „Beifang“ Erdgas leider nicht, sagt der Geologe: „Um das Gas wirtschaftlich zu verwerten, bräuchte es spezielle Fördertechnik und aufwendige Tests.“

Bisher stellte die Marktgemeinde, die das Mammutprojekt Geothermie in Auftrag gab, rund 10,7 Millionen Euro zur Verfügung. Dabei soll es vorerst bleiben, wie Götz versichert. Es seien genug Reserven vorhanden, Liquiditäts-Engpässe nicht zu befürchten. Dennoch: Das ambitionierte Holzkirchner Projekt, das sich tiefer in die Erde wagt als bisherige Geothermie-Bohrungen der Region, ist im „Tal der Tränen“ angekommen – wie Experten die schwierige, risikobelastete und teure Bohrphase nennen.

Technisch nimmt die Bohrung jetzt einen zweiten Anlauf. Das alte Loch wurde auf einer Tiefe von 2415 Metern mit Zement teilweise verfüllt und verpfropft. 1770 Meter Bohrstrecke verkommen zur teuren Sackgasse. „Wenigstens hatten wir noch keine Verrohrungen drin“, sagt Götz. Die Geologen glauben, einen neuen Pfad zu den Thermalwasser-Reservoirs im Malmkarst gefunden zu haben – einen Pfad ohne das brisante Gas. Für diesen „Sidetrack“ fräste ein Spezialbohrer im bereits verrohrten Bereich der zweiten Sektion ein Rohr auf, um dort den neuen Bohrpfad abzuteufen. „Jetzt machen wir wieder Strecke“, sagt Geologe Böhm.

Mitte Mai müsste der Malmkarst erreicht sein. Dann schlägt dem ganzen Projekt die Stunde: Erwartet werden 140 Grad heißes Wasser in einer Schüttung von 65 Litern pro Sekunde. Der ehrgeizige Zeitplan sieht vor, das Kraftwerk bis Ende 2017 ans Netz zu bringen, um sich bei der Verstromung die optimale EEG-Vergütung zu sichern. „Trotz der Verzögerung ist der Termin zu halten“, glaubt Götz. Ist die Bohrung fündig und wird gar die maximale Vergütung gerettet, könnte das „Tal der Tränen“ schnell vergessen sein. Dann winken mittelfristig sogar Millionen-Gewinne.

Vor dem Kraftwerksbau, für den bereits Ausschreibungen laufen, steht die zweite Bohrung an, über die das Thermalwasser in die Tiefe zurückgeführt wird. Gebohrt wird die „schlanke Dublette“ ebenfalls von der Alten Au aus, allerdings diesmal in Richtung Südosten. Der Bürgermeister geht davon aus, dass dann die unglückliche Gas-Krise wenigstens eine kleine Rendite abwirft: „Die Erfahrung der ersten Bohrung kommt uns da hoffentlich zugute.“ (avh)

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