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Ansprechpartner für Suchtkranke: Antje Wolf (l.) und Eva Björk wollen ihren Klienten in der „Anthojo-Lounge“ S tabilität bieten. 

Neue Kontakt- und Begegnungsstätte 

Hilfe für Suchtkranke: „Hier wird keiner nach seinem Namen gefragt“

Sie suchen Halt, Stabilität und Motivation, ihre Krankheit zu überwinden. Suchtkranke Menschen haben in Holzkirchen eine neue Anlaufstation: Die „Anthojo-Lounge“ in der Münchner Straße.       

Holzkirchen – Die Räume in der Münchner Straße wirken hell und freundlich. Eine große Küche steht darin, in der Mitte ein langer Holztisch. Dort sitzt Klaus Gebel und erzählt seine Geschichte. Wie er 1979 obdachlos wurde und per Anhalter durch ganz Deutschland fuhr, um Arbeit zu bekommen. Dass er all die guten Rastplätze entlang der Autobahnen kannte, wo man kostenlos duschen konnte. Zur Obdachlosigkeit kam die Alkoholsucht, Gebel schien gefangen in einem teuflischen Kreislauf.

Doch das ist Vergangenheit. Seit dem 21. Januar 2015 hat er keinen Tropfen Alkohol mehr angerührt. Das Datum hat er genau im Kopf. „Es erinnert mich daran, dass ich den Absprung geschafft habe“, sagt Gebel heute. 

Das bewährte Konzept kommt jetzt auch nach Holzkirchen

Neben ihm am Tisch sitzen Antje Wolf und Eva Björk. Sie kennen Gebel, seitdem er vor über vier Jahren in die „Anthojo-Lounge“ in Traunstein kam. Die dortige Anlaufstelle für Suchtkranke gründeten Wolf und Björk bereits 2013. Nun bringen die beiden Sozialpädagoginnen das Konzept auch nach Holzkirchen.

Für die Marktgemeinde sprach die Nähe zu München und die gute Erreichbarkeit, sagt Björk. „Wir bieten einen niedrigschwelligen, anonymen und unverbindlichen Zugang für die suchtkranken Menschen“, betont Wolf. Angesprochen sind Menschen mit den unterschiedlichsten Süchten. Die meisten Klienten, wie Wolf die Besucher der Kontakt- und Begegnungsstätte nennt, sind alkoholabhängig.

So wie Klaus Gebel es lange war. Seinen Ausstieg aus der Abhängigkeit begann der Elektroinstallateur, als er noch in einem Männerwohnheim in Gelbersdorf (Landkreis Freising) wohnte. Als er eines Morgens seine Mitbewohner sah, die nach durchzechter Nacht in einem schlechten Zustand waren, fasste er einen Entschluss: „Ich habe mir gesagt, so will ich nicht mehr sein.“

Plötzlich kam der Suchtdruck zurück

Er rührte keinen Alkohol mehr an. Das funktionierte ein paar Monate gut, dann kam der Suchtdruck zurück. Gebel holte sich Hilfe, besuchte eine Suchtklinik und kam nach Siegsdorf (Landkreis Traunstein). Von dort aus entdeckte er die „Anthojo-Lounge“.

Angebote wie eine Alpenüberquerung oder gemeinsame Stunden in der Lounge taten ihm gut – und ordneten seinen Alltag. Auch die Holzkirchner Lounge soll ein Ort werden, der Stabilität bietet. „Wir kochen zusammen und schaffen Struktur im Leben“, erklärt Wolf. Ziel sei, die Menschen „zeitnah weiterzuvermitteln“.

„Zu uns kann man auch nass kommen“

Was nötig ist, hängt dabei vom Besucher selbst ab. Für die einen sei ein Klinikaufenthalt, für die anderen ein Platz in einer Fachambulanz. Manche Besucher bräuchten einfach einen geschützten Rahmen, etwa nach einem Rückfall. Niemand werde nach seinem Namen gefragt und keiner zu etwas gezwungen. „Zu uns kann man auch nass kommen“, sagt Wolf, sprich: alkoholisiert. Man versuche dann aber Absprachen zu treffen, etwa: „Komm doch morgen mal mit weniger Alkohol.“ Und Wolf fügt an: „Unsere Aufgabe ist es, Geduld zu zeigen.“

Suchterkrankungen aus der Tabuzone holen

Ein niedrigschwelliges Angebot, wie es die Anthojo Kontakt- und Begegnungsstätte bereithält, findet auch Thomas Ehring von der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München sinnvoll. „Für viele Menschen ist es wichtig, vor einer Therapie erst einmal ein Motivationsangebot zu bekommen“, erklärt der Psychologieprofessor. Es sei richtig, dass man Suchterkrankungen in die Mitte der Gesellschaft hole und so weniger zum Tabu mache. Professor Michael Landgrebe sieht das ähnlich. Anthojos Angebot sei zu begrüßen, sagt der Chefarzt der Klinik Agatharied. Denn Patienten seien nur kurze Zeit in der Klinik. „Danach werden sie durch solche Begegnungsstätten aufgefangen.“ Da gerade im ländlichen Bereich der Alkohol ein Hauptthema sei, brauche es solche Angebote.

ANDREAS WOLKENSTEIN

Welche auch strafrechtlichen Folgen übermäßiger Alkohol-Konsum haben kann, zeigt dieses Beispiel aus dem Landkreis. 

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