Dirk Kreder Virologe und Immunologe aus Holzkirchen
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Dirk Kreder Virologe und Immunologe aus Holzkirchen

Dirk Kreder wagt mit polnischer Firma den Schritt

Holzkirchner steigt in Corona-Impfstoffproduktion ein: „Ein langer und steiniger Weg“

Weltweit ringen die Staaten um Corona-Impfstoff. Dirk Kreder aus Holzkirchen will mit einer Firma in Polen in die Produktion der Vakzine einsteigen.

Holzkirchen – Mit seiner Arbeit hängt er direkt am Puls der Zeit: Dirk Kreder (54) aus Holzkirchen ist Geschäftsführer des polnischen und an der Warschauer Börse notierten Biotechnologie-Unternehmens Mabion S.A. Die Firma, die rund 220 Mitarbeiter beschäftigt, steigt in die Produktion des Covid-Impfstoffs des US-Pharmakonzerns Novavax ein. Im Gespräch erklärt der Virologe, wie er die derzeitigen Impfaktionen einschätzt und warum ihm als FDP-Gemeinderat das Herz blutet.

Herr Kreder, haben Sie sich schon gegen Corona impfen lassen?

Noch nicht. Ich war im Oktober 2020 selbst an Corona erkrankt. Dennoch sehe ich kein Problem darin, mich impfen zu lassen, vor allem weil die Immunantwort bei einer Impfung etwas anders ausfällt als nach der Überwindung der Erkrankung. Ich lasse mich auf jeden Fall impfen, sobald das möglich ist.

Und welchen Impfstoff hätten Sie gerne?

Natürlich den besten! Und das ist der, der von der EMA (Europäische Arzneimittelagentur) zugelassen wurde und gerade verfügbar ist. Allerdings stehe ich den Impfstoffen Sputnik V aus Russland und Sinovac aus China skeptisch gegenüber. Das sind in meinen Augen politische Produkte, die auch so eingesetzt werden. Die Datenlage bei Sputnik V zum Beispiel ist auffällig und möglicherweise unrealistisch gut.

Was sagen Sie zu den Achterbahnfahrten rund um Astrazeneca?

Das war ein unprofessionelles PR-Debakel der ersten Kategorie. Da wurden einige nicht ihrer Verantwortung gerecht, ausgehend von überstürzten Entscheidungen in den Ländern bis hin zu nationalen Behörden. Die EMA hat sich aber klar dazu geäußert und noch einmal bestätigt, dass der Nutzen das Risiko bei Weitem überwiegt. Ich persönlich würde das „Risiko“ sofort eingehen und mich damit impfen lassen. Die aufgetretenen Komplikationen sind unschön, aber in ihrer Zahl akzeptabel nach heutigem Wissen.

Mit welchen Argumenten würden Sie Impfgegner überzeugen?

Ich würde ihnen sagen wollen, dass die Impfkomplikationen bei Astrazeneca und anderen Impfstoffen extrem selten sind, wenige Dutzend bei mittlerweile 30 Millionen verabreichten Dosen. Dagegen ist die Effizienz aller bisher zugelassenen Covid-Impfstoffe in Bezug auf Hospitalisierung und Tod sage und schreibe 100 Prozent. Was das Risikoempfinden angeht: Viele Urlauber lassen sich, ohne mit der Wimper zu zucken, für ein paar Wochen Sonne und Thailand-Urlaub eine Vierfach-Impfung verpassen, die natürlich auch ein Restrisiko beinhaltet. Da wird in meinen Augen mit zweierlei Maß gemessen.

Welchen Impfstoff wird Ihr Unternehmen in Polen herstellen?

Den Impfstoff des US-amerikanischen Herstellers Novavax, für den in den USA und Europa ungefähr Mitte des Jahres eine Zulassung erwartet wird. Das ist ein klassischer biotechnologisch hergestellter, protein-basierter Impfstoff. Unsere Firma – die eigentlich Biosimilar-Produkte entwickelt und herstellt – hat für ungefähr die kommenden zwei Jahre Kapazitäten verfügbar und baut diese parallel weiter aus. Wir peilen an, im Herbst 2021 mit der Corona-Impfstoff-Produktion zu starten.

Gibt es denn Zweifel am Startschuss?

Generell hängt das von den Rohmaterialien ab, die für die Herstellung und Aufreinigung notwendig sind, und die sind im Moment extrem knapp. Alle Hersteller konkurrieren um dieselben begrenzten Ressourcen, und da stehen wir in Konkurrenz mit globalen Firmen wie Pfizer, Astrazeneca, Novartis und so weiter. Außerdem muss unser Partner Novavax noch das Zulassungsverfahren erfolgreich abschließen.

Als Laie fragt man sich, warum das generell nicht schneller geht mit den Impfstoffen.

Zum einen dauert es, bis neue Anlagen in Betrieb gehen können. Sie müssen von Gesundheitsbehörden auditiert und abgenommen werden. Allein der Technologietransfer – bei dem Informationen ausgetauscht und Methoden etabliert werden – dauert im Schnellverfahren vier bis sechs Monate. Der eigentliche Herstellungsprozess nimmt ebenfalls Zeit in Anspruch, bis zur Auslieferung einer Charge kann es gut acht Wochen dauern. Aus diesem Grund würden auch Zwangslizenzen ins Leere laufen. Nach meiner Einschätzung wird von den Unternehmen getan, was machbar ist.

Dank Ihrer Arbeit sind Sie ja direkt am Puls der Zeit. Ein tolles Gefühl?

Es ist schon spannend. Und wenn wir es dann geschafft haben, werden wir einen Grund haben, zu feiern. Bis dahin wird es aber sicherlich noch ein langer und steiniger Weg. Wissenschaft eben.

In der öffentlichen Diskussion sind derzeit Privilegien für Geimpfte im Gespräch. Halten Sie das für sinnvoll?

Zwei Wochen nach der zweiten Impfung ist die Wahrscheinlichkeit, dass man die Krankheit noch übertragen kann, sehr gering. Aus virologischer Sicht gibt es für mich also spätestens dann keine guten Argumente, warum man als Geimpfter nicht wieder seine Grundrechte wahrnehmen kann. Und als Liberaler fallen mir noch weniger Argumente ein, warum das Einkassieren der meisten Grundrechte auf Dauer akzeptabel sein sollte. Privilegien sind auch das falsche Wort dafür. Es handelt sich um Grundrechte, die temporär ausgesetzt sind.

Gerade Selbstständige treffen die Corona-Einschränkungen oft hart. Rebelliert hier der FDPler in Ihnen?

Mir blutet das Herz, wenn ich an die Einzelhändler und Gastronomen in Holzkirchen und im Landkreis denke. Ich bin überzeugt, mit den richtigen Maßnahmen – Testen und digitale Nachverfolgung – kann und muss man zaghafte Öffnungsschritte wagen. Daher würde ich den Landkreis auch gerne als Modellregion für Lockerungen sehen, und möchte mich gerne in der Marktgemeinde und im Landkreis dafür einsetzen.

Wird dank der Impfungen das Gros der Pandemie bis Ende des Jahres überwunden sein?

Ich denke ja. Bis Ende 2021 wird aus der pandemischen Situation eine endemische werden. Das heißt, dass es dann immer wieder kleinere Ausbruchsherde geben wird, vor allem unter Nicht-Geimpften. Aus diesem Pool dürften sich dann – ähnlich wie bei der Grippe – neue Varianten bilden. Das bedeutet: Wir müssen uns wahrscheinlich mehr oder weniger regelmäßig aufs Neue gegen Corona impfen lassen.

Das Gespräch führte Marlene Kadach.

Noch bevor es eine Bürgerbefragung zur Holzkirchner Südumfahrung gibt, will die Grünen-Fraktion einen Runden Tisch zusammenstellen. Dort sollen Gegner und Befürworter die Details der Befragung klären können.

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