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Familienvater starb bei Unfall: Ein Jahr voll Trauer und Hoffnung - „Davonlaufen bringt nichts“

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Von: Andreas Höger

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Das Lächeln ist zurück: Caroline Göbel und ihre Kinder (v.l.) Marina, Leonhard und Daniel müssen seit dem tödlichen Verkehrsunfall ihres Lebensgefährten und Vaters vor einem Jahr alleine zurechtkommen. Eine große Hilfe dabei, sagt die 42-Jährige, waren die großzügigen Spenden und die Hilfsbereitschaft vieler Menschen.
Das Lächeln ist zurück: Caroline Göbel und ihre Kinder (v.l.) Marina, Leonhard und Daniel müssen seit dem tödlichen Verkehrsunfall ihres Lebensgefährten und Vaters vor einem Jahr alleine zurechtkommen. Eine große Hilfe dabei, sagt die 42-Jährige, waren die großzügigen Spenden und die Hilfsbereitschaft vieler Menschen. © privat

Für Caro Göbel (42) brach im März 2021 eine Welt zusammen. Ihr Partner starb bei einem Unfall. Der Schock und die Sorge um die Kinder waren groß. Ein Jahr später blickt sie zurück.

Holzkirchen – Ein Jahr ist es her, als Caro Göbels (42) kleine Welt zusammenstürzte. Ihr Lebensgefährte Andreas Klupak war auf dem Heimweg gewesen von der Arbeit in Warngau nach Holzkirchen, als bei Marschall ein Pritschenwagen seinen Roller rammte. Der 43-jährige war zur falschen Sekunde am falschen Ort. Der Familienvater starb, ebenso wie der Fahrer des Pritschenwagens, noch an der Unfallstelle.

Von jetzt auf hier war Caro Göbel allein. Allein mit drei Kindern, der kleine Sohn erst sieben Monate alt. Allein mit ihrem Schmerz und der Sorge, wie es weitergeht. 18 Jahre war ihr Freund an ihrer Seite gewesen. Für unser Glück, hatte er immer gesagt, brauchen wir keine Hochzeit. Doch jetzt gab es niemand, der als Hauptverdiener die Familie trägt. Was wird mit dem Studium des älteren Sohns, wie reagiert die elfjährige Tochter?

Freunde organisierten spontan eine Spendenaktion. Und Caro Göbel entschied, sich nicht in ihre Situation zu verkriechen, sondern das Angebot des Holzkirchner Merkur zu nutzen und zu erzählen, was dieser Schicksalsschlag mit ihr macht und dass sie Hilfe braucht. Drei Wochen später hatten Freunde und viele Leser 90 000 Euro gespendet. Ein Jahr ist vergangen, am Telefon meldet sich eine Caro Göbel, die wieder Tritt gefasst hat im Leben. „Ich bin vielen Menschen so dankbar“, sagt sie im Gespräch immer wieder. Und sie will anderen helfen, die ein ähnliches Schicksal traf.

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Familienvater stirbt bei Unfall: Holzkirchnerin berichtet, wie es ihr heute geht

Frau Göbel, vor wenigen Tagen jährte sich der Unfalltod ihres Lebensgefährten zum ersten Mal. Wie haben Sie sich darauf vorbereitet?

Caro Göbel: Ich hatte Angst, mir ging’s miserabel. Auf keinen Fall wollte ich zuhause sein. Eigentlich war ich davor ganz stabil, im Vorfeld des Jahrtags habe ich aber wieder Kraft verloren.

Wie haben Sie den Tag verbracht?

Caro Göbel: Wir sind rausgefahren nach Marschall, wo’s passiert ist. Alle drei Kinder waren dabei, wir haben Rosen ans Kreuz gelegt. Für mich megaschwer, weil ich das Gefühl habe, er ist dort irgendwie noch vorhanden. Mit Friedhof kann ich nichts anfangen, aber dort spüre ich ihn. Deswegen bin ich nicht unbedingt sehr gern dort.

Sie spüren ihren Lebensgefährten, sind aber nicht gerne dort?

Caro Göbel: Klingt wie ein Widerspruch, aber so ist es. Ich bin niemand, der mit Toten spricht. Aber wenn ich dort bin, erzähle ich ihm Dinge, die mir wichtig sind. Danach spüre ich, da ist er, ich kann ihn aber nicht mit nach Hause nehmen. Das ist so schlimm, das tut mir so weh. Am Jahrtag selber hat uns eine Anwohnerin im Feld stehen sehen, die war damals Ersthelferin. Sie kam spontan und hat uns erzählt, wie sie um das Leben meines Freundes gekämpft hat. Eine schöne Begegnung.

Nach Unfalltod des Freundes: Holzkirchnerin berichtet, wie sie aus dem Tal der Trauer herausfand

Kurz nach dem Unglück schrieb Ihnen eine Leserin, die Ähnliches erlebt hatte, Sie sollten nichts überstürzen, nach vorne schauen, sich Zeit geben. Konnten sie den Rat befolgen?

Caro Göbel: Tatsächlich habe ich darüber oft nachgedacht. Der Gedanke, vor allem fliehen zu müssen, nur weg – der ist falsch. Das Gartentor, durch das mein Freund ging, durch das geht jetzt unser kleiner Sohn. Der schmerzliche Stich wird durch ein schönes Bild überschrieben. Davonlaufen bringt nichts. Man darf der Trauer auch nachgeben, zwei Tage da sitzen und weinen. Das darf man.

Was hat Ihnen geholfen, aus dem Tal der Trauer herauszufinden?

Caro Göbel: Zwei Therapeutinnen waren an meiner Seite, die haben mich bestärkt, Gefühle zuzulassen. Und es hilft zu wissen, dass viele andere eine ähnliche Situation durchgemacht haben. Das Leben geht weiter, es wird wieder normaler. Auch andere haben erlebt, wie ihnen der Boden unter den Füßen weggezogen wurde. Sie haben’s geschafft, also schaffe ich’s auch.

Wie stellt sich Ihre wirtschaftliche Situation dar?

Caro Göbel: Ich bin als Party-Managerin für Tupperware aktiv, im Herbst starte ich als Steuerfachgehilfin. Zwei Drittel des Spendengelds ist noch da. Das war eine Riesenerleichterung, es hat mir die Luft zum Atmen verschafft. Ich nutze es für Miete, laufende Kosten und als eiserne Reserve, etwa für einen kleinen Familienurlaub. Es soll nach Italien gehen, wo wir früher waren. Das erste Mal ohne ihn.

Wäre es nicht entspannter, woanders hinzufahren, wo die Trauer nicht allgegenwärtig ist?

Caro Göbel: Ich habe gelernt, dass das sein muss. Erinnerung ist okay, aber es geht weiter, es beginnt was Neues. Es ist ein Wunsch auch meiner Tochter, sie braucht das. Ich traue mir zu, das auszuhalten. Er wird unter uns sein, nur halt unsichtbar.

Holzkirchnerin verliert Freund bei Unfall - und teilt ihre Erfahrungen

Welche Erfahrungen würden Sie selber an Menschen weitergeben, die ein ähnliches Schicksal trifft?

Caro Göbel: Lasst euch helfen. Nehmt die Hilfe und die Solidarität an, lasst sie zu. Kapselt euch nicht ab. Die Leute machen das gerne. Jemand hat mir gesagt, „Geben Sie’s zurück, wenn Sie es wollen und es können“. Ein schöner Gedanke, der mir geholfen hat.

Der Schritt, die Öffentlichkeit zu suchen, war tapfer. Die richtige Entscheidung?

Caro Göbel: Für mich ja. Es hat Überwindung gekostet. Aber in der Folge, durch die Spenden und die Hilfsbereitschaft vieler Menschen, habe ich für meine Familie Zeit und Lebensfreude gewonnen. Wirtschaftliche Sorgen konnte ich ausblenden.

Wie oft denken Sie an diesen 29. März 2021?

Caro Göbel: Er kommt immer wieder, aber ich kann’s immer besser verarbeiten. Es ist an einem Montag passiert, anfangs war jeder Montag schlimm. Montage habe ich gehasst. Heute ist das vorbei. Jetzt ist auch der Jahrtag geschafft.

Trotz aller Hilfsbereitschaft: Wann hatten Sie das Gefühl, jetzt muss ich es alleine schaffen?

Caro Göbel: So nach zehn Wochen brauchte ich einen Schnitt. Die Hilfen waren nett gemeint, aber da habe ich dann mal die Türen zugemacht. Drei Kinder, davon zwei zu Hause. Die brauchen mich, es ist eine schöne Aufgabe. Ich gebe zu, es gibt Dinge, die stressen mich. Multitasking funktioniert noch nicht. Prasseln mehrere Dinge gleichzeitig auf mich ein, reagiere ich ungerecht und gereizt.

Im Gespräch fiel auf, dass Sie nach traurigen Gedanken gleich wieder auf Positives schwenkten.

Caro Göbel: Das trifft mein Jahr ganz gut. Etwas unendlich Schmerzliches ist passiert, und ich durfte wundervolle Erfahrungen sammeln. Ein schreckliches und schönes Jahr.

Wie es Caro Göbel vor einem Jahr ging, lesen Sie hier. Noch mehr aktuelle Nachrichten aus dem Landkreis Miesbach, Holzkirchen und der Tegernsee-Region finden Sie auf Merkur.de/Holzkirchen.

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