+
Makler-Urgestein: Petra Mai kommt gebürtig von der Ostsee. Seit 40 Jahren arbeitet sie als Maklerin, zunächst in München, seit über drei Jahrzehnten in Holzkirchen.

Mit 78 noch im Geschäft

Holzkirchens älteste Maklerin im Interview: „Die heile Welt ist vorbei“

  • schließen

Seit 35 Jahren bringt Petra Mai Mieter und Vermieter zusammen. Im Interview spricht das Makler-Urgestein aus Holzkirchen über die Entwicklung des Immobilienmarktes und die Ursachen.

Holzkirchen – Petra Mai bittet zum Gespräch in ihr Büro. Ein schwerer, auf Hochglanz polierter Holzschreibtisch, stapelweise Unterlagen. In der Ecke steht ein Anrufbeantworter, der während des Interviews mehrmals anspringt. Am anderen Ende der Leitung: Mais Kunden. Vermieter, Hausbesitzer, potenzielle Mieter, die in Holzkirchen nach Wohnraum suchen. Die Marktgemeinde ist ihr Revier. Auf dem örtlichen Immobilienmarkt kennt sich Mai aus wie kaum jemand sonst. Seit 35 Jahren bringt sie Mieter und Vermieter zusammen, vermarktet, vermittelt, verkauft. Mit ihren 78 Jahren ist sie die älteste Maklerin im Ort. Oder wie sie es ausdrückt: „Ich bin die älteste Hirschkuh hier.“ Ein Gespräch über den Wandel des Mietmarkts, das Ende der Preisspirale und den Ärger, den Makler mit zu teuren Objekten haben.

-Frau Mai, erinnern Sie sich noch an die erste Immobilie, die Sie hier vermarktet haben?

Ja, natürlich. Das war ein wunderschönes altes Haus aus der Gründerzeit direkt gegenüber vom Bahnhof, mit mehreren Wohnungen zwischen 50 und 100 Quadratmetern.

-Wie schnell wären Sie die Wohnungen heute los?

(schnippt mit den Fingern)

-Und die Mieten?

Die Mieten haben 1996 einen Höhepunkt erreicht. Von da an habe ich mit dieser Miethöhe gearbeitet. Bis vor einigen Jahren. Dann kamen Münchner Makler und haben den Vermietern hier draußen gesagt: Ich könnt viel mehr nehmen, ihr seid ja viel zu billig. Plötzlich haben die Vermieter immer mehr gewollt.

-Neben den Maklern von außerhalb: Was hat die Mieten derart in die Höhe getrieben?

Der Aktien-Crash 2001. Die Banken haben den Bauträgern kein Geld mehr gegeben, bis circa 2008. In dieser Zeit wurde wenig gebaut, die Gemeinden haben fast gar nicht gebaut. Das Geld war einfach zu teuer. Dadurch ist ein großer Wohnungsmangel entstanden. Ab 2009 ging es dank der Niedrig-Zins-Phase wieder aufwärts. Die Bauträger haben wieder Geld gekriegt. Und in dieser Situation, niedrige Zinsen und neue Bauten, wollten die Leute ihr Geld loswerden. Die Bauträger konnten zu einem Wahnsinnspreis verkaufen. Entsprechend haben die Kapitalanleger die Mieten hochgesetzt. Das ist eine Leiter, die entstanden ist. Der Markt hat’s hergegeben.

-Also sind die aktuellen Preise nichts, was langsam aus München heraus schwappt, sondern vielmehr die Folge einer jahrzehntelangen Entwicklung.

Genau, das ging 2008 los. Jetzt sind wir am Deckel angekommen. Die Leute sind nicht mehr bereit, jeden Preis zu zahlen. Sie fangen an, zu handeln. Das gab es davor nicht. Da wurde bezahlt, um das Kaufobjekt zu kriegen. Fertig.

-Aktuell geht in der Maitz ein Quadratmeter Baugrund für kolportiert 1600 Euro über den Tisch. Da ist ja noch kein Stein verbaut.

(schüttelt den Kopf) Das ist nun mal Angebot und Nachfrage. Aber die Welt wird auch nicht größer. Ich denke an zwei Neubauten hier in Holzkirchen. Da wurde den Kapitalanlegern gesagt, sie können es für 13,50 Euro, 14,50 Euro leicht vermieten. Wenig später klingelt bei mir das Telefon, und die Leute fragen mich: Warum ist die Vermietung so schwer und zögerlich?

-Wie reagieren Interessenten, wenn Sie ihnen Wohnungen für 13,50 Euro kalt zeigen?

Ach, die kriege ich ganz schwer weg. Realistisch sind etwa 12 Euro. Sie müssen sich vorstellen: Wer aus München raus zieht, der will hierher, weil es billiger ist. Also zahlt er doch nicht so viel und hat noch den Nachteil der weiteren Anfahrt zum Arbeitsplatz. Irgendwo ist ein Punkt erreicht. Ich bin gespannt, wo das endet.

-Wo dreht sich diese Spirale noch hin?

Wie gesagt: Wir sind am Deckel angekommen. Die Leute verdienen ja auch gar nicht mehr. Wie sollen die das denn bezahlen.

-Welche Kunden kommen denn derzeit auf Sie zu? Sind da überhaupt noch junge Familien dabei, die man ja auch als Gemeinde anlocken möchte?

Ja.

-Und die winken bei diesen Preisen nicht sofort ab?

Ich habe ja nur Objekte mit 12 Euro. Zuletzt habe ich ein Reihenmittelhaus mit 175 Quadratmetern für 1700 Euro vermarktet. Da fragten mich die Leute, wo denn der Haken sei.

-Wo ist der Haken?

Der Haken ist, dass das Haus eben schon 20 Jahre alt ist und dass der Vermieter auch nicht groß investieren will. Der sagt: Nehmt es so, wie es ist, meckert nicht rum, ich will auch nicht mehr Miete. Selbst da waren die Leute wählerisch.

- Bei diesen Konditionen?

Sie müssen sich mal vorstellen: Wer 1700 Euro Miete zahlt, was muss der verdienen? In welcher Position ist der? Der hat natürlich einen gewissen Anspruch.

-Können sich nur noch Reiche Holzkirchen leisten?

Nein, Mieten bei 12 Euro sind normal jetzt, darauf haben sich die Mieter auch eingestellt. Mich haben die Vermieter sowieso gebeten, Einheimische zu bevorzugen, das entspricht deren finanziellem Vermögen.

-Das sind doch aber Ausnahmen? Man hört doch ständig von exorbitanten Preisen auch hier.

Das ist alles überzogen. Alles was in den letzten Monaten durch meine Hände ging, war nicht teurer. Klar kommen Vermieter, die mir erzählen, dass sie 18 Euro kriegen – für Häuser, die es aber absolut nicht wert sind.

-Und wie hoch ist die Nachfrage tatsächlich?

Gewaltig. Wenn ich ein Objekt ins Internet setzte, bekomme ich in der ersten halben Stunde 50, 60 E-Mails.

-Der Preis-Deckel ist also erreicht. Ist eine entgegengesetzte Entwicklung absehbar?

Das ist wie 1996: Es geht nicht zurück, es pendelt sich jetzt auf diesem Niveau ein. Wenn nicht andere wieder dazwischenfunken. Ich habe gekämpft dafür, und auch die Vermieter haben gesagt: lieber langfristig zufriedene Mieter als Leute, die viel Geld bezahlen und ständig wechseln. Bei zu teuren Objekten gibt es nur Ärger.

-Sie machen den Wahnsinn also nicht mit?

Nein, das lehne ich ab. Ich beobachte das mit einer gewissen Grundgelassenheit.

-Und die beruht auf was?

Auf meinem Alter (lacht). Ich bin knapp 80, da kann man es gelassener angehen. Ich beobachte es von oben und denke mir: Die heile Welt ist vorbei.

-40 Jahre im Geschäft. Wie lange machen Sie noch?

So lange es mir der liebe Gott noch erlaubt. Ich habe es noch nicht satt, sondern im Gegenteil einen Riesenspaß daran. Es ist mein Lebenselixier.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Volkshochschulen vor Reform: Zusammenschlüsse noch dieses Jahr?
Die Volkshochschulen Gmund und Tegernseer Tal wachsen. Damit trotzen sie dem bayernweiten Trend. Dennoch stehen strukturelle Veränderungen an. Ziel ist eine stärkere …
Volkshochschulen vor Reform: Zusammenschlüsse noch dieses Jahr?
Beim Abbiegen auf B13 Gegenverkehr übersehen: Totalschaden an zwei Autos
Beim Abbiegen in den Gegenverkehr gerauscht ist ein 30-jähriger Pöckinger am Sonntagnachmittag auf der B13 zwischen Holzkirchen und Großhartpenning. Der Sachschaden ist …
Beim Abbiegen auf B13 Gegenverkehr übersehen: Totalschaden an zwei Autos
13 Ideen für eine bessere Zukunft: grün & erfolgreich
Wie klappt eine grüne Wirtschaft? Die Initiative „Anders wachsen“ hat beim „Markt der Ideen“ Ansätze gesammelt
13 Ideen für eine bessere Zukunft: grün & erfolgreich
A8: Lkw schlittert quer über Fahrbahn und zerdrückt mehrere Autos - Stau
Der schwere Unfall passierte am Samstagabend auf der A8 Richtung Weyarn: Ein Lkw-Fahrer konnte nicht mehr bremsen, zog nach links - und löste einen riesigen Unfall aus.
A8: Lkw schlittert quer über Fahrbahn und zerdrückt mehrere Autos - Stau

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.