Die Fahrt mit dem Ortsbus vom Holzkirchner Bahnhof über die Gewerbegebiete Ost und Nord wieder zurück zum Bahnhof soll künftig 23 Minuten dauern. Die Linie ist einer der beiden Pfeiler des neuen Systems.
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Der Holzkirchner Ortsbus soll auf Vordermann gebracht werden.

Flexibilität statt Linienverkehr

Holzkirchner Rufbus kommt auf Kurs - Experte soll befragt werden

  • VonKatrin Hager
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In Holzkirchen soll ein Rufbussystem den Ortsbus weitgehend ablösen. Der Gemeinderat hat nun die Ausschreibung auf Kurs gebracht.

Holzkirchen – Während die Neuausschreibung der Ortsbuslinie 1, die modifiziert fortgesetzt werden soll (wir berichteten), schon läuft, wie Standortförderin Eva-Maria Schmitz erklärte, stellt die Marktgemeinde für das geplante Rufbussystem noch die Weichen. Der Gemeinderat hat nun zwei wegweisende Beschlüsse für die Betreibersuche gefasst: Das Gremium hat die Betriebsparameter festgelegt und beschlossen, die Ausschreibung in Eigenregie durchzuführen und sich dafür vom Landkreis die Hoheit rückübertragen zu lassen. Das Ziel ist klar, wie Schmitz umriss: „Wir wollen den motorisierten Binnen-Individualverkehr reduzieren.“ Und verhindern, dass die Ortsbusse nur Luft herumkutschieren: „Wir hatten 15 Jahre lang ein System mit anfangs fünf Linien“, erinnerte Bürgermeister Christoph Schmid (CSU): „Das war ökonomisch wie ökologisch kein Erfolg.“

Hoheit zurückholen

Dass sich die Marktgemeinde für den Rufbus die Hoheit vom Landkreis zurückholen kann, macht Artikel 9 des bayerischen ÖPNV-Gesetzes möglich. Die Gemeinde sieht den geplanten Rufbus nicht als Konkurrenz zum Anruf-Sammeltaxi (AST) des Landkreises: Das AST diene als Zubringer zum ÖPNV und für den Gelegenheitsverkehr, führte Standortförderin Eva-Maria Schmitz aus. „Wir wollen mit dem On-Demand-System den Binnenverkehr reduzieren und klassische Ortsbuslinien ersetzen.“ Namentlich die Linien 4 und 5, die mit August 2022 auslaufen. Würde der Landkreis die Nachfolge mit der geplanten Modernisierung des AST für den Zeitraum Januar 2022 bis Ende Dezember 2023 ausschreiben, bezweifelt Bürgermeister Christoph Schmid (CSU), dass sich dabei in einem Aufwasch ein geeigneter Betreiber fürs Holzkirchner On-Demand-System finden könne, „weil er keine Investitionssicherheit hätte“ bei einem Betrieb über gerade mal eineindrittel Jahre.

Im Gemeinderat herrschte dazu Einigkeit. Die separate Ausschreibung schade dem Landkreis mit den Plänen für das AST nicht, merkte etwa Robert Wiechmann (Grüne) an. SPD-Fraktionssprecherin Elisabeth Dasch sah in der Ausschreibung in Eigenregie wie Birgt Eibl (FWG) einen guten Weg. Man „in eine Zwangsehe reingerutscht“, meinte CSU-Fraktionssprecher Sebastian Franz. Da man unterschiedliche Vorstellungen habe, sei es nur konsequent, sie auch wieder zu lösen.

Rahmen vorgeben

Dazu soll ein passgenaues Konzept vor Ort maßgeschneidert werden – als Modellprojekt für Holzkirchen, nicht als Blaupause für den ganzen Landkreis. Und in besser als bisher mit dem Ortsbus: bedarfsgerecht und mit breiterer Abdeckung, als es klassische Linien mit festen Abfahrtzeiten und Haltestellen vermögen. Die Betriebsparameter für den „Bedarfsverkehr“ hat der Gemeinderat in der Sitzung ebenfalls einstimmig abgesegnet. Vorbereitet hatten diese ein dreitägiger Workshop einer Arbeitsgruppe, beratend begleitet vom Fachbüro door2door.

Die beiden Sechssitzer, die für das On-Demand-System eingesetzt werden sollen, sollen montags bis donnerstags von 6 bis 20 Uhr, freitags von 6 bis 1 Uhr und samstags von 10 bis 1 Uhr das komplette Gebiet der Marktgemeinde abdecken – mit 1020 „virtuellen Haltestellen“, die der Rufbus nur auf Anfrage per App oder Telefon ansteuert. Die Flexibilität hat aber auch Nachteile: Wer den Rufbus bucht, muss gegebenenfalls eine Wartezeit bis zur Abfahrt und eine Umwegzeit in Kauf nehmen, wenn weitere Personen auf der Fahrt zusteigen. In den Betriebsparametern sind dafür maximal 60 Minuten Warte- und maximal 15 Minuten oder 75 Prozent Umwegzeit festgelegt. Die Flottengröße soll angepasst werden, sofern die Nachfrage die Erwartungen übersteigt; ein drittes Fahrzeug würde wohl bei mehr als 840 Buchungsanfragen pro Woche nötig. Für eine Fahrt werden pauschal zwei Euro fällig. Der runde Betrag soll der Fahrzeit zugute kommen: „damit der Bus fährt und nicht Wechselgeld rausgibt“, so Schmid. Die Bezahlung soll aus diesem Grund auch vorwiegend per App erfolgen, wobei es auch für Senioren ohne Smartphone eine Lösung geben wird.

Überprüfen lassen

Auf Antrag von Torsten Hensel (FWG), der sich nicht allein auf die Beratung von door2door als Anbieter von On-Demand-Systemen verlassen wollte, soll ein Experte das Konzept überprüfen. Der entsprechende Antrag, den Hensel schon Anfang März eingereicht hatte, setzte sich mit 14:7 durch. „Sollte die Expertise ergeben, das was Käse, dann werden wir nacharbeiten“, versprach Schmid. Hensel, der im Ausschuss noch gegen die Betriebsparameter gestimmt hatte, weil da sein Antrag noch nicht behandelt war, konnte damit gut leben. „Es waren die leeren Busse, die uns alle gestört haben. Künftig wird zumindest immer einer drin sitzen.“

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ag

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