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Sie waren einmal glücklich mit ihrem Geschäft: Heidi und Werner Hummelberger schließen im Juli die Tür zu ihrer Buchhandlung mit Papeterie in der Münchner Straße in Holzkirchen für immer.

Mehr als 100 Jahre nach der Eröffnung

Bei Hummelberger geht das Licht aus

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Holzkirchen - Das nächste Geschäft im Ortskern von Holzkirchen schließt: Heidi und Werner Hummelberger geben ihre Buch- und Schreibwarenhandlung auf. Und das nach 113 Jahren im Familienbesitz.

Im Kloster Weyarn fing die Liebe an. Die Liebe zum Oberland, zu seiner Landschaft, seinen Bewohnern. Sie ließ Karl Hummelberger seit seiner Schulzeit nicht mehr los. Selbst als er in der Schweiz mit Frau und zwei Kindern schon sesshaft geworden war, hatte die Liebe ihn immer noch fest im Griff. Unerfüllt. Bis der Buchbindermeister eines Tages in der Zeitung las, dass in Holzkirchen ein Schreibwarengeschäft samt Wohnhaus zu verkaufen war. 1903 war es, als er sich mit Familie im Oberland eine neue Existenz aufbaute. Heuer, im Juli, verschwindet nach 113 Jahren der Name Hummelberger an der Hauswand der Münchner Straße 12. Ur-Enkelin Heidi Hummelberger (49) und ihr Mann Werner (56) geben die Buchhandlung mit Papeterie auf, die mit den Jahren von 25 auf gut 80 Quadratmeter angewachsen ist. Der Räumungsverkauf beginnt am Montag, 20. Juni. 

Es ist die Konsequenz einer Entwicklung, die sich Heidi Hummelberger 1995, als sie das Geschäft von ihren Eltern übernommen hatte, nicht hätte vorstellen können, „dass die Kundenfrequenz einmal so zurückgeht“. Selbst vor sechs Jahren war die Welt zwischen Kochbüchern, Reiseführern, Glückwunschkarten und Schulheften noch in Ordnung. 90 Exemplare der Bild-Zeitung haben die Hummelberger da täglich verkauft. Heute bekommen sie neun Stück geliefert. An schlechten Tagen gehen selbst davon noch einige wieder zurück an den Großhändler. 

Früher, da habe das Geschäft die Familie gut ernährt, sagt die 49-Jährige, deren berufliches Ziel es nicht war, die Familientradition fortzusetzen. Doch dann ging eine Verkäuferin, sie sprang ein, blieb und übernahm schließlich die Buch- und Schreibwarenhandlung. Heute, sagt die gepflegte Blondine, stünden Aufwand und Ertrag in keinem Verhältnis. „Es gibt einfach keine Laufkundschaft mehr.“ Während sie das sagt, donnert draußen ein Lkw an dem alten Haus vorbei und macht eine Unterhaltung bei offener Tür für einen kurzen Moment fast unmöglich. 

Die Kunden sind abgewandert, steigen nun auch lieber ins Auto und fahren ins Einkaufszentrum HEP. Dorthin, wo sie alles an einem Platz finden, trockenen Fußes vom Auto zum Geschäft kommen und sich nicht zwischen Straße und Häuserwänden auf einem schmalen Gehweg an den vorbeifahrenden Autos und Lastern vorwärts tasten müssen. Bummeln ist anders. 

„Das HEP war unser Tod“, sagt Werner Hummelberger, der vormittags Kartograph bei der Stadt München ist und nachmittags mit seiner Frau das Geschäft führt. Hätten sie gewusst, dass das Einkaufsparadies an der Rosenheimer Straße so gut angenommen wird, hätten sie dort auch einen Laden gemietet. Aber: „Wir waren einfach nicht mutig genug“, sagt Heidi Hummelberger. Früher haben sie an guten Tagen wie den Markttagen zu fünft verkauft, heute steht sie oft alleine in ihrem Laden – ganz ohne Kunden. 

Nun reiht sich ihr Name ein in eine Liste mit Geschäften, die es in Holzkirchen rund um den Oskar-von-Miller-Platz einmal gab: Ella Young Fashion, Schuhlinse, Klangheimat, Juwelier Ernst. Die Schließungen seien für sie ein „richtiger Knackpunkt“ gewesen, sagt Heidi Hummelberger. In dieser Zeit sei auch bei ihnen der Entschluss gereift, die Tür, die sonst immer offen steht, nur noch einmal zu schließen.

 Für Heidi Hummelberger hat sich bereits eine neue aufgetan. Von der Selbstständigkeit geht es für sie direkt weiter als Angestellte in einem großen Holzkirchner Unternehmen. „Das war Bedingung für die Geschäftsaufgabe“, sagt sie. Ganz ohne Aufgabe wollte sie nicht dastehen. Und dann kam sie, die Chance für ein Leben danach. Es ist ein nahtloser Übergang, der ihr keine Zeit zum Nachdenken lässt. Das möchte die Mutter eines erwachsenen Sohnes nicht. Dann könnte der Abschied schmerzvoller werden, als er ohnehin schon ist.

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