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Viel ist nicht mehr übrig von der Holzkirchner Kirche St. Josef.

Abriss geht voran

St. Josef: Von Kirche ist nicht mehr viel übrig

Holzkirchen - Seit fast drei Jahren müssen die Gläubigen in Holzkirchen schon auf die katholische Pfarrkirche St. Josef verzichten. Nun ist die Lücke, die das marode Gotteshaus hinterlässt, auch sichtbar.

Normalerweise machen sie Industriebauten platt oder bekommen den Wandel in der Münchner Innenstadt mit, wo alte Wohnhäuser nobleren Komplexen Platz machen. Aber diese Baustelle in Holzkirchen ist anders. Hier weicht nicht eine Nudelfabrik der nächsten. Hier weicht ein marodes Gotteshaus einem neuen.

Das ist etwas anderes, sagt Manfred Bergmann. „Das Ordinariat wollte ein Unternehmen, das die Kirche nicht wegreißt, sondern zurückbaut“, erklärt er, „man muss hier mit Pietät ans Werk gehen.“ Sein Unternehmen kennt sich damit aus: St. Josef ist nach einer Kirche in Schwabing die zweite binnen zwei Jahren, die die Firma abträgt.

St. Josef in Holzkirchen - Fotos vom Abriss

St. Josef in Holzkirchen - Fotos vom Abriss

St. Josef Holzkirchen Abriss Fotos
St. Josef Holzkirchen Abriss Fotos
St. Josef Holzkirchen Abriss Fotos
St. Josef Holzkirchen Abriss Fotos
St. Josef in Holzkirchen - Fotos vom Abriss

Bei aller Pietät bleibt es freilich ein Abbruch – wenn auch ein behutsamer. Das hat auch ganz praktische Gründe. Schließlich muss die bisherige Kirche nach nur etwas mehr als 50 Jahren deshalb weichen, weil Baumängel zutage traten und die Statik nicht mehr trug. Wegen der Einsturzgefahr wurde sie im November 2011 gesperrt. Dass die Kirche nicht zu retten war, sieht Ludwig Dohmann jeden Tag aufs Neue. Der Ingenieur hat den Rückbau durchgeplant. Vor zwei Jahren hat er sich erstmals mit dem Projekt befasst. Und nun geht es rund auf der Baustelle.

Seit drei Wochen läuft der Rückbau, nachdem die Mayer’sche Hofkunstanstalt das große Glasfenster mit dem Lebensbaum von Künstler Karl Knappe aus der Fassade gehoben und ins erzbischöfliche Kunstdepot in Neumarkt-Sankt Veit transportiert hat (wir berichteten). Ob es im Neubau Wiederverwendung findet, ist offen, Dohmann hält das in der Praxis aber für schwierig. Das 200 Quadratmeter große, klaffende Loch in der Fassade wurde zunächst mit einer Folie verkleidet, „damit nicht der Mary-Poppins-Effekt eintritt und Teile wie ein Regenschirm davonfliegen“, so Dohmann.

In der ersten Woche wurde die Baustelle für schweres Gerät hergerichtet. Die Baustraße entstand aus den aufbereiteten Überresten einer Nudelfabrik. Der lehmige Boden war eine Herausforderung, und das wird er auch für den Neubau sein, sagt Dohmann. Deshalb wird der Untergrund der neuen Kirche später im CSV-Verfahren stabilisiert, bei dem stützende „Säulen“ aus Kalk und Zement in den Boden eingebohrt werden. Der Rückbau arbeitete sich von oben nach unten. Das große Kreuz auf dem Dach entschwebte am Kranausleger, der Abbruchgreifer am Arm eines Spezialbaggers hat das Blechdach knirschend heruntergebissen.

Die Kalksandstein-Wände wurden sternförmig abgetragen – wie beim Radmuttern-Anziehen am Auto im Wechsel auf gegenüberliegenden Seiten, damit das Gefüge stabiler bleibt, erklärt Bauleiter Huschke Hübner. Bis die Holztragkonstruktion, die einst das Zelt Gottes trug, nackt dastand. Der Bagger hat sie Balken für Balken abgetragen. „Dafür braucht es einen feinfühligen Maschinisten“, sagt Hübner, einen wie Antonio Menitti, der in Holzkirchen am langen Hebel saß.

Auch wenn der instabile Kirchenbau täglich Überraschungen bereithielt, die Entscheidungen forderten: Die Arbeiten gingen zügiger voran als gedacht. Der Spezialbagger wird am heutigen Donnerstag wieder abgezogen. Dann beginnt das Aufräumen der Überreste. „Während des Rückbaus kann man da ja niemanden hinlassen“, erklärt Dohmann. Als nächstes wird die Bodenplatte verschwinden. Und Mitte kommender Woche wird die alte Kirche Geschichte sein.

Den Baubeginn für die neue Kirche – einen Kegel des Münchner Architekten Eberhard Wimmer – wird das nicht beschleunigen. Ziel war es, den Altbau vor dem Winter zu beseitigen, damit er nicht unter Schneelast einbricht. 2015 soll der Neubau starten. Die Bauarbeiter und ihre Chefs begegnen stets zahlreichen Zaungäste. „Die Leute fragen viel“, sagt Dohmann. Viele schauten mit Wehmut zu, als der Baggerarm dem Altbau zuleibe rückte. „Hier haben sich viele Paare trauen lassen, Kinder wurden getauft“, weiß Bergmann, „und jeder sagt: in meiner Kirche.“

Von Katrin Hager

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