Miesbacherin Laura Killer mit Gastschüler Ricardo Moro.
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Schnell beobachten, langsam beurteilen: Das ist die Devise der Miesbacherin Laura Killer, die sich für die Austauschorganisation „Experiment“ engagiert und ihres Gastschülers Ricardo Moro, der zehn Monate in Deutschland bleiben will – auch im Fall eines Lockdowns.

Summer School und Parlamentarische Partnerschaft

„Wenn ein Lockdown kommt: Ich bleibe“ - Austauschprogramme im Landkreis im Fokus

  • Bettina Stuhlweißenburg
    VonBettina Stuhlweißenburg
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Andere Sichtweisen, gegenseitiges Verständnis: Das ist das Ziel interkultureller Austauschprogramme. Die meisten fanden zuletzt ein jähes Ende. Jetzt nehmen sie wieder Fahrt auf.

Miesbach/Holzkirchen – William Keel verfolgt aufmerksam, was in Deutschland passiert. „Ich schaue fast jeden Abend das Heute Journal mit Marietta Slomka und Claus Kleber. Wegen des Zeitunterschieds von sieben Stunden zwar später als die Deutschen, aber es funktioniert“, erzählt der in Lawrence/Kansas lebende Germanistik-Professor am Telefon.

Seit 1980 kommt Keel als Leiter der sogenannten Summer School der Kansas-University (KU) jedes Jahr im Sommer nach Holzkirchen. Das seit 1961 bestehende Programm findet in Zusammenarbeit mit der Volkshochschule, dem Holzkirchner Freundeskreis der Universität Kansas und dem Busunternehmen Bavaria Reisen Kriege statt. Es gibt jungen US-Amerikanern Gelegenheit, intensiv deutsch zu lernen und in die deutsche Kultur einzutauchen. Die Studenten leben in Gastfamilien – über die Jahre sind Freundschaften entstanden.

Wichtige Lektion: Alle Menschen sind gleich

Keel hat insgesamt 700 Studenten nach Deutschland begleitet – bis ihn die Corona-Pandemie 2020 erstmals ausbremste. „Ich bin sehr traurig. Ich habe noch immer einen Schrank mit Kleidung, Büchern und Unterlagen bei meinen langjährigen Gastgebern in Holzkirchen“, erzählt der 74-Jährige. 1967 kam er als junger Mann zum ersten Mal nach Deutschland. „Das hat mein Leben verändert.“

Bis dahin habe er alles aus der Perspektive Amerikas gesehen. Doch erst in der Begegnung mit einer fremden Kultur sei ihm das bewusst geworden: „Man lernt sich selbst kennen“, sagt Keel. Die wichtigste Lektion aber sei: „Dass wir Menschen alle gleich sind.“ Natürlich gebe es Konflikte zwischen den USA und Deutschland – nicht nur unter der Präsidentschaft Donald Trumps. „Aber das hat uns nie wirklich berührt“, sagt Keel. „Wir hatten zwar heftige Diskussionen, aber wir sind immer Freunde geblieben.“ Deshalb seien Austauschprogramme auch so wichtig.

William Keel leitet die Summer School.

Keel hofft, dass 2022 wieder eine Summer School in Holzkirchen möglich ist – auch wenn er selbst sie dann nicht mehr leitet. Seitdem er in Ruhestand ist, verantwortet Andrea Meyertholen – Professorin für deutsche Literatur an der KU – das Programm. „Sie hat noch bis Juni gehofft, dass 2021 eine Summer School möglich ist“, erzählt Keel. Er ist zuversichtlich, dass es irgendwann wieder weitergeht. „Wenn nicht nächstes Jahr, dann übernächstes.“

Schüleraustausch als Waffe gegen Rassismus

Die Miesbacherin Laura Killer engagiert sich für die gemeinnützige Austauschorganisation Experiment, seit sie als 17-Jährige ein Jahr in Portland /Oregon verbracht hatte. Killer hatte damals im Rahmen des Parlamentarischen Patenschaftsprogramms (PPP) des Bundestags und des US-Kongresses ein Stipendium erhalten. „Ich habe mich damals just for fun beworben und erst hinterher begriffen, dass das die Chance meines Lebens war“, sagt die 24-Jährige. Ein Schüleraustausch sei eine wertvolle interkulturelle Lernerfahrung und wirksam gegen Nationalismus und Rassismus.

Deshalb findet es Killer wichtig, der von Corona gebeutelten Austauschbranche wieder auf die Beine zu helfen – vor allem den gemeinnützigen Organisationen, die anders als gewerbliche kaum Rücklagen bilden dürfen. Sie unterstützt daher die Kampagne „Zurück in die Welt – Austausch zum Bildungsstandard machen“. Diese hat unter anderem zum Ziel, einen Förderfonds für Austauschprogramme einzurichten.

Vorzeitiges Ende eines Auslandsjahres

Das PPP 2021/2022 findet aktuell statt. Der Verein Experiment ist eine von mehreren gemeinnützigen Organisationen, die es im Auftrag des Bundestags durchführen. Killer sitzt in der Jury, die Bewerber auswählt. „Wir haben allerdings deutlich weniger Teilnehmer als früher.“ Hatte das Experiment im Jahr 2019 noch 2372 junge Menschen im Rahmen eines seiner sechs Programme – von PPP über „work & travel“ bis zum Freiwilligendienst – ins Ausland entsandt, waren es 2020 nur 698.

Alle PPP-Stipendiaten mussten 2020 das Programm vorzeitig beenden und in ihre Heimat zurückkehren, so hatten es Bundestag und Kongress beschlossen. „Bleiben konnten nur die Selbstzahler ohne Stipendium“, sagt Killer. „Sie haben den gesamten Lockdown mitgemacht, samt Home-Schooling und Kontaktbeschränkungen.“ Das sei zwar freilich nicht der Traum eines Austauschschülers, aber auch eine Chance, die Gastfamilie intensiver kennenzulernen.

Italienischer Schüler wagt Austauschjahr

Seit Kurzem hat Killer den 16-jährigen Ricardo Moro zu Gast. Er ist mit der Organisation „American Field Service“ (AFS) nach Deutschland gekommen, der Verein Experiment kümmert sich als Partnerorganisation um den jungen Mailänder. Killers Familie begleitet als sogenannte „Willkommensfamilie“ seine ersten zehn Tage in Deutschland. Moro hat kein Stipendium, er finanziert seinen Schüleraustausch aus eigener Tasche. Bereits in Italien hat er sich in einem Seminar auf seine Zeit in Deutschland vorbereitet. Vier Grundsätze wurden ihm dabei ans Herz gelegt: Erwarte das Unerwartete. Es gibt kein „richtig“ oder „falsch“, sondern nur ein „anders“. Lerne, aber belehre nicht. Beobachte schnell, aber beurteile langsam.

Viele Beobachtungen hat der junge Mann in der Kürze der Zeit noch nicht gemacht. Außer: „Die Deutschen sind umweltbewusster als die Italiener und legen Wert auf Bio-Essen.“ Moro wechselt nach seinem Aufenthalt in der „Willkommensfamilie“ in seine Gastfamilie in Starnberg. Dort wird er die kommenden zehn Monate leben und das Gymnasium besuchen – egal was die Pandemie bringt. „Auch wenn es wieder einen Lockdown gibt: Ich bleibe.“

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