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Zoten und Neurosen: Die Talkrunde auf der Bühne des Fools-Theaters – im Bild (v.l.) Alois Böhm als Ludwig Thoma, Cathrin Paul als Moderatorin und Henry Sepulveda als Karl May – gerät außer Rand und Band. 

Neuer Geniestreich von Gerhard Loew und dem Fools-Ensemble in Holzkirchen

Wenn Ludwig Thoma mit Lola Montez talkt

Die „Talkshow extra“ hat‘s in sich: Da trifft Karl May auf Ludwig Thoma und Lola Montez auf Sigmund Freud - eine Mischung mit Zündstoff. Und ein Geniestreich im neuen Theaterstück von Gerhard Loew und dem Fools-Ensemble in Holzkirchen. 

Holzkirchen – Man nehme vier Charakterköpfe ihrer Zeit samt Zoten und Neurosen, stecke sie ins heutige TV-Format zu einer Talkmasterin, lasse alle aufeinander los – und schon hat man eine Runde außer Rand und Band. Das Konzept von Autor Gerhard Loew ist in seinem neuen Stück „Talk extra“ voll aufgegangen. Bei der Premiere am Wochenende gab’s am Ende Begeisterungsstürme für das Fools-Ensemble des Freien Landestheaters Bayern unter der Regie des Theaterprofis.

Das Publikum geriet schnell außer Rand und Band: Es wurde so viel gelacht wie selten. Die Story an sich ist schnell erzählt: Der Fernsehsender „Kanal genial“ lädt in seine Talkshow mit dem Namen „Talk extra“ Gäste aus dem Jenseits zum Gespräch vor einem Millionenpublikum. Die Autoren Karl May und Ludwig Thoma, femme fatale Lola Montez und Psychologe Sigmund Freud sitzen auf blauen Sesseln. Was mit Fragen der Talkmasterin nach den kleinen und größeren Sünden ihres Daseins zu Lebzeiten beginnt, wird später noch viel tiefer blicken lassen.

Cathrin Paul spielt stilsicher und hingebungsvoll die Talkmasterin, die gestenreich ein virtuelles Millionenpublikum durch den Talk führt – stets bemüht, Skandale ihrer Talkgäste zu enthüllen. Ludwig Thoma, gespielt von Alois Böhm, tritt in Tracht und mit Pfeife auf die Bühne, als wäre er gerade der wohl bekanntesten Fotografie von ihm am Tegernsee entstiegen. Er lässt sich immer wieder von der missgelaunten, schnoddrigen Studioassistentin (Ulrike Jochem) mit Bier versorgen. Zynisch und bissig geraten seine Antworten und Kommentare.

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Karl May (Henry Sepulveda) sorgt mit sächsischem Dialekt für viele Lacher. Aussagen wie „Meine Bücher stehen ja noch heute in allen Regalen, davon tue ich aber heute nix mehr haben. Vorwärts immer, rückwärts nimmer“, verzückten das 90-köpfige Publikum.

Herrlich ist auch der Einsatz von Andrea Rosskopf als Lola Montez. Mit französischem Akzent und einer Flasche Champagner an ihrer Seite plaudert sie ungezwungen über die Männer in ihrem Leben. Als Geliebte König Ludwigs I. von Bayern spielte sie ihre Macht in Kombination mit ihren Verführungskünsten auch auf dem politischen Parkett aus.

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Sigmund Freud (Bernd Schmidt) verwirrt nicht nur die Talkmasterin mit seinen Schachtelsätzen und komplizierten Thesen über die Psyche des Menschen. „Die Frau ist ja ein Mann, nur halt ohne Penis. Ist ja klar, dass sie einen Penisneid hat“, konstatiert der Therapeut etwa. Von seinem Drogenproblem will er in der Show nichts wissen, kokst aber genüsslich vor laufenden Kameras: „Das ist ja ein Heilmittel.“ Die Talkmasterin versucht, den Faden nicht zu verlieren, aber spätestens als die Gäste aus dem Jenseits anfangen, sich untereinander zu kompromittieren, nimmt das Gesellschaftsspiel seinen Lauf.

Die Schauspieler bringen eine unglaubliche Leistung aufs Parkett. Das Tempo ist hoch, die Zeit vergeht wie im Flug. Keiner der Darsteller sitzt einfach nur rum, wenn die Talkmasterin sich im Gespräch einem anderen Gast widmet, stets gibt’s was zu sehen. Gesten werden zelebriert, jede kleinste Mimik zeigt, dass alle Darsteller mit ihren Rollen verschmelzen.

Theaterprofi Loew ist mit „Talk extra“ ein Geniestreich gelungen. Eine über die vollen 80 Minuten rasante, geistreiche Komödie mit vielen unerwarteten Wendungen.

Weitere Vorstellungen finden statt am 9., 10., 14., 23., 24., 28. und 31. März. Karten gibt es beim Kultur im Oberbräu.

Kathrin Suda

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