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„Er hat sich sensationell geschlagen“: Philipp Schmid (l.) nahm Chandrakanth Angannagari mit auf seine Reise nach Santiago de Compostela.

Pommes geben Energieschub

Mit dem Rad nach Santiago de Compostela

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Holzkirchen - Mit dem Rad strampelte Philipp Schmid von Holzkirchen bis nach Santiago de Compostela. Sein Tourenpartner Chandrakanth Angannagari war blutiger Anfänger war. 

Die Pommes geben den entscheidenden Energieschub. Die letzte Etappe steht an. „Wir hatten noch 117 Kilometer bis Santiago de Compostela zu überwinden“, erzählt Philipp Schmid. Er will eigentlich noch mal pausieren. Sein Partner Chandrakanth Angannagari treibt weiter. Die beiden kehren ein. Jeder verschlingt zwei Portionen Pommes, das viele Salz tut gut nach so viel Schweißarbeit. Schließlich steigen sie wieder aufs Mountainbike. Um 21.30 Uhr erreichen sie die Herberge in Santiago. „Es war ein unheimlich befreiendes Gefühl“, sagt Schmid. „Wir hätten am liebsten laut geschrien.“ Dabei ging es danach noch ein wenig weiter.

An diesem Punkt endete eine lange, beschwerliche Reise. 2300 Kilometer und 23 600 Höhenmeter hatten die beiden Holzkirchner da schon mit dem Rad zurückgelegt, auch auf dem Jakobsweg. Vier Wochen lang waren sie unterwegs, davon 23 Tage per Mountainbike. Unterschiedlicher hätten die beiden Partner nicht sein können. Schmid ist 64, Vater und Großvater, inzwischen Homöopath – früher war er Informatiker – und ein erfahrener Hase auf dem Bike. Angannagari ist 30 und ein blutiger Anfänger.

So kam es zu dem Trip: Der 30-Jährige stammt aus Hyderabad in Indien und arbeitet als Informatiker bei Hexal in Holzkirchen. Angannagari hörte bei Schmids Vortrag über dessen Alpentour zu. „Er war sofort begeistert und fragte mich, was man für so eine Tour braucht“, sagt Schmid. Dabei besaß er nicht mal ein Radl. Geschweige denn Erfahrung. Schmid beriet ihn beim Mountainbike-Kauf. Angannagari machte seine erste große Tour nach Basel. Knapp 500 Kilometer in vier Tagen. Nicht schlecht für einen Kaltstart. „Menschenskind, der wills wissen“, dachte sich Schmid. Der 30-Jährige wusste, dass Schmid eine Tour über den Jakobsweg ausheckt, wollte mit. Die beiden trainierten zusammen. Schließlich sagte Schmid ja. „Er hat sich sensationell geschlagen.“

Heuer am 28. August stiegen sie in Holzkirchen auf ihre Bikes. Mit dem Rad ging es über die Silvretta-Hochalpenstraße ins Montafon, hinüber in die Schweiz und durch die Alpen nach Genf. Das Rhonetal hinunter und das Ardèche-Tal hinauf fuhren sie über Toulouse nach San Sebastián. Dann führte sie der Camino del Norte am Atlantik entlang nach Santiago. Von dort radelten sie noch gut 100 Kilometer zum Kap Finisterre, dem „Ende der Erde.“ Als sie da so am Atlantik standen, New York irgendwo da draußen ahnend, gaben sie sich die Hand: „Da wussten wir: Wir haben es geschafft.“

Doch ganz einfach war das natürlich nicht. Im Süden kämpften sie mit 35 Grad Hitze, im Norden mit Regen, Gewittern, Windböen. Meistens übernachteten sie draußen in zwei Zweimannzelten. Sie ernährten sich hochkalorig – Pommes, Döner, Schinkennudeln plus Multivitamintabletten – und nahmen trotzdem ab. Mitten im französischen Zentralmassiv in den Cevennen klingelte Angannagaris Handy. Es war sein Büro. Weil Kollegen ausgefallen waren, sollte er seinen Urlaub verkürzen, von fünf auf vier Wochen. Das zwang sie dazu, alles zu straffen. Sie strampelten bis zum nächsten Bahnhof – und eilten mit dem Zug nach Toulouse und von dort per Bus nach San Sebastián. Hier startete der härteste Teil: der Camino del Norte. „Das war richtig grenzwertig“, sagt Schmid. Ständig ging es steil rauf und runter. 800 Kilometer lang. „Da hatten wir beide einen Durchhänger.“ Als es gar nicht mehr ging, fing Schmid an zu singen. „I am cycling in the rain“, dichtete er. Das half. So eine Tour schweißt Fremde zusammen. „Es entsteht ein Vertrauensverhältnis.“ Man habe nicht viel geredet. Aber viel durchgestanden. Zurück ging’s per Flugzeug.

Beim Jakobsweg ging es ihm nicht ums Pilgern, erklärt Schmid. „Ich habe ein Verlangen, an meine persönlichen Grenzen zu gehen.“ Und an geografische. Er radelte schon zum südlichsten Zipfel Italiens, ans Nordkap und jetzt ganz in den Westen Europas. Ganz in den Osten des Kontinents will er aber nicht. Wladiwostok wäre doch etwas zu weit mit dem Rad. „Mit 64 lasse ich es etwas ruhiger angehen.“

Einen Vortrag

über seine Reise ans „Ende der Erde“ hält Schmid am Dienstag, 31. Januar, im Rahmen der ADFC-Vortragsreihe. Beginn ist um 19.30 Uhr im Fools-Theater Holzkirchen. Der Eintritt kostet für Nicht-Mitglieder im ADFC fünf Euro, für Mitglieder die Hälfte.

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