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Weggefährten: 14 Jahre lang haben Irene Seuß und Inhaber Franz Singer in der Tankstelle in Marschall zusammen gearbeitet. Beide schmerzt der Abschied.

Tankstelle in Marschall wird abgerissen

Nach 40 Jahren: Beliebter Tankstellen-Inhaber aus Marschall hört auf

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Nach 40 Jahren hat Franz Singer seine Tankstelle zugesperrt. Ein Neubau ersetzt sie. Der 75-jährige geht in den Ruhestand. Der Ort verliert damit mehr als eine aus der Zeit gefallene Tanke.

Marschall – Die meisten Fotos sind schon weg. Weiße Rechtecke an der vergilbten Wand markieren die Stellen, wo sie hingen. Eines der Bilder zeigte eine Luftaufnahme der Tankstelle in Marschall kurz nach der Eröffnung Ende der 70er Jahre. Auch sonst ist der Verkaufsraum so gut wie leer geräumt. Im verbliebenen Regal neben der Kasse stehen noch drei Flaschen Frostschutzmittel und ein Dutzend Öl-Kanister. Im Kühlschrank gegenüber frieren ein paar einsame Getränke. Cola, Piccolo, Bier. Draußen, auf der B 318, rauschen die Autos vorbei ins Tegernseer Tal. Zum Tanken hält keiner mehr an. Die Zapfsäulen sind versiegt. Auf ihren Displays steht „Aus“.

Ende April hat Franz Singer, 40 Jahre lang Inhaber der Tankstelle, zugesperrt. Der Pachtvertrag lief aus. Die Tankstelle wird abgerissen und neu hochgezogen. Der bisherige Eigentümer Süd Treibstoff hat an die niederbayerische Firma Maier Korduletsch verkauft, die einen zeitgemäßen Neubau (siehe unten) plant: Eine Shell-Tankstelle mit Bistro und frischen Backwaren – aber ohne Singer.

In dieser neuen, verlockend duftenden Tankstellen-Welt findet sich der 75-Jährige nicht wieder. Croissants aufbacken und Brezen schmieren? Singer winkt ab. „Dafür bin ich nicht geeignet.“ Er ist ein Tankstellen-Betreiber vom alten Schlag. Ein Schrauber. Seine Kfz-Werkstatt war seine Heimat. Die Hände ölverschmiert, den Mechaniker-Kittel trägt er noch immer, obwohl die Werkstatt schon zu hat. Die Tankstelle, verrät er, war zu Beginn eh nur Beiwerk: „Die Werkstatt war meine Einnahme-Quelle, verdient habe ich mit der Tankstelle damals nichts.“

An damals denkt Singer noch heute gerne zurück. Damals, als alles „nicht so hektisch war“. Für den Liter Benzin berechnete er seinen Kunden 65 Pfennig, für Diesel 50. Er stand selbst an der Zapfsäule, betankte die Autos, kontrollierte den Öl-Stand. Den Service gab’s bei Singer noch, sagt er, als die Platzhirschen namens Aral und Shell lange schon auf Selbstbedienung umgestellt hatten.

„Wir hatten viele Kunden, die extra deswegen zu uns gekommen sind“, erinnert sich Irene Seuß. 14 Jahre lang hat sie Singer als gute Seele an der Kasse unterstützt. Zeit für einen Ratsch war immer. Die Stammkundschaft, erzählt sie, kam oft gar nicht mit dem Auto, sondern zu Fuß auf einen Kaffee oder ein Bier vorbei.

So auch an diesem Tag, einem der letzten, die Singer und Seuß in „ihrer“ Tankstelle verbringen. „Seids ihr immer no do?“, fragt ein älterer Herr, der auf einmal im Hinterzimmer steht. Er setzt sich an den Holztisch, steckt sich eine Zigarette an, und die Drei ratschen. Über dies und das und jenen. Genauso schnell, wie er aufgetaucht war, verschwindet er wieder. Er müsse noch einkaufen.

Wegen Momenten wie diesen fällt Singer der Abschied schwer, „sehr sehr schwer“ sogar. Sie zeigen aber: Die Tankstelle an der B 318, zwischen Autobahn und Urlaubsregion, war mehr als eine aus der Zeit gefallene Tanke. Sie war seit jeher ein generationsübergreifender Anlaufpunkt. Die Kinder von damals, die sich vor 40 Jahren einen Lutscher geholt haben, tankten später mit ihrem ersten Auto bei Singer. Noch ein paar Jahre später nahmen sie ihrem eigenen Nachwuchs einen Lolli mit.

Das Glas mit den Lutschern steht noch im Verkaufsraum. Die Luftaufnahme seiner Tankstelle hat der „Franzä“, wie ihn seine Stammkunden nennen, mit heim genommen. Eine Erinnerung an ereignisreiche Jahrzehnte, die die Bagger überdauert, die bald anrollen.

Der Neubau

Das gelb-grüne Süd-Treibstoff-Schild an der Tankstelle in Marschall weicht einer gelb-roten Muschel. In den Neubau zieht eine Shell-Tankstelle ein, teilt Josef Bär, Prokurist bei der Maier Korduletsch Gruppe, mit. Der neue Eigentümer ist Markenpartner des niederländischen Mineralöl-Unternehmens. In Marschall entstehe eine moderne Tankstelle samt Bistro. Für Lastwagen werde eine eigene Spur zum Ad-Blue-Tanken angelegt. Der konkrete Zeitplan ist aber noch unklar. „Ich kann überhaupt noch nicht sagen, wann wir sie abreißen“, sagt Bär. Die Tankstelle in Marschall ist eine von sieben, die die Gruppe von Süd-Treibstoff-Tankstellen gekauft hat.

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fp

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