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Heiß begehrte Bauplätze in Holzkirchen: Für das Neubaugebiet Maitz  griffen Käufer tief in die Tasche. Der Siedlungsdruck ist groß. Holzkirchen wie Otterfing wachsen einwohnermäßig aber eher langsam.

Keine Explosionsgefahr

Nach Erdinger Wachstumsbremse: So gehen Holzkirchen und Otterfing mit dem Siedlungsdruck um

  • Andreas Höger
    vonAndreas Höger
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  • Florian Prommer
    Florian Prommer
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Die Metropolregion boomt. Jeder will hier wohnen, will hier arbeiten. Holzkirchen und Otterfing schwimmen auf dieser Welle, doch sie spüren auch die Kehrseite der Medaille. Braucht das Wachstum Grenzen?

Holzkirchen/Otterfing – Erdings Bürgermeister Max Gotz (CSU) schlägt Alarm. Das stetige Wachstum im Speckgürtel Münchens, verbunden mit hoher Fluktuation, setze seiner Stadt zu, klagt der Rathauschef (wir berichteten). Soziale Bindungen seien nicht mehr selbstverständlich, das Wachstum fördere die Entfremdung. „Identitätsstiftende Einrichtungen“, nicht zuletzt Vereinsstrukturen, müssten mit dem Bevölkerungswachstum Schritt halten können.Die Erdinger wollen deswegen entschlossen auf die Wachstumsbremse treten: Nur noch ein Prozent im Jahr, mehr nicht.

„Ja, Wachstum kann gefährlich werden“, sagt Otterfings Bürgermeister Jakob Eglseder (CSU). Der Siedlungsdruck werde größer. Schon 2007 zog die Gemeinde eine Haltelinie ein: Der damals beschlossene Ortsentwicklungsplan empfahl ein „gesundes Wachstum“ von ein bis zwei Prozent. „Tatsächlich sind wir unter einem Prozent geblieben“, sagt Eglseder, „die Gemeinde hat ihren dörflichen Charakter nicht verloren – bis jetzt.“

Zu verdanken sei das einer restriktiven Grundstückspolitik. „Die Gemeinde weist Bauland nur aus, wenn Einheimische maßgeblich daran beteiligt sind“, sagt Eglseder. Entstehen durch Neuausweisung mehrere Bauplätze, besteht das Rathaus darauf, dass ein deutlicher Anteil der Restfläche an andere Einheimische geht. „Allerdings setzt uns die EU bekanntlich Grenzen, was Einheimischenmodelle angeht.“ Die allgemeine Explosion der Grundstückspreise wirkt sich auch bei solchen gemeindlich geförderten Modellen aus: Unter 600 Euro darf die Gemeinde von Einheimischen nicht verlangen.

In der Nachbargemeinde träumen Häuslebauer von solchen Preisen. Ein Quadratmeter ging in der Maitz, am nördlichen Ortstrand von Holzkirchen, jüngst für 1600 Euro über den Tisch. Es ist das jüngste Wohngebiet, das die Gemeinde ausgewiesen hat und das die Einwohnerzahlen wachsen lassen wird. Wobei Bürgermeister Olaf von Löwis (CSU) ungern von „Wachstum“ spricht, wie er sagt. Besser: „mäßige Entwicklung“.

Denn von einem Turbowachstum, das der Marktgemeinde gerne unterstellt werde, sei man weit entfernt, wie Löwis betont. Zuletzt sank die Einwohnerzahl sogar. Eine Deckelung des Wachstums erachtet der Bürgermeister daher als nicht sinnvoll, weil „nicht notwendig“.

Beide Kommunen steigerten zuletzt die Zahl der Arbeitsplätze deutlich. Im Gewerbegebiet Otterfing sind alle Parzellen vergeben.

Gänzlich unbekannt ist die Idee einer Wachstums-Obergrenze in Holzkirchen nicht. Vor etlichen Jahren sei einmal vage diskutiert worden, im Jahr 2025 die 20 000-Einwohner-Grenze nicht überschreiten zu wollen. „Aber wenn es so weitergeht, können wir das gar nicht erreichen“, sagt Löwis. „und wollen wir auch gar nicht.“ Statt sich ein prozentuales Limit zu setzen, setzt die Marktgemeinde weiterhin auf ihren Kurs des „qualitativen Wachstums“. Sprich: Überlegt Baugebiete ausweisen, um bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Denn eines sei klar: „Beim Wohnraum haben wir Nachholbedarf.“

Für Holzkirchen wie für Otterfing gilt: „Explosionsgefahr“ besteht nicht, weil kaum Baugrund ausgewiesen wird. Das hat mit einer einfachen Rechnung zu tun. „Bei jeder Ausweisung muss der Gemeinderat kalkulieren, wie viel Geld die zusätzlich nötige Infrastruktur kostet – also etwa Kitas, Schulen, Straßen.“

Neben dem finanziellen Aspekt steht für Eglseder weit mehr auf dem Spiel. „Noch sind wir kein Schlafort“, sagt der Rathauschef, „aber ich spüre schon eine gewisse Verstädterung.“ Umso wichtiger sei es, den Vereinen Treffpunkte anzubieten. Eglseder beobachtet eine schleichende Entwicklung in die Individualität. „Ehrenamtliche zu finden, wird immer schwieriger.“ Man habe einen stressigen Job, oft eine Familie und Hobbys. Da bleibe keine Zeit mehr für Vereine, geschweige denn für Kommunalpolitik, fürchtet Eglseder. „Bin gespannt, wie viele Kandidaten sich für die Wahl 2020 aufstellen lassen.“

Gut möglich, dass es sogar mehr Kandidaten sein müssen als bisher. Otterfing nähert sich der 5000-Einwohner-Marke. Wird die überschritten, sind nicht mehr 16, sondern 20 Gemeinderäte zu wählen.

Wachstum in Zahlen

Otterfing: Von 2008 bis 2018 wuchs die Bevölkerung um etwa acht Prozent, von 4477 auf 4861 Bürger (plus 384). Seit vor gut zehn Jahren das neue Gewerbegebiet ausgewiesen wurde, gewann Otterfing nach Schätzung des Bürgermeisters etwa 500 Arbeitsplätze dazu. Die Zahl der Einpendler stieg zuletzt auf 1010. 1683 Otterfinger andererseits haben ihren Arbeitsplatz in anderen Gemeinden. 

Holzkirchen: Von 2008 bis 2018 wuchs die Bevölkerung um 8,5 Prozent, von 15 357 auf 16 663. Im gleichen Zeitraum siedelten sich laut Verwaltung 420 neue Betriebe an (März 2018: 2185), wodurch der Gewerbesteuereinnahmen auf 12 Millionen Euro anwuchsen und sich die Zahl der Einpendler auf heute 6718 steigerte (bei 4836 Auspendlern).


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