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„Sie sollten uns nicht vergessen“: Philipp Bellis Haus (r.) klebt direkt an der Holzkirchner Nordumfahrung, es gibt in dem Bereich keinen Lärmschutz. Die Lebensqualität seiner Familie werde dadurch eingeschränkt, sagt er.

Durch Mobilitätskonzept

Nordspange: Anwohner fürchten noch mehr Verkehr

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Philipp und Corinna Belli leiden unter dem Verkehr. Ihr Haus klebt direkt an der Nordspange. Sie fürchten, dass durch das Mobilitätskonzept alles noch viel schlimmer wird. 

Holzkirchen – Der Traum vom Landidyll ist geplatzt. Corinna und Philipp Belli stehen vor ihrem Reiheneckhaus, die Bank vor der Haustür können sie nicht nutzen. „Einen erholsamen Garten haben wir auch nicht“, sagt er. Denn ein Auto nach dem anderen rattert vorbei, es scheppert, als ein Lkw über den Gullideckel donnert. „Wir haben die Straße total unterschätzt“, sagt die 38-Jährige. Dabei waren sie im August 2015 extra von München rausgezogen, um etwas Ruhe zu finden. Ihr dreijähriger Sohn Benedikt saust mit seinem Bobbycar umher – nicht ganz ungefährlich. „Man muss da ständig aufpassen“, sagt seine Mutter. Morgens zwischen fünf und sechs geht das Dauerrauschen los.

Die Bellis wohnen direkt an der Nordspange, im Wohngebiet an der Gerstackerstraße, und leiden unter dem Verkehr. Einen aktiven Lärmschutz gibt es in dem Bereich nicht, ihr Haus klebt an der Straße. Was den beiden und einigen Nachbarn Angst macht: Der geplante Straßentausch, der im Mobilitätskonzept steht, könnte ihre Situation verschlimmern.

Bekanntlich plant die Gemeinde als „Königszug“, die Ortsdurchfahrt vom McDonalds-Kreisel bis zum Marktplatz (Münchner Straße) zur Gemeindestraße abzustufen, um dort freie Hand zu haben und den Ortskern zu entlasten. Zur neuen Staatsstraße könnte die Nordspange werden, die als Kreisstraße MB 9 firmiert, deren Baulast aber die Gemeinde trägt. Verkehrsexperte Ralf Kaulen rät in seiner Expertise: „Die Marktgemeinde muss ihre Möglichkeiten ausschöpfen die Nordumfahrung weiter zu stärken, um Kfz-Fahrten aus dem Marktgemeindezentrum auf die Nordumfahrung zu verlagern.“ Dies führe zu einer besseren Verkehrssicherheit im Ort.

Philipp Belli findet zwar eine Beruhigung gut: „Aber das sollte bitte nicht einseitig geschehen und nicht auf dem Rücken der Anwohner an der Nordumfahrung ausgetragen werden.“ Seine Frau sagt: „Das Mobilitätskonzept ist sinnvoll, aber sie sollten uns nicht vergessen.“ Was der Mutter zudem Sorgen macht: Parallel zur Nordspange verläuft der Schulweg. Diesen trennt nur ein dünner Grünstreifen von der Straße.

Philipp Belli unterfüttert seine Ängste mit Zahlen. Ein Gutachten von 2003 prophezeite für die Strecke 3400 Kfz pro Tag, diese Daten bekam er von der Gemeinde. Tatsächlich sind es 8000 Kfz pro Tag gewesen, heißt es im Mobilitätskonzept. Die Verkehrsprognose war damals also falsch, sagt Philipp Belli.

Er hatte zum Thema folgende Antwort aus dem Bauamt erhalten: Sein Reiheneckhaus liege im Geltungsbereich des Bebauungsplanes Nummer 109. Im Zuge der Aufstellung der Bebauungspläne 99 und 109 gab die Gemeinde eine schalltechnische Voruntersuchung zu der zu diesem Zeitpunkt in Planung befindlichen Nordumfahrung in Auftrag. „Innerhalb des Messbereichs wurden seinerzeit geringe Richtwertüberschreitungen prognostiziert, welche allerdings durch Maßnahmen zum passiven Verkehrslärmschutz an den Wohngebäuden gemindert werden können.“ Weil es deutlich mehr Kfz als angenommen sind, reicht das aus Bellis Sicht aber nicht aus.

Seine Bedenken hatte er in der Bürgerversammlung vorgetragen. Bürgermeister Olaf von Löwis beteuerte, dass die Interessen der Anwohner berücksichtigt werden, Maßnahmen müssten geplant werden. Es gelte, den Kfz-Verkehr insgesamt zu reduzieren.

Philipp Belli fordert einen aktiven Lärmschutz. Immerhin sei für das Neubaugebiet Inselkam-Maitz auch eine Schutzwand gebaut worden. Alternativ wäre eine Tieferlegung denkbar, sagt er mit Blick auf die B 318 in Warngau. Aber er weiß, dass das schwierig ist. „Das ist ja kein Wunschkonzert.“ Zumindest ein dauerhafter Blitzautomat könnte helfen, glaubt er. Damit sich alle Fahrer an das Tempo-Limit halten. Die Autobahnpolizei (APS) aber hat in dem Bereich wenig Geschwindigkeitsübertretungen festgestellt, 2016 wurden 1200 Autos gemessen, davon wurden vier beanstandet, der schnellste war 18 km/h zu schnell unterwegs. „Alles im Verwarnungsbereich“, erklärt Louis Reithinger von der APS. Philipp Belli sagt trotzdem: „Ich denke, es sollte was passieren.“

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