+
Waren einsortieren: Das gehört zu den Aufgaben von Nour Al Nabhan (l.). Der Syrer arbeitet als Hilfskraft in der Marien-Apotheke, sein Chef Christoph Gonschorek (r.) unterstützt ihn, wo er kann.

Syrer Nour Al Nabhans jobbt in Holzkirchen

Anerkannter Asylbewerber lernt für Apotheken-Kunden Bairisch

  • schließen

In Syrien wuchs er quasi in einer Apotheke auf. Jetzt arbeitet der anerkannte Asylbewerber Nour Al Nabhan (28) als Hilfskraft in der Marien-Apotheke in Holzkirchen. Für die Kunden übt er extra Bairisch.

Sein Traum schlummert zwischen vielen Medikamenten. Die Türglocke bimmelt ununterbrochen, Kunden husten, schniefen, verlangen nach der Apotheken Umschau. Mitten in diesem Trubel steht Nour Al Nabhan, ein zurückhaltender Mann mit weißem Kittel und dunklem Bart, zieht eine Schublade mit Tabletten auf. Waren einsortieren, das gehört zu seinen Aufgaben. Oder er unterstützt seine Kollegen bei der Anfertigung der Rezepturen. Mehr geht im Moment nicht – obwohl er studierter Pharmazeut ist. Aber: „Ich bin froh, in einer Apotheke zu arbeiten, mit nette Leute.“ Er korrigiert sich gleich: „Mit netten Leuten“, sagt er. „Mit Dativ.“ Al Nabhan, 28, arbeitet seit April 2016 bei der Marien-Apotheke in Holzkirchen. Das Besondere: Er stammt aus Syrien und kam im Sommer 2015 als Asylbewerber nach Deutschland. 

Al Nabhans Vater betrieb in Aleppo eine kleine pharmazeutische Firma sowie eine Apotheke. Al Nabhan wuchs quasi zwischen Medikamenten auf. „Schon mit zehn Jahren habe ich in der Apotheke mitgeholfen“, erinnert er sich. Eines Tages, als der Bürgerkrieg sein Heimatland erschütterte, fielen die Bomben. „Eine schlug direkt neben der Apotheke ein.“ Die Gebäude wurden stark beschädigt, die Firma besetzt. Inzwischen sind weite Teile der Stadt zerstört. Der Vater sei in den Kriegswirren sogar gefangen genommen worden. „Wir mussten ihn freikaufen.“ 

Schließlich floh Al Nabhan aus Aleppo. Seine Familie – er hat fünf Geschwister – lebte noch etwas länger in Syrien. Frau und Kinder hat er nicht. „Ich bin Single.“ Seine erste Station war Jordanien, wo er Pharmazie studierte. Danach ging es weiter in die Türkei, wo die Familie nun lebt. In seiner Familie gibt es viele Akademiker: Die große Schwester ist zum Beispiel Apothekerin, die kleinere Zahnärztin, und ein Bruder studiert Medizin. 

Drei Jahre lang blieb Al Nabhan in der Türkei. Als Apotheker fand er keine Anstellung. Er schlug sich als Kellner und Maler durch. Bleiben wollte er nicht. „In der Türkei hatte ich keine Freiheit“, sagt er. „Ich wollte ein gutes Leben finden.“ Dieser Wunsch trieb ihn nach Deutschland. Zunächst landete er in der Sammelunterkunft in der Turnhalle in Tegernsee, danach in den Containern in Valley. Heute ist er privat untergebracht. 

Kurz bevor der 28-Jährige nach Valley verlegt wurde, klingelte bei seinem jetzigen Chef Christoph Gonschorek das Telefon. Eine Frau aus dem Tegernseer Helferkreis fragte, ob er Arbeit für Al Nabhan hätte. Dieser habe zwei Monate in der Hof-Apotheke in Tegernsee hospitiert. Gonschorek vereinbarte ein Treffen. „Ich kannte ihn ja nicht, und wusste nicht, welche Aufgaben er erfüllen darf“, sagt er. Das Bewerbungsgespräch verlief gut. „Er war mir sofort sympathisch.“ Er dachte: „Dann machen wir das einfach.“ 

Erst hospitierte Al Nabhan sechs Wochen in der Marien-Apotheke. Damals galt er noch als Asylbewerber. „In dieser Zeit hat er seine Anerkennung bekommen“, erklärt Gonschorek. Das erleichterte vieles. Denn damit durfte Al Nabhan theoretisch uneingeschränkt arbeiten. Ganz so einfach ist es aber doch nicht, und deshalb kann der Syrer im Moment nur als Hilfskraft eingesetzt werden. Universitätsabschlüsse müssen erstmal anerkannt werden. „Das wird noch geprüft“, meint Al Nabhan. Gonschorek schaute seine Zeugnisse an. „Da waren zwar viele Stempel, aber das war alles auf Arabisch“, sagt er. Beide lachen. Zudem seien gerade für Apotheker die Regeln sehr streng. Viele Formalitäten hängen mit dran, oder Kenntnisse im Sozialgesetzbuch. Länderspezifische Sachen eben. Auch vorne an der Theke stehen geht nicht. „Im Verkauf darf nur pharmazeutisches Personal stehen“, erklärt Gonschorek. Gerne würde er Al Nabhan für Botendienste einsetzen. Aber sein Führerschein ist hier noch nicht anerkannt. „Es gibt viele Baustellen“, sagt Gonschorek. Für Kundenberatung seien noch bessere Sprachkenntnisse nötig. Al Nabhan arbeitet fleißig daran. Vormittags steht er in der Apotheke, nachmittags fährt er zum Sprachkurs an die Universität nach München. 

Trotz aller Hindernisse bleibt Al Nabhan optimistisch. „Das dauert eben alles.“ Derweil übt er den bairischen Dialekt, um sich mit Kunden besser unterhalten zu können. Einen Spruch kann er schon: „Schau ma moi“, scherzt er. Ein Spruch, der Hoffnung ausdrückt.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Von Oskar von Miller bis zur Geothermie
Die Gemeindewerke Holzkirchen feiern 125 Jahre Strom in der Marktgemeinde. Die Entwicklung geht zurück zu den Wurzeln. Das stellt die Gemeindewerke vor neue …
Von Oskar von Miller bis zur Geothermie
In der Thanner Straße: Drohung neben Hundehaufen
Hundehaufen, die von Herrchen oder Frauchen nicht entsorgt werden, sorgen öfters für Ärger und Groll. Ein Unbekannter in der Thanner Straße ging jetzt aber zu weit - und …
In der Thanner Straße: Drohung neben Hundehaufen
Ehemalige Raketenstellung: Areal nahe München steht zum Verkauf  - Doch Makler haben kein Interesse
Ein Schnäppchen ist es nicht, für betuchte Pferdefreunde aber vielleicht eine Überlegung wert: Der Pferdepark Oberland bei Kleinhartpenning steht zum Verkauf.
Ehemalige Raketenstellung: Areal nahe München steht zum Verkauf  - Doch Makler haben kein Interesse
Rechte Symbole an Hauswände gesprüht
Gibt es in Valley eine rechte Szene? Vielleicht. In den vergangenen Tagen wurden rechte Symbole an zwei Hauswände gesprüht.
Rechte Symbole an Hauswände gesprüht

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion