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Grund für baldige Rente: BOB.

Geschäftsführung muss zur BEG zum Rapport

Chaos-Bahn: Pendlerin freut sich auf Rente, weil sie dann nicht mehr BOB fahren muss

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    Florian Prommer
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Nach den teils chaotischen Wochen gibt es für die BOB Keile von allen Seiten. Pendler toben – und die Junge Union hat einen Offenen Brief geschrieben. Der Tenor: Das Maß ist voll.

Landkreis – Zuletzt fiel am Montag Schnee, an den Winterproblemen der Bayerischen Oberlandbahn hat dies bis gestern jedoch nichts geändert. Auch am Dienstag fielen zahlreiche Züge aus oder kamen irgendwann einmal. Jetzt ist es auch der Bayerischen Eisenbahngesellschaft zu dumm geworden. Sie hat die BOB-Geschäftsführung zum Krisengespräch einbestellt. Die Pendlern haben längst die Nase voll, auf den einschlägigen Internetportalen hagelt es harsche Kritik, und auch die hiesige Junge Union (JU) hat eine Protestnote verfasst. Vier Beispiele für den BOB-Wahnsinn.

Falsche Infos

Der Sohn von Brigitte Galler besucht die Fachoberschule in Holzkirchen. Er nimmt täglich die BOB, die in Agatharied um 7.07 Uhr abfährt. „Zumindest versucht er es“, seufzt die Mutter. Zuletzt hat sie den 18-Jährigen nämlich häufig mit dem Auto zur Schule gefahren. So auch am gestrigen Dienstag – und das, obwohl ihr der Kundenservice eigentlich versicherte hatte, dass der Zug fährt.

Um kurz vor 7 Uhr hat sich Galler, um nach den Zugausfällen und Verspätungen der Vorwochen auf Nummer sicher zu gehen, bei der Service-Hotline erkundigt, ob die BOB auch fährt. „Ganz sicher“, betonte der Herr am anderen Ende der Leitung. Der Zug komme, wenn auch mit acht Minuten Verspätung. Also brachte Galler ihren Sohn an den Bahnhof. Dort stand er. 40 Minuten lang. Eine BOB kam nicht. Brigitte Galler sprang mit ihrem Auto in die Bresche. Es ist beileibe kein Einzelfall.

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„Es ist ja laufend irgendwas, das ärgert mich schon den ganzen Winter“, sagt sie. Noch mehr ärgert sie eigentlich nur die Falsch-Information des Kundenservices. „Diese Kommunikationsschwäche stört mich wahnsinnig – das ist ein Unding.“

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Teure Alternative - und Vorfreude auf baldige Rente

260 Euro pro Monat lässt sich Regina Schlieter ihre Zug-Pendelei von Bad Wiessee nach München kosten. „Ich habe keinen Führerschein“, sagt sie. Und außerdem wolle sie den Verkehr im Tegernseer Tal nicht noch mehr belasten. In diesem Winter zahlt Schlieter für ihr Umweltgewissen aber ordentlich drauf. Im Januar ist sie genau elf Mal mit der BOB in die Arbeit gefahren. Zehn Tage musste sie wegen der wetterbedingten Ausfälle Zwangsurlaub nehmen. Am Dienstagmorgen ließ sie die BOB wieder im Schnee stehen. 45 Minuten habe sie am Schaftlacher Bahnhof in der Kälte gewartet, ehe ein überfüllter Zug eingefahren sei. „Da war das Maß für mich endgültig voll“, schimpft sie. Über ihre Rückfahrt konnte Schlieter am Nachmittag noch nichts sagen. „Wahrscheinlich nehme ich wieder den Bus.“

Zwei Mal pro Tag pendle eine RVO-Linie vom Tal aus nach München und zurück. Das Ticket für rund zehn Euro kostet Schlieter zwar nochmals zehn Euro extra, aber die zahlt sie gerne. „Wenn der Bus häufiger fahren würde, bräuchte ich die BOB gar nicht mehr.“ Endgültig befreit von ihren Pendler-Sorgen ist Schlieter im Frühjahr 2020. Dann geht sie in Rente. „Aber leider liegt da noch ein Winter dazwischen.“

Berufliche Belastung

Elisabeth Gerl ist eine überzeugte Bahn-Fahrerin. Von Hausham aus kommt sie mit dem Zug bequem zu ihrer Arbeitsstelle in einem Krankenhaus im Münchner Süden. „Ich fahre gerne mit der BOB“, sagt sie und fügt nach einer kurzen Pause an: „Eigentlich.“ Denn die vergangenen Wochen strapazierten die Beziehung.

Zugausfälle und die teils massiven Verspätungen beeinflussten, wie bei vielen Pendlern, ihren beruflichen Alltag. „Ich habe seit drei Wochen Stress, ob ich überhaupt in die Arbeit komme, wie ich hin komme und wann ich da bin“, sagt Gerl. Termine habe sie zuletzt häufig spontan von unterwegs aus verschieben oder absagen müssen. Wenn sie es überhaupt ins Krankenhaus schaffte. Als die BOB Mitte Januar für zehn Tage stillstand, habe sie zwei Urlaubstage opfern müssen. Den Rest der Zeit habe sie ihr Mann mit dem Auto zur S-Bahn nach Holzkirchen oder, als die Verbindung nach München komplett erlag, gleich bis in die Klinik gefahren. Eine Option, gegen die sich eigentlich Gerl sträubt. Der BOB den Rücken wenden? Keine Chance. „Autofahren ist für mich keine Alternative.“

Offener Brief

Hat die Nase voll: Thomas Klotz, Vorsitzender der JU Miesbach, mit dem Offenen Brief an BOB und DB Netz.

Für einen Vortrag von Wissenschaftler Harald Lesch wäre Thomas Klotz am Sonntagabend gerne mit der BOB nach München gefahren. Doch da stand der Betrieb bereits wieder still. „Wegen 20 Zentimeter Neuschnee“, sagt Klotz und schüttelt den Kopf. Spätestens seit diesem Erlebnis steht für den Vorsitzenden der JU Miesbach fest, dass es so nicht weitergehen kann. Deshalb hat er nun zusammen mit der Arbeitsgruppe ÖPNV des JU-Kreisverbands einen Offenen Brief an die BOB und die für die Schienen-Infrastruktur zuständige DB Netz AG geschickt. Ganz bewusst, weil sich beide Stellen zuletzt die Schuld gegenseitig zugeschoben haben.

„Seit mehreren Wochen erscheint es so, als komme der Öffentliche Personennahverkehr im Landkreis Miesbach regelmäßig zum Erliegen“, schreibt die JU. Bei Schnee fahre die BOB gar nicht mehr. Der Schienenersatzverkehr habe sich als „keine befriedigende Alternative“ erwiesen. Viele Pendler hätten auf ihren privaten Pkw ausweichen oder von zuhause aus arbeiten müssen, weil Fahrzeiten von vier Stunden und mehr nicht mehr vertretbar seien.

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Es sei nicht hinnehmbar, dass ein ICE aus Kiel fünf Minuten Verspätung habe, die BOB aus Bayrischzell dagegen 45 Minuten und mehr. Darüber hinaus sei die Informationspolitik „sehr dürftig“ ausgefallen. Die DB Netz konfrontiert die JU überdies mit Fragen zu deren Räum- und Fräsloks für das Oberland.

Die Konsequenz des aktuellen Zustands sei nicht zuletzt ein „abschreckendes Bild für die Urlaubsregion Miesbach“, heißt es im Brief. In diesem Zug erinnert Klotz die BOB an ihre per Gesetz vorgegebene „Aufgabe der Daseinsvorsorge“. Insbesondere junge und ältere Menschen seien auf den Zug angewiesen – und davon abhängig. Auch Klotz selbst stellt das als Berufspendler immer wieder fest. Seinen verpassten Vortrag hat er sich übrigens im Internet angeschaut.

sg / fp

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Die BOB-Technik wurde vom Sommer eingeholt. Ein Talent-Zug musste in Holzkirchen evakuiert werden. Der Grund: Überhitzung im Fahrgastraum.

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